Japans Trauma

„Wir müssen genauer prüfen, was es schon an Katastrophen gab“

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Das Unglück war historisch einmalig, und es wurden Fehler gemacht: erst ein Erdbeben, dann ein schwerer Tsunami, dadurch die Reaktorhavarie und anschließend ein starker Wintereinbruch.

Was wir in Deutschland daraus für den Katastrophenschutz lernen können, erklärt Albrecht Broemme, Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW). Mit dem früheren Chef der Berliner Feuerwehr (bis 2006) sprach Wolfgang W. Merkel.

Berliner Morgenpost:

Was kann man aus Fukushima lernen?

Albrecht Broemme:

Wir müssen noch genauer recherchieren, was es an Katastrophen und Unglücken gegeben hat und was in ähnlicher Form wieder passieren kann. Ich bin gerade dabei, das einmal auszuwerten. Da kommt man auf unerwartete Dinge. Man weiß zum Beispiel, dass es am Genfer See im Jahr 563 durch einen Bergsturz einen Tsunami mit Fluthöhen von 13 Metern gegeben hat. Man vergisst auch leicht, Katastrophen wie jene in Irland im 19. Jahrhundert in Betracht zu ziehen, als durch die Kartoffelfäule 1,2 Millionen Menschen an Hunger starben. Die Folgen von Katastrophen sind aber oft sehr komplex und schwer berechenbar. Ich war nach dem Hurrikan „Sandy“ im Oktober 2012 in New York und habe viele Gespräche geführt. Man ging eigentlich davon aus, dass nach drei Tagen Stromausfall soziale Unruhen aufflammen. Das ist nach „Sandy“ nicht passiert, vielleicht weil die Polizei massiv präsent war und nicht die „schwierigsten“ Stadtteile betroffen waren. Wichtig ist, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Mir steht es nicht zu, die Japaner zu belehren, aber man hätte wissen können, dass an der Kraftwerksstelle bereits vor 100 und vor 900 Jahren schwere Tsunamis mit Fluthöhen von 18 Metern geschehen sind. Das steht in den Geschichtsbüchern. Dann muss man dort wirklich tsunamisicher bauen, das ist nicht geschehen. Man hatte nur Wasserhöhen von neun Metern einkalkuliert, man hätte kein offenes Abklingbecken bauen dürfen, und man hätte die Notstromaggregate für die Notkühlung verbunkern müssen. Es gab eine Verkettung von Fehlern.

Halten Sie die deutschen Kernkraftwerke, zumal in erdbebengefährdeten Gebieten, für sicher? Biblis zum Beispiel steht am geologisch aktiven Oberrheingraben.

Ich denke, es war den Kraftwerksbauern sehr bewusst, dass es dort Veränderungen im Boden geben kann. Meiner Meinung nach wurde das in der Konstruktion der Kraftwerksbodenplatte berücksichtigt. Da sehe ich keine Gefahr.

Was haben Sie als wichtigste Erkenntnis aus der Katastrophe gelernt?

Die wichtigste Lehre ist: Was einmal passiert ist, wird auch wieder passieren. Und zweitens: Es gilt das „Gesetz der maximalen Bosheit“. Ich will damit sagen, dass auch mehrere für sich genommen schon unwahrscheinliche Ereignisse zusammentreffen können. Ich bin fast 45 Jahre im Katastrophenschutz tätig, und heute überrascht mich nichts mehr. Man bekommt einen Instinkt für die Dinge und Ereignisse. Beispielsweise habe ich vor etwa einem Jahr damit begonnen, in Vorträgen über Asteroideneinschläge zu sprechen, etwa den zerstörerischen Einschlag im Nördlinger Ries vor Millionen Jahren. Ich habe da oft ungläubiges Erstaunen geerntet. Aber nur bis zur Explosion des Asteroiden bei Tscheljabinsk vor einigen Wochen. Jetzt ist deutlicher: So etwas passiert, und es kann auch noch schlimmer kommen als in Tscheljabinsk. Sie brauchen bloß den Mond mit seinen unzähligen Kratern anzuschauen, die sich dort besser erhalten haben als auf der Erde.