Berliner Spaziergang

Spielend zum Erfolg

Ein Saxofonspieler steht im Westteil an der Berliner Mauer und winkt einem Mädchen im Ostteil zu, das hinter einem Fenster steht. Sie gibt ihm ein Zeichen, er beginnt zu spielen. Während er spielt, beginnt die Berliner Mauer langsam einzustürzen. Als das Stück zu Ende ist, steht sie wieder, als wäre alles nur ein Traum.

Oliver Beste erzählt diese Geschichte beim Spaziergang durch Prenzlauer Berg. Es ist die Geschichte aus einem Kurzfilm, den Beste 1988 zum 10.000. Tag des Mauerbaus mitproduziert hatte. Er lief in allen westdeutschen Kinos. Das ist lange her, er war damals noch Student in Bonn, aber er hatte Spaß daran, sich für eine Idee zu engagieren, an die er glaubte. Damals gab es keinen „Hype“ um Berlin, in Westdeutschland rechneten längst nicht mehr alle damit, dass die Berliner Mauer jemals fallen würde. „Aber ich wollte etwas dafür tun“, sagt er. Er hat Plakate drucken lassen, hat Anzeigen in Zeitungen in Auftrag gegeben. Als er sein Studium beendet hatte, war Deutschland vereint, und Oliver Beste suchte neue Aufgaben.

Rund 25 Jahre später kommt Oliver Beste in Jeans, schwarzem Mantel und buntem Schal auf den Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg gelaufen. Das alles macht ihn zehn Jahre jünger als seine 48, und er strahlt eine Ruhe aus, als hätte er gerade meditiert. Der Eindruck könnte auch entstehen, weil es der erste Sonnentag ist nach einem der grauesten Winter der vergangenen hundert Jahre. Es ist noch früh, der Spielplatz ist noch fast leer. Nur eine Mutter steht neben einer Schaukel. Ihr Sohn mit einer Hasenohrenmütze juchzt, wie zweijährige Kinder beim Schaukeln juchzen. Im Sandkasten liegen vergessene Förmchen herum, auf dem Spielplatz ein gelbes Dreirad, ein blaues Mini-Auto.

Oliver Beste hat den Helmholtzplatz als Treffpunkt nicht nur ausgesucht, weil er bei mytoys.de einen Großteil der vergangenen Jahre mit Spielzeug verbracht habe. Er hat das Internetportal im Jahr 1999 mitgegründet, heute hat es rund 500 Mitarbeiter und ist Marktführer im Bereich Online-Handel mit Spielzeug und Babyartikeln. Seitdem hat er noch viele andere Unternehmen aufgebaut, er ist einer von Berlins umtriebigsten Internetunternehmern, hat kürzlich in einer Rede von Gründern als „Helden“ gesprochen, weil sie so viel von sich einsetzen. Heute steht er auch auf dem Spielplatz, weil sein aktuelles Projekt wieder mit Spielen zu tun. Zusammen mit seiner Frau Bea Beste leitet er Tollabox, das kleine Kisten im Abo-System anbietet, mit denen Kinder spielend lernen können.

Er hat eine dieser Boxen mitgebracht. Aus ihr schaut ein Zettel heraus, auf dem kleine, bunte Außerirdische aufgemalt sind: Lumlum (rot), Pi (blau), Kess (gelb) und Nao (lila). „Das sollen skandinavische Außerirdische sein“, sagt er, „weil Finnland und Schweden so ein gutes Bildungssystem haben.“ Während wir einmal um den Platz laufen, erzählt er, dass er anfangs nicht an das Projekt glaubte. „Ich habe meine Frau eher ausgebremst, weil ich dachte, dass es kein Businessmodell dafür gebe.“ Doch dann begannen in den USA andere mit einem ähnlichen Projekt, und er sah, dass sie sieben Millionen Euro Investitionen bekamen. Seitdem arbeitet er daran, das Projekt aufzubauen. „Im Moment läuft es sehr gut“, sagt er, „alle Boxen sind ausverkauft.“ Aber dann fügt er einen für die Start-up-Szene typischen Satz an: „Wir zahlen uns kein Gehalt, und es kann noch lange dauern, bis wir wirklich Geld damit verdienen.“

Berlin als Global Player

Denn das ist auch eine Wahrheit dieser neuen Industrie, wegen der so viele nach Berlin kommen und die gerade einen „Hype“ in der Stadt auslöst: Man braucht einen langen Atem, bis sich ein Unternehmen von selbst trägt. Zalando, Wooga, Groupon sind heute große Berliner Firmen, aber all ihre Gründer sind zuerst das Risiko eingegangen, sehr hohe Schulden zu machen. Es gibt Start-up-Unternehmen, die jahrelang in ihrer eigenen Wohnung ihr Materiallager und Büro aufbauen. Auch Tollabox arbeitet derzeit noch aus einem Büro, das direkt neben der Wohnung von Oliver Beste liegt, ganz in der Nähe vom Helmholtzplatz.

