Interview

„Berlin setzt die Mittel für armutsgefährdete Personen falsch ein“

Die Sozialverbände fordern stärkere politische Anstrengungen im Kampf gegen Armut. Wie ist die Situation in Berlin?

Mit dem Geschäftsführer des Landesverbands Berlin des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Oswald Menninger, sprach Anne Klesse.

Berliner Morgenpost:

Wie hoch schätzen Sie die Armutsgefährdung in Berlin?

Oswald Menninger:

In Berlin nimmt die Armut seit Jahren stetig zu, da die Beschäftigungssituation vieler Menschen prekär ist und es hier eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit gibt. Wir fordern den Senat immer wieder auf, endlich Projekte zu realisieren, die die Chancen dieser Langzeitarbeitslosen auf Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt verbessern. Doch das Land Berlin und die Jobcenter setzen die Mittel nicht für diesen am stärksten armutsgefährdeten Personenkreis ein.

Bundesweit ist die Kinderarmut erneut gestiegen. Wie sieht es in Berlin aus?

Wenn Kinder mit langzeitarbeitslosen Eltern in einem Haushalt leben, sind sie nicht nur armutsgefährdet, sondern schon von Armut betroffen. In Berlin sind das vor allem Kinder in Familien mit Hartz-IV-Bezug und Migrationshintergrund, bei denen die Eltern gering qualifiziert sind. Hier ist das Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung nicht zielführend und zu gering budgetiert. Der bürokratische Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Erfolgen.

Was müsste getan werden, damit der nächste Armutsbericht weniger besorgniserregend ausfällt?

Die Bekämpfung der Armut in Deutschland ist nicht mit nur einem Instrument oder auf nur einem Politikfeld zu lösen, die einzelnen Maßnahmen müssen besser ineinandergreifen und aufeinander abgestimmt werden. Schwerpunkt muss das Thema Bildung sein. Damit Kinder ihren Lebensunterhalt später ohne staatliche Transferleistungen selbst bewerkstelligen können, muss ihre Chancengleichheit stark verbessert werden.