Interview

„Beim Hirntod erlischt der Mensch als Person“

Manipulationen in der Transplantationsmedizin werden zukünftig schwerer, sagt Rainer Hess.

Der Jurist ist im Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) für Restrukturierung und Qualitätssicherung zuständig. Strukturveränderungen sind zügig umzusetzen, die Zögerlichkeit beim Organspenden braucht länger, sagt Hess im Gespräch mit Wolfgang W. Merkel.

Berliner Morgenpost:

Ging es bei den Manipulationen von Patientenakten „nur“ um Verstöße gegen Regeln der Bundesärztekammer oder auch um Straftaten?

Rainer Hess:

In einem bereits anhängigen Verfahren wird das Gericht zu prüfen haben, ob es sich um Fälle von versuchter Tötung handelt. Im Moment sind aber keine konkreten Opfer dieser Manipulationen bekannt, also Patienten, die gestorben sind, weil ihnen ein zustehendes Organ vorenthalten wurde. Juristisch ist das ein spannendes Verfahren.

Sind die Vergaberegeln klar definiert?

Sie sind klar definiert, aber nicht unumstritten. Die übergeordneten Kriterien sind Erfolgsaussicht und Dringlichkeit. Hieraus ergeben sich immer wieder Diskussionen um Gewissensnöte sowie medizinische und moralische Grauzonen. Etwa wenn die Frage im Raum steht, ob ein Organ eher ein älterer Patient mit höchster Dringlichkeit bekommt oder ein jüngerer Patient mit geringerer Dringlichkeit, dem dieses Organ aber eine längere Überlebenszeit schenkt. Aber die Regeln sind klar, und sie sind nicht geheim. Sie müssen eingehalten werden, damit das System funktioniert. Die Entscheidung darf nicht dem einzelnen Arzt überlassen bleiben, die Warteliste muss eingehalten werden.

Viele Menschen sehen Organtransplantationen skeptisch, weil sie den Hirntod-Kriterien misstrauen. Können Sie diese Skepsis nachvollziehen?

Die kann ich verstehen, sie ist menschlich. Zunächst einmal muss man aber betonen, dass Hirntod und Organentnahme nicht gekoppelt sind. Erst wenn ein behandelnder Arzt den Hirntod, also das endgültige Erlöschen aller Hirnfunktionen, festgestellt hat und dies von einem zweiten unabhängigen Arzt bestätigt wurde, ist die Organentnahme zulässig. Das Problem ist eher die zweite emotionale Ebene. Der hirntote Mensch erscheint nach alltäglicher Erfahrung noch nicht tot zu sein, weil er durch die angeschlossenen Maschinen zu atmen scheint – er wird aber beatmet. Er kann sich durch neuronale Restaktivitäten bewegen, und er ist warm. Das ist nicht der Tod, den wir kennen. Die Diskussion wird mit großer Emotionalität geführt, und Menschen fragen: Wird der Tod bei mir vielleicht zu früh festgestellt? Aber wir wissen heute, dass beim Hirntod der Mensch als Person endgültig erloschen ist.

Glauben Sie, dass das neue Transplantationsgesetz mehr Menschen animieren wird, Organspender zu werden?

Das hoffe ich. Durch die Entscheidungslösung werden sie regelmäßig informiert und um eine Entscheidung gebeten. Das ist wichtig, denn jede Organspende rettet Leben. Aber es muss auch Vertrauen wieder aufgebaut werden. Wir erarbeiten bessere Kriterien für die Qualitätssicherung, um Manipulationen auszuschließen. So sollen zum Beispiel die Daten der Dialysebehandlung besser gesichert werden, damit das Vortäuschen einer nicht stattgefundenen Dialyse nicht mehr möglich ist. Daneben müssen die Möglichkeiten der Sanktionierung von Wartelistenmanipulationen und regelmäßiger Kontrollen aller Transplantationsprogramme genutzt werden.

Und die Hirntod-Diskussion?

Die Aufklärung darüber braucht Zeit. Dass die Krankenkassen ihre Versicherten anschreiben, ist nur ein Einstieg. Es geht jetzt erst einmal um Informationen und darum, die Menschen zu Lebzeiten einer Entscheidung näherzubringen. Sie sollen frei entscheiden und können sich auf dem Organspendeausweis ja auch klar gegen eine Spende aussprechen.

Was bewegt Menschen, Spender zu werden?

Manche kennen in ihrem persönlichen Umfeld chronisch Kranke, etwa mit Herzschwäche. Zu sehen, dass diese Menschen eine Spende zum Überleben brauchen, motiviert zur eigenen Spendebereitschaft – auch wenn die eigene Spende dieser konkreten Person nichts nützen würde. Wir beobachten aber auch eine grundsätzliche Hilfsbereitschaft. Einige sagen sich: Wenn mein Leichnam ohnehin zu Asche wird, ich aber vorher noch ein Leben retten kann, dann tue ich das.