Bürgerkrieg in Syrien

„Sie haben ihre Familien sterben sehen“

THW versorgt 90.000 Syrer, die aus ihrer Heimat nach Jordanien fliehen mussten. Heute reist der US-Präsident in die Region

Der Krieg ist zehn Kilometer entfernt. Man kann ihn zwar nicht hören, aber sehen – in den Augen der Kinder. Die gleichen Augen sind weit aufgerissen vor Freude, wenn es Abwechslung gibt im Lageralltag. Wenn die jordanische Polizei mal hindurchfährt oder eine Patrouille der Fremdenlegion. Wenn Essen verteilt wird oder Fremde mit großen Autos kommen, bewacht von anderen Fremden mit Pistolen, um sich die Lage im syrischen Flüchtlingslager Al-Zaatari in Jordanien anzuschauen. Doch die meiste Zeit sind die Augen traurig, und man kann ahnen, was sie schon sehen mussten, seit Tagen, seit Wochen. Auf der anderen Seite der Grenze, in ihrer Heimat Syrien. Dort, wo die Oppositionellen von Regierungstruppen bekämpft werden. Hingerichtet durch Schüsse in den Hinterkopf, nachdem ihre Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken fixiert wurden.

Mehr als eine Million Syrer haben seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2011 ihre Heimat verlassen. Viele davon in Richtung Jordanien. Dort wurde ein Lager mit der Größe von 1000 Fußballfeldern wurde im Grenzgebiet errichtet. Hilfsorganisationen aus Marokko und Frankreich sind dort, ebenso Unicef, UNHCR, und Save the children. Und ehrenamtliche Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW). Die Mission läuft seit Juni vergangenen Jahres, bis Juni dieses Jahres soll das Engagement andauern. Reporter der Berliner Morgenpost besuchten das Flüchtlingslager in Al-Zaatari. Dort, wo zurzeit 90.000 Menschen leben, davon 40.000 Kinder, von denen zehn Prozent keine Eltern mehr haben.

Die Fahrt ins Camp ist hektisch. Es wird im Konvoi gefahren, mit Polizeibewachung vorn und hinten, und sehr schnell. Wenig Abstand wird zwischen den Wagen gehalten, die jordanischen Sicherheitskräfte fordern alle anderen Fahrzeuge per Außenlautsprecher auf, zur Seite zu fahren. Es wird pausenlos gehupt, es ist laut. Nach eineinhalb Stunden ist der Eingang zum Haupttor erreicht. Neuankömmlinge müssen sich hier melden. Militäreinheiten mit Schutzwesten und Schlagstöcken sichern das Areal, einige sind maskiert. Der Fahrer ermahnt die Reporter: „Keine Fotos von den Soldaten! Sonst verschwinden die Bilder, und euch nehmen sie mit.“

Ruhe gibt Vertrauen

Der Weg durch das Lager führt vorbei an alten Menschen. Manche von ihnen sitzen in Rollstühlen. Kinder spielen neben Mülltonnen, gehen barfuß und betteln. In all dem Elend bleibt einer sehr ruhig: Albrecht Broemme ist der Bundeschef des THW, früher war er Chef der Berliner Feuerwehr. Die Ruhe zu bewahren ist wie ein Schutz für ihn. Denn wer ruhig ist, gibt den anderen Vertrauen und kontrolliert die Situation. Wenn Broemme nicht um die Welt reist, lebt er in Berlin. „Thank you, thank you“, sagt ein kleiner Junge zu dem langen Mann. In schlechtem Englisch, aber voller Erwartung, denn der Kleine hat begriffen, dass die Männer in den blauen Jacken und der deutschen Flagge auf dem Ärmel helfen. Auch ein alter Mann tritt auf Broemme zu und schüttelt ihm die Hand. Er spricht arabisch, und man muss die Sprache nicht verstehen, um zu wissen, was er sagt. Die Delegation ist schon weiter, eigentlich sollen alle zusammenbleiben. Aber Broemme stoppt immer wieder. Er kniet sich in den Staub und lässt sich mit den Kindern fotografieren. Er lächelt, und die Kinder lächeln. Es ist ein leichter Moment, Abwechslung vom Alltag im Flüchtlingslager. 14 ehrenamtliche Mitarbeiter des THW sind in der Regel in dem Flüchtlingscamp im Einsatz. Wer denkt, das THW wird nur dann gerufen, wenn in Ostfriesland bei Sturmflut ein Baum umkippt oder die Gullis überlaufen, der irrt. Die Helfer arbeiten professionell, ihr Pensum ist hoch, ebenso wie ihre Verantwortung. Sie gewährleisten die Wasserversorgung mit bis zu 2,5 Millionen Litern pro Tag. Dazu kommt die Abwasserentsorgung von bis zu 1,1 Millionen Litern täglich. Sie bauen und warten 234 Sanitärgebäude, bauen Wassertanks, stellen Toiletten auf und planen eine neue Form der Wasserverteilung. Sie erledigen täglich Reparaturen an den Gebäuden und versorgen das Unicef-Lagerhaus mit Decken und Artikeln für Kinder. Das Transportwesen untersteht ebenso dem THW.