Als wir dort vorbeilaufen, erzählt er, dass es nicht das erste Mal sei, dass er ohne Gehalt für ein Unternehmen seine Zeit und Ersparnisse gebe. Er kenne das mit der finanziellen Unsicherheit eigentlich nicht anders. Als er gerade 30 Jahre alt war, habe er all seine Ersparnisse in ein Unternehmen investiert, das Radiosender für Supermärkte anbot. Es waren mehr als 100.000 D-Mark. Kurz darauf wurde deutlich, dass nicht alle Zahlen stimmten. Er musste von einer Bank und Investoren vier Millionen D-Mark auftreiben – sonst wäre sein Geld weg gewesen. Die Bank aber wollte 400.000 D-Mark Sicherheit. „Ich war also von 100.000 D-Mark plus auf 400.000 D-Mark minus in wenigen Monaten gerutscht“, sagt er. Er musste Freunde und sogar seine Mutter um Geld bitten. „Ich habe dann jahrelang schlecht geschlafen, nur Tee getrunken.“

Anderen könnte bei solchen Zahlen schwindelig werden, aber wer Oliver Bestes Lebenslauf anschaut, bekommt eher den Eindruck, dass er auf einer Einbahnstraße zum Erfolg unterwegs war: 1,1-Abitur, Politikstudium, Harvard-Abschluss, McKinsey-Berater für vier Jahre. Danach hat er mehrere Start-ups mit aufgebaut: Deal United, Talentory, Ratepay sind nur drei davon. Er ist im Vorstand von Media.net, einem Verbund von 350 Internetunternehmen, und hat die Entrepreneurs Organization aufgebaut, eine Gemeinschaft von weltweit 8000 Gründern.

Wir erreichen die Kulturbrauerei und laufen durch die Backsteingebäude hindurch. Hinter diesen Mauern waren vor Jahren die Büros von Mytoys. Berlin, sagt Beste, eigne sich perfekt als Zentrum für die Start-up-Szene. Hier gebe es gerade wegen der Wiedervereinigung so viel Kultur, so viele Universitäten, so viel Toleranz und so viel Wohnraum, dass kreative Menschen sich wohlfühlten. „Die deutsche Wirtschaft kann sich nicht ewig von Autobau, Chemie und Versicherungen finanzieren.“ Es seien die Geschäftsmodelle der digitalen Revolution, denen die Zukunft gehöre. „Berlin hat so viele smarte Leute“, sagt er, „und hat jetzt die Chance, nicht nur deutscher Marktführer, sondern einer der ganz großen Player weltweit zu werden.“

Vor uns steht ein Telekom-Auto in einer Einfahrt und versperrt den Weg. Das Unternehmen ist gerade in den Schlagzeilen, weil es zum ersten Mal seit zehn Jahren ein Milliardenminus erwirtschaftet hat. 5.300.000.000 Euro. Das sind wieder Summen, die schwindelig machen. Beste sagt: „Das ist ein brutales Konzernschicksal.“ Es sei schwierig, einen Koloss in das digitale Zeitalter zu führen. Er vergleicht es mit einem menschlichen Körper, der eine komplette Operation über sich ergehen lassen muss, aber dabei weiter funktionieren müsse. Es klingt: sehr schmerzhaft.

Als wir die Schönhauser Allee hinunterlaufen, nehmen wir den Mittelstreifen. Uns kommt eine Kindergartengruppe entgegen, jedes der etwa vierjährigen Kinder hält einen Stab in der Hand, an dessen Ende ein dicker, bunter Fisch baumelt. Diese fröhliche Truppe ist eine Generation, die vielleicht keine Zeitungen mehr in der Hand halten, Videotheken nicht mehr kennen und die ein kleines Gerät besitzen wird, das noch viel mehr kann, als nur im Internet surfen.

