Bildung

Biologie mit der Bibel

Glaube: Bekenntnisschulen wollen die Naturwissenschaften für religiöse Deutungen öffnen. Der Berliner Professor Leinfelder reagiert alarmiert

Reinhold Leinfelder ist kein Gegner des christlichen Glaubens. Der Professor für Paläontologie und Geobiologie an der Freien Universität plädiert für konfessionellen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Und obwohl er in seiner Zeit als Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums (2006 bis 2010) viel mit bibeltreuen Gegnern der Evolutionstheorie stritt, sagt der 56-Jährige: „Gegen eine geeignete Behandlung der biblischen Schöpfungslehre im Schulunterricht ist nichts einzuwenden.“

Scharf aber kritisiert Leinfelder eine „Stellungnahme“ zu „Evolution und Schöpfungslehre“, die auf der Homepage des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) steht. Hier würden „Schüler in grotesker Weise falsch über das Wesen der Wissenschaft unterrichtet“, sagte Leinfelder der Berliner Morgenpost. Zugleich vermittele man den Schülern „ein völlig falsches Bild von der Religion“.

Der VEBS gibt auf der Homepage an, „30.000 Schülerinnen und Schüler an 168Schulen“ zu haben. Doch im Verzeichnis der „Mitgliedsschulen“ werden nur 46freie Schulen aufgelistet – von Grundschulen bis Gymnasien –, die staatlich bezuschusst werden und sich vor allem in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg finden. In Berlin gibt es drei Grundschulen sowie eine Sekundarschule, die Corrie-ten-Boom-Schule in Prenzlauer Berg. Alle VEBS-Schulen bemühen sich um eine „ganzheitliche Orientierung der Unterrichtsinhalte am Deutungsrahmen der Bibel“. Daraus folgt soziales Engagement, das oft gelobt wird.

Doch folgt daraus auch, die Naturwissenschaften nicht für die einzige sachgerechte Form des Umgangs mit den Befunden der Biologie oder Physik zu halten. Vielmehr scheint der VEBS auch eine andere Möglichkeit für die Entwicklung sinnvoller Hypothesen zur Entstehung von Universum und Leben zu sehen: die Bibel. In jener Stellungnahme – empfohlen „zur Orientierung und Auseinandersetzung in den Fachkollegien in Religion und Naturwissenschaften“ – heißt es: „Übernatürliche Schöpfung ist Ausgangspunkt für die Deutung naturwissenschaftlicher Daten. Die wissenschaftlichen Daten, die durch Schöpfung gedeutet werden, sind dieselben wie die Daten, die durch Evolution gedeutet werden. Die naturwissenschaftliche experimentelle Forschung unterscheidet sich methodisch nicht von Forschung im Rahmen der Evolutionsanschauung.“

Demnach wäre eine Betrachtung empirischer Befunde im Licht der Bibel („Evolutionsanschauung“) methodisch gleichrangig mit der Naturwissenschaft. Zwar gibt es laut Text auch Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft, doch wird beansprucht, dass die Bibel naturwissenschaftlich relevant sei: „Der prinzipielle Ausschluss von anderen Antworttypen als Evolution ist Ausdruck einer Ideologisierung“, heißt es da. Zwar solle „staatlichen Bildungsplänen Rechnung getragen“ und die Evolutionstheorie vermittelt werden, aber: „Zur wissenschaftlichen Vorgehensweise gehört die Offenheit für verschiedene Antworten.“

„Falsch und gefährlich“

Der Text stammt von Reinhard Junker, Geschäftsführer der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“. Die bemüht sich seit Langem, biblische Schöpfungslehren als legitime Partner der Wissenschaft zu etablieren. Man will nicht im Verdacht des „Kreationismus“ stehen (Gott schuf die Welt in sieben Tagen), beansprucht aber, „naturwissenschaftliche Daten, welche die Herkunft der Welt und des Lebens betreffen, im Kurzzeitrahmen der biblischen Urgeschichte zu deuten“, wie es in einem Text von „Wort und Wissen“ heißt.

Für Leinfelder liegt in dieser behaupteten Wissenschaftlichkeit das zentrale Problem der von Junker verfassten Stellungnahme. Es sei „falsch und gefährlich“, so Leinfelder, „die biblische Schöpfungslehre der Evolutionstheorie gleichberechtigt an die Seite zu stellen, wie es in diesen Empfehlungen beschrieben wird“. Der Text suggeriere zwar, „dass man die wissenschaftliche Evolutionstheorie achten und würdigen wolle“, praktiziere aber „das Gegenteil“. Indem dort nämlich behauptet werde, „Wissenschaft sei bloß eine Philosophie, eine Art Weltanschauung, neben der gleichberechtigt die religiöse Weltanschauung stehen könnte“, sodass man nach „Harmonisierungsmöglichkeiten“ suchen müsse.

Die aber gebe es nicht, „weil Wissenschaft und Religion zwei völlig unterschiedliche Kategorien sind, die nicht dasselbe beschreiben“. Leinfelder weiter: „Wenn die Evolutionstheorie bestimmte Phänomene nicht erklären kann oder Lücken in der Befundlage feststellt – was zum täglichen Brot der Wissenschaft gehört –, muss weiter geforscht, müssen die Hypothesen überprüft werden. Es besteht aber keinerlei Anlass, den Glauben in die Lücken springen zu lassen.“

Ein Problem ist die Stellungnahme für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die sich seit Langem gegen jede Behauptung einer Gleichrangigkeit von Naturwissenschaft und Schöpfungslehre ausspricht. Ihr Arbeitskreis Evangelischer Schulen (AKES) als Plattform für Schulen in Trägerschaft von Diakonie und verfasster Kirche unterhält zwar keinerlei offiziellen Kontakte zum VEBS. Doch einige seiner Mitgliedsschulen arbeiten im AKES mit und veröffentlichen auf dessen Homepage ihre Grunddaten. Diese Schulen, so heißt es, seien im AKES in der Evolutionsdebatte bislang nicht aufgefallen.

