Japans Trauma

Jenseits von Fukushima

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Sonja Blaschke

Sie haben „jenen Tag“, wie er in Japan genannt wird, überlebt. Doch ihre Zukunftsträume wurden mit dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März 2011 weggespült. Viele sind illusionslos pragmatisch wie der 15-jährige Ryoto Kumagai, Schüler in Rikuzentakata. „Ich will arbeiten“, sagt er, „in Sendai.“ Weit genug weg von der Ödnis, die seine Heimatstadt auch zwei Jahre nach „jenem Tag“ immer noch ist.

1500 Menschen starben allein in Rikuzentakata, als die Flutwucht des Tsunami am 11. März 2011 die Stadt verwüstete. Um 19.000 Todesopfer trauert Japan am zweiten Jahrestag der Katastrophe. Zum Sinnbild wurde der Super-GAU der Kernkraftwerksblöcke in Fukushima, auch wenn durch dieses Desaster niemand direkt getötet wurde. Die heftigste Debatte über Atomenergie gab es ohnehin in Deutschland mit seinem folgenden Ausstieg aus der Technologie. Japan ringt zwei Jahre danach mit einem nationalen Trauma, das Menschen einer Großregion entwurzelt.

Viele hofften anfangs, beschwingt vom Gemeinschaftsgefühl direkt nach der Katastrophe, der erzwungene Neustart werde ihre strukturschwachen Heimatorte wieder beleben. Nun plagt die Rathauschefs und Aufbauplaner eine neue Sorge: dass sie Ortschaften errichten, in die vor allem junge Leute nicht mehr zurückkehren werden. Wie den 15-jährigen Ryoto Kumagai zieht es viele in die florierende Millionenstadt Sendai. Dort steigen seit der Katastrophe die Grundstückspreise, wie Shunichi Kubo, Professor an der dortigen Tohoku-Universität, erzählt. „Wer Geld hat, hat schon gebaut oder ist dabei. Aber wer keines hat, wird wohl nie mehr neu bauen können.“

Leben in Containern

Ryoto Kumagai, seine Mitschüler und ihre Familien gehören zu den 150.000 Menschen, die noch immer in containerartigen Behelfswohnungen leben. Sie wurden häufig auf Sportflächen oder Schulhöfen errichtet. Ursprünglich sollte der Aufenthalt in den Wohnsiedlungen auf zwei Jahre begrenzt sein. Für viele scheinen sie nun jedoch zur Dauerlösung zu werden. Vor allem für die Kinder ist es schwierig. Sie haben zu Hause oft keine Chance, sich aufs Lernen zu konzentrieren. Die Wände sind hellhörig, die Zimmer im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt, und bei zwei, drei Minizimmern plus Küche und Bad gibt es kaum Rückzugsräume. Viele erfinden Ausreden, sich nicht dort aufhalten zu müssen, und sei es, abends zum Lernen in die Schule zu gehen.

Viele Menschen sind noch immer traumatisiert. Doch die wenigsten holen sich so aktiv Hilfe wie Saori Takezawa und ihr Mann Morimasa, die sich regelmäßig mit anderen Betroffenen in moderierten Gesprächsrunden zusammensetzen. Ihr Haus blieb unversehrt, doch Saori verlor vier Familienmitglieder, darunter ihren Sohn Masato, der damals erst acht Monate alt war. Gefunden wurde er nie. Am meisten Kraft schöpfen sie und ihr Mann aus dem Lächeln ihrer kleinen Tochter Akari („Licht“), die mittlerweile ein gutes Jahr alt ist.

Aber nicht jeder bringt solchen Lebensmut auf. Alte gebrechliche Leute verlassen ihre Wohnung oft überhaupt nicht mehr, sprechen tagelang mit niemandem mehr. Das Wort „Kodokushi“ ist immer häufiger zu hören. Es bedeutet: der „einsame Tod“. Treffen zum Tee oder Bastelgruppen erreichen häufig nur die Frauen, die als Hausfrauen das Leben im Haus schon vor der Katastrophe gewohnt waren. Ihre Männer aber waren immer draußen, als Fischer oder Landwirte.

