Aufstand im Warschauer Getto

„Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr“

Vor 70 Jahren begann die Rebellion der Juden. Eine Studie belegt, wie sehr die deutsche Polizei verstrickt war

Am Montagmorgen um drei Uhr geht der Tod in Stellung. Gut zwei Stunden vor Sonnenaufgang beziehen am 19. April 1943 mehr als 1000 Uniformierte Position rings um die 3,50 Meter hohe Mauer des Gettos mitten in der besetzten polnischen Hauptstadt Warschau. Die Männer der Waffen-SS, der deutschen Polizei sowie ukrainische Freiwillige haben den Auftrag, das größte bestehende Getto in Europa zu „räumen“.

Die noch rund 60.000 zusammengepferchten Juden sollen ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort vergast werden; wer sich wehrt, soll an Ort und Stelle „vernichtet“ werden. Die SS-Leute und Polizisten stellen Maschinengewehre auf, damit eventuell flüchtende Getto-Insassen niedergemäht werden können. Möglichst niemand soll überleben, sämtliche Häuser sollen dem Erdboden gleichgemacht werden.

Den ersten Versuch, das Getto zu „räumen“, hatten jüdische Widerstandskämpfer Mitte Januar 1943 verhindern können: Nach vier Tagen Gefechten zog sich die SS damals zurück. Statt wie geplant jeden dritten Juden hatten sie nur etwa jeden zehnten deportieren können. Drei Monate später will der zuständige „SS- und Polizeiführer“ in Warschau, der Österreicher Ferdinand von Sammern-Frankenegg, seine mörderische Aufgabe vollenden. Er fordert zusätzlich zu seinen deutschen Polizisten ein Bataillon Waffen-SS an und zieht die Räumung drei Tage vor – auf den Beginn des Pessachfestes, mit dem Juden an den Auszug der Israeliten unter Moses’ Führung aus Ägypten erinnern und das den Gedanken der Freiheit in sich trägt. Am Ende des Festes, so die perfide Überlegung der Besatzer, soll der 1940 eingerichtete „jüdische Wohnbezirk“ in Warschau nicht mehr existieren. Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass SS-Chef Heinrich Himmler dem „Führer“ Adolf Hitler an dessen 54. Geburtstag am 20.April 1943 ein „Geschenk“ der besonderen Art machen will: melden, dass Warschaus Juden jetzt deportiert werden. Sichere Belege dafür gibt es aber nicht.

Das Datum für den Beginn der Großdeportation ist inzwischen durchgesickert. Sammern-Frankenegg, ein überzeugter Antisemit, rechnet trotzdem nicht mit größerem Widerstand, erhält aber den als durchsetzungsstark bekannten SS-Offizier Jürgen Stroop zugeordnet. Um sechs Uhr morgens marschieren dann die SS-Männer und Polizisten, begleitet von zwei Schützenpanzern und einem erbeuteten Panzer, ins Getto ein. Doch umgehend flammt heftige Gegenwehr auf. Aus improvisierten Stellungen schießen Getto-Insassen auf die vorrückenden SS-Männer, mit Molotowcocktails setzen sie den Panzer in Brand. 18 der Angreifer werden verwundet. Die Verluste der Verteidiger sind bedeutend höher, doch sie kämpfen mit dem Mut der Verzweiflung.

Bald befiehlt Sammern-Frankenegg den Rückzug. Er will Sturzkampf-Bomber anfordern, um das Getto in Grund und Boden zu bomben. Nun greift Jürgen Stroop ein und übernimmt selbst das Kommando. Beim zweiten Angriff an diesem Tag gelingt es, ein Stück weit ins Getto vorzurücken. Insgesamt 580 Juden werden „erfasst“, wie Stroop seinem Vorgesetzten telegrafiert. Doch abends haben die Deutschen immer noch keinen Durchbruch erzielt, abermals ziehen sie sich zurück.

Der neue Befehlshaber, der vor allem ein Verwaltungsbeamter und weniger ein Praktiker des Völkermordes ist, beauftragt nun einen Spezialisten mit der Aufgabe der Gettoräumung: Der württembergische Polizeimajor Ewald Sternagel leitet ab dem 20. April 1943 den Kampf als Stroops Stabschef.

Bereits mehrfach hatte der Stuttgarter Karrierepolizist Massenerschießungen von Juden organisiert. Während Stroop noch „vor Wut kocht“ über den unerwartet heftigen Widerstand, schafft Sternagel schnell blutige Tatsachen. Einer seiner Untergebenen, der sich als Melder in Stroops Hauptquartier aufhält, sagt später aus: „Sternagel ließ die Juden, die einzeln herankamen, im Hof des Judenratsgebäudes durch die Melder erschießen.“ Der Zeuge selbst beteuert, sich „gedrückt“ zu haben – das Gegenteil kann ihm nicht bewiesen werden.

Tunnel verbinden die Stellungen

Die große Rolle von Ewald Sternagel und generell deutschen Polizisten bei der „Räumung“ des Warschauer Gettos stellt jetzt, 70 Jahre nach dem Aufstand und seiner Niederschlagung, zum ersten Mal der Historiker Stefan Klemp dar. Der als Rechercheur für das Simon-Wiesenthal-Center in Jerusalem tätige Experte hat ein Buch geschrieben, das dieser Tage erscheint. „Vernichtung. Die deutsche Ordnungspolizei und der Judenmord im Warschauer Ghetto 1940 bis 1943“ beleuchtet diesen Aspekt des Holocaust zum ersten Mal umfassend.

