Interview

„Rassismus ist ein länderübergreifendes Problem“

Wie rassistisch ist der Fußball? Gerd Wagner, Rassismus-Experte der Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend, spricht mit Jörn Meyn über Profi- und Amateurbereich sowie die Lage in Italien.

Berliner Morgenpost:

Herr Wagner, braucht es prominente Vorbilder wie Kevin-Prince Boateng, die auf das Thema Rassismus im Sport aufmerksam machen?

Gerd Wagner:

Profis wie Kevin-Prince Boateng können aufgrund ihrer Prominenz dem Thema Rassismus wieder mehr Aufmerksamkeit geben, wenn es in Vergessenheit zu geraten droht. Das ist sehr wertvoll. Wobei man damit auch kritisch umgehen muss: Denn Boateng und seinerzeit auch Gerald Asamoah sind selbst Betroffene, die rassistisch beleidigt wurden. Man würde sich aber auch wünschen, dass Spieler, die es nicht selber betrifft, ebenfalls eine klare und glaubwürdige Haltung in der Öffentlichkeit einnehmen würden.

Inwiefern ist Rassismus heute noch Teil des Fußballs?

Studien belegen, dass mindestens ein Drittel unserer Gesellschaft eine negative Einstellung gegenüber allem Fremden und Andersartigen hat. Das kann man auf den Fußball übertragen. Weil Rassismus leider immer noch Teil unserer Gesellschaft ist, ist er auch weiterhin Teil des Fußballs.

In den 80er-Jahren war Rassismus dennoch präsenter in den deutschen Stadien. Was hat sich verändert?

Im Profifußball hat sich seit den 80er-Jahren, als es noch vielerorts rechte Fangruppierungen mit martialischen Namen wie „Adlerfront“ oder „Frankenterror“ gab, vieles zum Positiven gewandt. Die offen rechtsextremen Gruppen wurden an den Rand gedrängt. Gleichwohl sind die rechten Fußballfans nie weg gewesen. Es scheint so, als erobern sich Rechte derzeit wieder mehr Raum in den Stadien. In Aachen zum Beispiel ist es unter dem Einfluss rechter Gruppierungen der Karlsbande gelungen, dass sich die eher linken Aachen Ultras aufgelöst haben und die Rechten wieder die Vormachtstellung im Stadion erlangen wollen. Auch bei anderen Vereinen gibt es dafür Beispiele.

Wie ist es im Amateurfußball?

Es gibt wesentlich weniger Berichterstattung über rechte Tendenzen im Amateurfußball und auch in anderen Sportarten. Niemand berichtet über ein Fußballturnier von Neonazis in Brandenburg, das dort jedes Jahr stattfindet. Im Amateurbereich finden die Rechten ein freies Feld vor, auf dem sie nahezu unbeobachtet ihrer Gesinnung nachgehen können. Dort ist der Rassismus ein noch viel größeres Problem.

Gibt es Unterschiede zwischen den europäischen Ligen?

Rassismus ist ein länderübergreifendes Problem. Allerdings wird in den einzelnen Ligen unterschiedlich damit umgegangen. In Deutschland haben wir ein gutes Zusammenspiel zwischen Prävention und Repression. Fans werden für das Thema in sozialpädagogischen Einrichtungen sensibilisiert. Solche Fanprojekte haben die Vereine in Italien, wo Boateng beschimpft wurde, nicht. Dort gibt es heute noch offenen Rassismus in den Stadien. Das gibt es bei uns in der Form nicht.

Hat der Fußball durch seine hohe Aufmerksamkeit eine besondere Verantwortung?

Der Fußball hat durch seine gesellschaftliche Bedeutung eine Vorbildfunktion und eine große Verantwortung, die richtigen Werte zu vermitteln. Das beginnt schon im Jugendbereich und wird in den Stadien fortgeführt. Aber der Fußball ist auch kein Allheilmittel. Auch andere Sportarten müssen sich diesem Thema widmen. Das passiert noch viel zu selten.