„In den Städten ist das ein wenig anders, aber hier auf dem Land haben gerade um die 50 oder 60 Jahre alte Männer einfach keine Hobbys. Wenn sie nicht arbeiten, wissen sie nicht, was sie tun sollen“, sagt ein Psychologe, der in der Beratungseinrichtung „Karakoro Station“ in Ishinomaki arbeitet. Sie kämen auch deutlich schlechter mit dem Tod ihres Ehepartners zurecht als umgekehrt, könnten infolge der traditionellen Rollenteilung häufig nicht einmal Reis kochen. Sich plötzlich um ihre Kinder kümmern zu müssen überfordere viele. Nicht wenige griffen aus Frust und Langeweile zum Alkohol. Psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen komme für viele nicht infrage. „Sie wollen nicht als jemand gesehen werden, der ‚so etwas‘ benötigt.“

Hinzu kommt, dass die Menschen in der Region als besonders verschlossen gelten, was selbst für zugereiste Japaner gewöhnungsbedürftig ist. Solche Kommunikationsprobleme könnten ein Grund dafür sein, warum der Wiederaufbau im Vergleich zum Jahr davor so wenig spürbare Fortschritte gemacht hat. „Wäre so eine Naturkatastrophe in Tokio oder einer anderen großen Industriestadt passiert, würde das alles viel schneller gehen“, sagen viele. Die Region Tohoku trägt weniger als drei Prozent zur nationalen Wirtschaftsleistung bei.

Zu wenig Jobs

Die größten Fortschritte sind deswegen auch in Städten wie Ishinomaki und Kesennuma zu sehen, wo am Hafen der Fischmarkt schon seit einem Jahr wieder in Betrieb ist und in den vergangenen Monaten immer mehr Fischfabriken wieder eröffnet haben. In den kleinen Dörfern daneben scheint die Zeit stillzustehen, manche fangen erst mit der Hafenreparatur an.

Wer keinen der lukrativeren Jobs im Wiederaufbau ergattert, dem bleibt nur die Arbeit in der Fisch verarbeitenden Industrie. Dort wurden schon vor dem Tsunami geringe Gehälter gezahlt. „Manchmal rufen uns Eltern von jungen Kandidaten an und sagen für ihre Kinder wieder ab, weil der Lohn zu niedrig sei“, erzählt der Betreiber einer Fischfabrik.

Es mangelt an lukrativen Jobs, mit deren Erlös sich eine Familie ernähren ließe. Der Trübsinn wird durch die Enge in den Behelfswohnungen noch verstärkt, und durch den langsamen Fortschritt beim Wiederaufbau kommt es zu Spannungen in den Familien. Es fallen Schimpfworte und Beleidigungen, andere schweigen sich nur noch an. Solche Konflikte spüren vor allem Bewohner von Riesensiedlungen wie in Minami-Sakai in Ishinomaki, wo 1300 Familien dicht gedrängt zusammen leben müssen. Auf den Damentoiletten im Rathaus stehen kleine Aufsteller mit Kärtchen und Telefonnummern, auf denen geschrieben steht: „Keine Frau verdient es, geschlagen zu werden. Es gibt Möglichkeiten, häusliche Gewalt zu verhindern. Wir unterstützen Sie!“

Mitsuru Saito, der als Arzt in der Ambulanz der Klinik Onagawa arbeitet, berichtet von Fällen von Vernachlässigung. Selbst wenn sie dringend ärztliche Hilfe benötigten, wagten es Senioren, aber auch Kinder manchmal nicht, ihre Angehörigen um Hilfe zu bitten oder einen Arzt zu rufen.

Die traditionellen Familienverbände drohen auseinanderzubrechen. Denn die haushohen Tsunamis vor zwei Jahren spülten nicht nur Häuser, Fabriken, Brücken und Bahngleise hinweg. Zerstört wurde auch gerade die in Nordjapan noch weitverbreitete Sitte, mit mehreren Generationen unter einem Dach zu leben. Dort kochte man immer große Portionen und aß zusammen in gemütlicher Runde. Viele waren Selbstversorger, fischten und bebauten kleine Gemüsefelder. Durch den Umzug in Behelfswohnungen wurden Verwandte getrennt, Familienrituale zerbrachen. Dadurch habe sich das Essverhalten verändert, erklärt Shoko Abe, die aus der schwer zerstörten Region Minamisanriku stammt: „Seither haben sich viele Leute daran gewöhnt, in Supermärkten einzukaufen.“ Weil diese für die Senioren häufig schwer erreichbar seien, wolle sie nun einen Lieferdienst aufbauen.

Alle Japaner in den zerstörten Regionen, vor allem die Männer, sind von einem neuen Phänomen betroffen. Es ist seit etwa einem Jahr in den Katastrophengebieten weitverbreitet: „Kasetsu-butori“. Übersetzt bedeutet dies so viel wie „Übergangswohnungspfunde“. Die Menschen hier sind zu dick. Anfangs aßen sie, um die vielen Lebensmittelspenden wegen mangelnder Kühlmöglichkeit nicht verderben zu lassen. Außerdem bewegen sie sich mangels Arbeit weniger.