Trotz des völlig rücksichtslosen Vorgehens von SS und deutscher Polizei kommt es weiter zu harten Kämpfen. Zur Überraschung von Stroop und Sternagel hat die jüdische Widerstandsorganisation Żydowska Organizacja Bojowa (ŻOB) seit den Januarkämpfen umfangreiche Vorbereitungen getroffen: Unter vielen Häusern sind mit einfachen Mitteln gesicherte Bunker entstanden, die über Schießscharten verfügen. Dutzende Tunnel verbinden die Stellungen der Aufständischen miteinander.

Sie wissen, dass sie sich opfern – aber sie wollen ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen. Fluchttunnel haben sie deshalb kaum gegraben. „Die radikale Konzeption gibt dem Aufstand im Warschauer Getto den Charakter eines Volksaufstandes“, urteilt der Historiker Israel Gutman rückblickend, der selbst als 20-Jähriger mitgekämpft hat. Im Gegensatz zu den meisten anderen Verteidigern überlebt er, wird nach der Niederschlagung des Aufstandes in ein KZ deportiert, überlebt abermals und kann 1946 nach Palästina auswandern. Im Staat Israel steigt Gutman bis zum Chefwissenschaftler der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auf.

Im Getto allerdings wird die Lage der Aufständischen immer verzweifelter. Sie haben ohnehin nur eine Schusswaffe für jeweils fünf Männer und kaum Munition. Weil Sternagel und Stroop die Taktik ändern und die Häuser Block für Block in Brand setzen lassen, wird die Situation in den viel zu engen Bunkern unerträglich. Als die deutschen Angreifer nach mehr als zwei Wochen Kampf am 7. Mai 1943 den zentralen Bunker mit den Anführern des ŻOB umstellen, begehen die meisten von ihnen Selbstmord. Wenige fliehen.

Während Polizeimajor Sternagel die eigentlichen Kämpfe leitet, berichtet Stroop detailliert Tag für Tag an seinen Vorgesetzten. Diese Telegramme lässt er Ende Mai 1943 in einem 75-seitigen Bericht zusammenfassen, dem 52 Fotos hinzugefügt werden. Auf der Titelseite steht in deutscher Kalligrafie der triumphierende Satz: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“ Der Bericht stellt Stroops Rolle in den Vordergrund. Er will damit wohl seinen Vorgesetzten und vor allem SS-Chef Himmler beeindrucken. Zufällig bleiben alle drei Exemplare dieses Zeugnisses des Massenmordes erhalten. Stolz hält der Bericht fest: „Insgesamt 13.929 Juden wurden vernichtet.“ Weitere 5000 bis 6000 seien „bei Sprengungen und durch Feuer vernichtet worden“. Mehr als 42.000 Menschen müssen Züge ins KZ Majdanek besteigen; viele von ihnen sterben dort.

An seinen Helfer Sternagel denkt Stroop auch: Er schlägt vor, ihn mit dem Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse auszuzeichnen. Nach dem Krieg verlaufen die weiteren Lebenswege der beiden fast entgegengesetzt: Stroop wird im Mai 1945 mit falschen Papieren festgenommen und enttarnt. Es folgt eine Anklage, das Todesurteil und die Auslieferung nach Polen. Hier wird er am 6. März 1952 für vieltausendfachen Mord gehängt.

Sternagel dagegen kann nach Kriegsende zunächst erfolgreich untertauchen. Zwar muss der ehemalige Polizeioffizier seine Familie als Wachmann durchbringen, doch erst 1960 wird er erstmals zu seiner Rolle beim Gettoaufstand vernommen. Er behauptet, er habe in erster Linie die äußere Absperrung sicherzustellen gehabt. Die Lüge verschafft ihm weitere fünf Jahre in Freiheit. Erst 1965 erlässt das Amtsgericht Hamburg Haftbefehl wegen „Beihilfe zu Mord in mindestens etwa 19.000, höchstens mehreren Zehntausend Fällen“. Allerdings verraten die Akten nicht, ob der seinerzeit 67-Jährige tatsächlich festgenommen wird. Das Verfahren jedenfalls geht erst 1972 weiter. Dann dauert es jedoch nur wenige Tage, bis sein Anwalt ein Attest vom 13. November 1972 vorlegt, wonach Sternagel verhandlungsunfähig sei. Bald darauf wird das Verfahren gegen ihn eingestellt. Zur Rechenschaft gezogen wird er nie.

Nach 70 Jahren rückt mit der Person Ewald Sternagel endlich die Rolle der deutschen uniformierten Polizei bei der mörderischen „Räumung“ des Warschauer Gettos in den Blickpunkt. Das ist vor allem der Verdienst von Stefan Klemp. So wichtig es nämlich ist, an die Opfer des Holocaust zu erinnern, so sehr sollte man auch auf die Täter schauen und sich vor Augen führen, wie sie zu Massenmördern wurden.