Dennoch sieht es Birgit Sendler-Koschel, Leiterin der Bildungsabteilung im EKD-Kirchenamt und eine der beiden AKES-Vorsitzenden, „kritisch, dass der VEBS diese Empfehlungen veröffentlicht hat“, sagt Sendler-Koschel der Berliner Morgenpost. Schließlich gebe es „für ‚evangelische Schule‘ ja keinen Markenschutz“, sodass der Eindruck entstehen könne, „dass es sich hier um Empfehlungen für evangelische Schulen im Allgemeinen handelt“. Das aber sei nicht der Fall. „Vielmehr halten wir diese Empfehlungen für extrem verunklarend. Sie verwischen den grundlegenden erkenntnistheoretischen Unterschied zwischen den biblischen Schöpfungserzählungen und der naturwissenschaftlichen Forschung, wie sie in der Evolutionstheorie ihren Ausdruck findet.“ Sie habe, so Sendler-Koschel, „den Eindruck, dass diese Empfehlungen einer der sich in den letzten Jahren häufenden Versuche sind, kreationistische Lehren an den Schulen unterzubringen“.

Tatsächlich gab es des Öfteren Vorstöße, um die Bibeltreue in den naturwissenschaftlichen Unterricht zu bringen. Überregional bekannt wurde 2007 die These der damaligen hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU), es gebe „erstaunliche Übereinstimmungen“ zwischen Bibel und Evolutionstheorie, worüber man „auch im Biologieunterricht“ sprechen solle. Wolff stieß damit auf allgemeine Ablehnung. Die „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ wiederum hat das unter anderem von Reinhard Junker verfasste Buch „Evolution. Ein Kritisches Lehrbuch“ an viele Schulen verschickt und damit versucht, dort bibeltreue Naturdeutungen unterzubringen.

Die EKD will dem neuerlichen Versuch nicht tatenlos zusehen. Sendler-Koschel kündigte an, bei Bedarf im kirchlichen Schul-Arbeitskreis über jene „Stellungnahme“ zu sprechen: „Wir sind zwar nicht gewillt, dort kreationistischen Positionen ein Forum zu geben“, sagt Sendler-Koschel, „aber falls nötig, werden wir im Arbeitskreis deutlich machen, dass wir aus theologischen und schulpädagogischen Gründen diese Empfehlungen ablehnen.“

Deutlich kritisiert das nordrhein-westfälische Schulministerium von Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) den VEBS-Text: „Die geltende Rechtslage lässt keine Freiräume für die Behandlung des Themas ‚Schöpfung und Evolution‘ in der von Herrn Junker vorgeschlagenen Form zu“, teilte das Ministerium auf Anfrage dieser Zeitung mit. Auch christliche Bekenntnisschulen seien an die geltenden Richtlinien und Lehrpläne gebunden, und laut denen werde im Biologieunterricht „ganz klar auf der Basis naturwissenschaftlich belegbarer Beweisführung Evolution unterrichtet“. Und das werde man auch kontrollieren: „Die Schulaufsichtsbehörden achten darauf, dass diese Vorgaben in der Schulpraxis eingehalten werden.“

Schweigen in Prenzlauer Berg

Ähnlich die bildungspolitische Sprecherin der Grünen im NRW-Landtag, Sigrid Beer, die in der Kirchenleitung der evangelischen Landeskirche von Westfalen mitwirkt. „Es gibt keinen Platz für Kreationismus in NRW“, sagt Beer. Alle Schüler hätten einen umfassenden Anspruch auf Bildung. Daher müsse „schulaufsichtlich gesichert werden, dass die Evolutionstheorie fachlich angemessen in allen Schulen vermittelt wird“.

Ganz anders das SPD-geführte Kultusministerium in Baden-Württemberg. Dort hat man keine Einwände gegen jene Stellungnahme, denn darin heiße es ja, dass „den staatlichen Bildungsplänen Rechnung getragen werden“ solle. Und weitergehende Beurteilungen, „insbesondere zu den religiösen Bekenntnissen“, könne das Ministerium „nicht vornehmen“.

Auch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung sieht jene „Ausführungen zur Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen als durch das Gesetz gedeckt“ an, wie die Behörde dieser Zeitung mitteilte. Schließlich sei es ja „Ziel“ jener Empfehlungen, „den Schülern ein eigenes Urteil zu ermöglichen auf der Basis einer ausgewogenen Darstellung“.

In der Tat ergibt sich für die Schulaufsicht aus jener Stellungnahme kein unmittelbarer Anlass zum Einschreiten, da jener Text nur eine Empfehlung ist und die Umsetzung „von den jeweiligen Lehrkräften abhängt“, wie VEBS-Generalsekretär Berthold Meier betont. Doch nachfragen, wie es die Schulen mit dem Text halten, kann man. Was aber nicht einfach ist: Die Corrie-ten-Boom-Schule in Prenzlauer Berg teilt mit: „Wir äußern uns nicht zu dem Thema.“