Interview

„Die meisten jungen Polen wissen wenig“

„Fakt“-Chefredakteur Grzegorz Jankowski über das Holocaust-Gedenken

Je weiter die Geschichte in die Ferne rückt, desto deutlicher wird der Eindruck: Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Am heutigen Freitag wird in Warschau in Anwesenheit der letzten lebenden Kämpfer des Aufstands im Getto gedacht. Über die Bedeutung des Aufstands im heutigen Polen sprach Gerhard Gnauck mit dem Chefredakteur der polnischen Zeitung „Fakt“.

Berliner Morgenpost:

Der Warschauer Erzbischof, Kazimierz Kardinal Nycz, lässt zur Erinnerung an das Getto in diesem Jahr erstmals die Glocken der Kirchen läuten. Was bedeutet das?

Grzegorz Jankowski:

Das ist eine sehr symbolische Entscheidung. Bisher haben viele Polen, so meine ich, die wichtigen Jahrestage, die das Martyrium des jüdischen Volkes betreffen, nur am Rande wahrgenommen. Das war weniger eine Missachtung, es hatte eher damit zu tun, dass man im Erleben des damals erlittenen Albtraums keine Gemeinsamkeit verspürte. Das hatten übrigens auch die deutschen Besatzer sehr wirksam oktroyiert. Daher ist die Entscheidung von Kardinal Nycz wichtig. Sie zeigt, dass die Tragödie des Ghettos nicht nur die Tragödie der darin eingeschlossenen Juden ist. Sie soll vielmehr als Erfahrung von allen polnischen Mitbürgern, die mehrheitlich Katholiken sind, erlebt und erinnert werden.

Was bedeutet der Aufstand für junge Polen heute?

Ich fürchte, die meisten jungen Polen wissen heute wenig über den Holocaust. Wie auch über andere wichtige Ereignisse unserer Geschichte. Das liegt meines Erachtens nicht an verborgenen antisemitischen Einstellungen. Eher an den Schwächen des Bildungssystems und daran, dass unser Staat irgendwann aufgehört hat, im guten Sinne des Wortes Geschichtspolitik zu betreiben. Es geht darum, an wichtige Ereignisse zu erinnern, ihre Helden zu ehren, auf gute und auf schlechte Verhaltensweisen hinzuweisen und, gestützt auf die Geschichte, gute Verhaltensmuster zu prägen. Daran hat es gefehlt. Ein anderer Grund ist, dass Polen sich seinen Wohlstand erst noch erarbeiten muss, dass die Menschen hier hart arbeiten und vor allem an die Zukunft ihrer Familien denken. Wenn man einem besseren Leben nachjagt, in dem neuen Staat seine Chancen sucht, bleibt oft nicht viel Zeit, in den Familien die Geschichte zu pflegen.

Seit Wochen wird debattiert, wie jene Polen geehrt werden sollen, die unter Lebensgefahr Juden gerettet haben, und ob dies in Nachbarschaft zum Getto-Denkmal geschehen soll. Was ist Ihre Meinung?

Wir wissen, dass das Verstecken von Juden während des Krieges eines bedeutete: den Tod aus der Hand der deutschen Besatzer. So war jede Hilfe für die Juden seitens dieser „Gerechten unter den Völkern“, wie sie in Yad Vashem heißen, großes Heldentum. Andererseits ist der Holocaust, die Ermordung eines ganzen Volkes, in der Weltgeschichte beispiellos und unvorstellbar bis heute. Daher kann ich die „Gerechten“ und die Opfer des Holocaust nicht in eine Waagschale legen. Ich finde keine Antwort auf Ihre Frage.