Hartmut Mehdorn

Die Rückkehr des Raubeins

Man hätte denken können, er hätte Besseres zu tun. 70Jahre alt ist der als Raubein der deutschen Wirtschaft bekannte Mann, ein Alter, in dem selbst die größten Workaholics schon mal ans Aufhören denken.

Doch wer Hartmut Mehdorn mal kennengelernt hat, konnte sich irgendwie schon denken, dass der Überzeugungstäter auch nach seinem jähen Abgang bei Air Berlin Anfang Januar nicht Schluss machen und sich aufs Altenteil zurückziehen würde.

Schon als er vor fast vier Jahren – damals Vorstandschef bei der Deutschen Bahn – nach einer Ausspäh-Affäre bei dem Staatskonzern aus dem Amt scheiden musste, hatten seine Feinde hämisch das unrühmliche Ende einer Vorzeigekarriere beschrien. Nur zwei mal zwölf Monate sollte es dauern, bis Mehdorn als Chef von Air Berlin wieder auf die Bildfläche zurückkehrte.

Diesmal ging es schneller: Gerade mal zwei Monate und einen Tag dauerte die Sendepause, bis sich das Stehaufmännchen diesmal zurückmeldete – ausgerechnet als Chef des größten Chaosprojekts Berlins, des noch immer nicht eröffneten Hauptstadtflughafens.

Vorgestern Bahn, gestern Flugzeuge, heute Flughafen – zumindest eines eint die letzten drei Jobs des 1942 in Warschau geborenen studierten Maschinenbauingenieurs: die Beschäftigung mit Verkehr, mit Fortbewegung, auch Beschleunigung. Zudem scheint Mehdorn ein Faible dafür zu haben, sich ausgerechnet auf Krisenprojekte zu stürzen. Schon als er sich 1999 anschickte, dem trägen Koloss Deutsche Bahn die Gemächlichkeit einer Behörde auszutreiben, hätten sich wohl nicht viele gefunden, die diese Mammutaufgabe hätten übernehmen wollen.

Auch die – allerdings bis zuletzt wackelige – Sanierung des Krisenfliegers Air Berlin war ganz bestimmt nichts für zart Besaitete. Was Mehdorn jetzt bevorsteht, dürfte jedoch alles bis jetzt Dagewesene toppen: Schon heute hat der BER Milliarden verschlungen, und die Kosten scheinen täglich anzuwachsen, ohne dass ein Eröffnungstermin überhaupt in Sicht wäre. Im gleichen Zug hat sich das Projekt zur Lachnummer der Nation entwickelt. Ausgerechnet der nicht eben für seine diplomatische Ader bekannte Mehdorn wird also gut zu tun haben, überhaupt so etwas wie Vertrauen in der Öffentlichkeit wiederherzustellen.

Man kann sich schon fragen, warum sich ein glücklich verheirateter Mann und bekennender Familienmensch wie Mehdorn, der nach Jahrzehnten voller Arbeit den Ruhestand genießen und mit seinen Enkelkindern spielen könnte, so etwas noch antut. Größenwahn und unverbesserliche Geltungssucht, sagen die Kritiker.

Nach dem für ihn zu frühen Ende seiner Amtszeit bei der Deutschen Bahn, die er nicht wie gewünscht mit einem Börsengang des mächtigen Konzerns krönen konnte, müsse er sich noch etwas beweisen, urteilen andere – frei nach dem Motto: Diesen Kratzer am Image, zumal am Ende seiner Karriere, könne er nicht auf sich sitzen lassen. Darüber hinaus mag auch seine lebenslange Faszination für die Fliegerei eine Rolle gespielt haben. „Eigentlich bin ich ja von Herzen ein Flieger“, bekannte der Mann, der seine Karriere ehedem bei dem Luftfahrtkonzern Dasa startete, seit Jahrzehnten gern in vertraulicher Runde. Als Kind war er oft nach Tegel geradelt, um die Flugzeuge beim Starten und Landen zu beobachten.

Zumindest die dicke Haut, um das Gespött seiner Kritiker auszuhalten, hat sich der hemdsärmelige Manager im Laufe seiner Karriere aneignen können. Vor allem als Bahnchef war er der Prügelknabe der Nation und musste ertragen, dass das Land ihn für alles verantwortlich machte, was schieflief bei dem Staatskonzern – seien es nun unfreundliche Schaffner, verspätete Züge oder verstopfte Zugtoiletten. Beim Staatskonzern Bahn konnte er jedoch über all die Jahre hinweg auf die Unterstützung des Kanzleramts bauen, vor allem, als sein mutmaßlicher Duzfreund Gerhard Schröder dort saß. Bei seinem neuen Job sind die Drähte in die Politik dagegen schon brüchiger.