Einer der Helfer ist Fabian Müller, 32 Jahre alt, blond und Architekt aus Hannover. Wenn er nicht gerade an einem alten BMW schraubt, seinem Hobby, hilft er freiwillig. Weltweit, wenn nötig. „Zu helfen macht Spaß. Aber es ist auch immer wieder herzzerreißend, wenn man die Kinder sieht“, sagt Fabian Müller in norddeutschem Dialekt. „Sie haben in der letzten Zeit den Krieg erlebt, sie haben ihre Familien sterben sehen. Und fast immer spielen sie etwas mit imaginären Gewehren und Pistolen. Sie kennen eben nichts anderes.“ Einmal, so berichtet sein Kollege Jens Ahlgrimm, konnten sie mithilfe eines Dolmetschers mit einem kleinen Jungen sprechen, er war keine sechs Jahre alt. „Er hat uns erzählt, dass sein Bruder getötet wurde. Und sein anderer Bruder. Und die Schwester. Und sein Vater. Und dabei hat er gelacht, weil er noch gar nicht begriffen hatte, dass sie alle nicht wiederkommen werden.“

Albrecht Broemme bleibt schon wieder zurück. Wieder hat er die Hauptstraße verlassen und unterhält sich mit den Flüchtlingen. „Die Kinder verstehen mich nicht und ich sie auch nicht. Aber ich kann mich mit Händen und Füßen nach ihrem Alter erkundigen und sie sich nach meinem. Ich will ihnen das Gefühl vermitteln, dass sich jemand um sie kümmert.“ Broemme hat selbst zwei Kinder.

Hinter einem schweren Eisentor im Lager befindet sich das örtliche Krankenhaus. Geleitet wird es von französischen Militärmedizinern und Logistikern, bewacht wird es von Angehörigen der Fremdenlegion. Auch ihnen setzt das Elend zu. „Die meisten Wunden, die wir hier zu versorgen haben, wurden durch Gewehrfeuer oder Granatschrapnelle verursacht“, erzählt einer der Männer. Er trägt ein grünes Barett und Tarnkleidung. „Und es kommen immer wieder Verletzte, es hört nicht auf.“ Die französischen Ärzte haben auch eine gynäkologische Abteilung eingerichtet. „Es ist für eine muslimische Frau sicherlich nicht einfach, zu uns zu kommen, aber das Angebot wird angenommen“, sagt einer der Soldaten. Die Angehörigen müssen für die Zeit der Untersuchung vor dem schweren Tor warten. Männer wie Kinder. Adrian Fairbairn ist einer der THW-Helfer. „Die Kranken bleiben natürlich länger, viele Flüchtlinge haben auch Wurzeln in Jordanien, deswegen sind manche bereits nach ein paar Tagen wieder verschwunden. Aber sie alle erzählen die gleichen Geschichten.“ Geschichten von zerstörten Häusern und ermordeten Verwandten.

Diebstahl und Vandalismus

Die Lage in der Grenzregion zu Syrien ist nach Einschätzung des THW relativ stabil. In einer Lagebeurteilung wird von Kämpfen auf syrischer Seite der Grenze berichtet. Dort gibt es ein hohe Präsenz von Militär und Geheimdienst. Im Lager selbst kam es auch immer wieder zu Konflikten. Die Gründe dafür sind die steigende Zahl von Flüchtlingen, die wetterabhängige Verschlechterung der Lebensbedingungen, Schwierigkeiten bei der Verteilung von Hilfsgütern sowie Diebstahl und Vandalismus, vor allem der Sanitäreinrichtungen. Das THW genießt im Camp ein hohes Ansehen, trotzdem sind die Sicherheitskräfte zur Wachsamkeit aufgefordert, weil immer häufiger Steine auf die Fahrzeuge geworfen werden. Zudem ist den Helfern der Aufenthalt im Lager nach Sonnenuntergang untersagt.

Wenn es dämmert, sagt Jens Ahlgrimm, geht es immer zurück nach Amman, wo die THWler in gemieteten Apartments untergebracht sind. „Es ist eine tolle Zeit. Wir wohnen in einem lebhaften Viertel, manchmal gehen wir abends noch raus, in ein Restaurant. Meistens verbringen wir die Abende aber in der Wohnung, kochen zusammen und spielen Karten.“ Bis es am nächsten Morgen wieder ins Lager geht. An einem Tag in der Woche haben die Helfer frei. Doch eigentlich wären sie am liebsten die ganze Zeit im Camp. So wie Fabian Müller, für den am Nachmittag die Heimreise beginnt. Er schaut auf den Staub auf seinen Schuhen. „Wird mir fehlen, das Ganze hier. Jetzt freue ich mich aber auf meine Freundin.“ Er verabschiedet sich bei Osama, einem der Einheimischen, der ständig für das THW im Einsatz ist. Mit den langen hellgrauen Haaren, dem Bart und der Sonnenbrille könnte er auch ein australischer Surfer sein. Er ist Fahrer, Dolmetscher, Gastgeber. Seine Handynummer tragen alle THW-Helfer bei sich, Osama kommt zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn es Probleme geben sollte. „Hoffentlich sehe ich ihn wieder“, sagt Fabian und drückt den Mann an sich.

Im Lager geht Albrecht Broemme einen Hügel hinauf. Von hier aus kann man das ganze Flüchtlingslager übersehen. Die zahlreichen Zelte und die Container. „Ich bin stolz auf das, was unsere Leute hier leisten. Und das Ganze freiwillig und ehrenamtlich.“ Wieder kommen ein paar Kinder angelaufen und reden aufgeregt auf den großen Mann ein, bis er dann in den Jeep steigt. „Kaum zu glauben“, sagt er und zeigt zum Horizont. „Da hinten ist Syrien, da ist der Krieg. Ist es da nicht schön, dass wir hier etwas für die Menschen tun können? Die Kinder sollen lachen können, deswegen sind wir hier.“