Oliver Beste sagt, dass das, was wir gerade miterleben, eine größere Veränderung sei seit der Industriellen Revolution. „Es verschalten sich jetzt gerade Millionen internationaler Synapsen weltweit zu einem Weltgehirn.“ Er wird nicht lauter oder redet sich in Rage, das passt nicht zu ihm. Vielmehr redet er leise und deutlich jedes Wort: „Das verändert alles: Handel, Gesundheitswirtschaft, Banken, Politik.“ Viele Konzerne seien noch nicht auf diese Entwicklungen vorbereitet – was für kleine Start-ups wiederum perfekt sei.

Wir haben den Pfefferberg erreicht, wieder ein Ort, der immer wieder neue Mieter hatte. Jetzt ist hier ein großes spanisches Restaurant, in den Bäumen hängen bunte Kugeln, und im hinteren Teil gibt es ein verstecktes Café. Darin sitzt wieder ein Kind, vielleicht sechs Jahre alt. Das Mädchen baumelt mit den Beinen und schaut auf einem kleinen Bildschirm einen Mickymaus-Film. Über ihr flimmert auf einem Flachbildschirm eine spanische Talkshow. Die Mutter sagt zu ihm etwas auf Englisch, doch das Kind nickt abwesend. Aber der Cappuccino kostet 1,60 Euro, und die Bedienung sagt freundlich: „si“ und „por favor“.

Es ist wieder so ein typischer Berlin-Mitte-Moment: zu laut, sehr international, und sehr, sehr günstig. Oliver Beste mag diese Atmosphäre, verbreitet noch immer diese Zen-Stimmung, so als wäre wirklich alles in Ordnung hier in der Stadt und Berlin gerade auf dem besten Weg zum Wirtschaftsmagnet. Er meditiere nicht, nein, benutze nur ab und zu seinen Crosstrainer im Schlafzimmer und stecke sonst seine Zeit in Tollabox.de. Aber weil seine Frau das auch tue, sehen sie einander häufig.

Das ist ein Thema für viele Internetgründer: das Verbinden von Beruf mit Privatem. Oliver Beste organisiert regelmäßig Treffen von Gründern, bei denen sie berufliche und private Themen besprechen. „Das sind auch Selbsthilfegruppen.“ Neulich habe bei einem dieser Treffen ein Gründer eine Geschichte erzählt: Er habe einen 70-Millionen-Dollar-Deal eingefädelt und sollte ihn nur noch unterschreiben. New York, mehrere Stunden mit dem Auto von seiner Heimatstadt entfernt. Plötzlich habe seine Frau angerufen, sein zwölfjähriger Sohn habe etwas in der Schule angestellt. Der Mann sei sofort nach Hause gefahren und habe den Deal verschoben.

Die wahren Helden

„Familie“, sagt Oliver Beste, „ist eins der größten Geschenke, das man kriegen kann und das man auch schaffen kann.“ Auch das habe er immer wieder bei diesen Treffen mit Gründern gelernt, die so viel Zeit in ihr Unternehmen stecken. Dann sagt er, dass er seine Frau bewundere für ihre Energie, dass er stolz auf ihre Tochter sei, die er miterzogen habe, seit sie zwölf Jahre alt ist. Sie sei in dieser Woche aus Paris zurückgekommen, habe dort Architektur studiert. Vom Mauerfall und dem Film mit dem Saxofonspieler weiß sie nur aus Erzählungen der Eltern und aus Büchern.

Auf dem Weg zurück baut sich schon die Zionskirche von Weitem auf. Beste spricht nun von seiner eigenen Familie, seiner Kindheit. Sein Vater war Redenschreiber bei Franz Josef Strauß. Seine Mutter habe rote Rosen von dem damaligen Verteidigungsminister bekommen, als Oliver Beste geboren wurde. Als er älter war, habe er oft gegen seinen Vater rebelliert, aber dann doch zwei Jahre bei der Bundeswehr gedient und Politikwissenschaften studiert. Nur das mit der Kirche habe der Vater nicht geschafft. Er habe ihn zwar am Sonntag immer mitgenommen, aber heute sagt er, sei er nicht gläubig.

Trotzdem steht der Internetunternehmer am Ende des Spaziergangs in der Zionskirche. Es ist ein sehr analoger Ort mitten in einer digitalen Welt, sozusagen die Gegenbewegung zu jedem Hype. Oliver Beste liest den Spruch, der auf ein Tuch an der Kanzel gestickt ist: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte.“ Er überlegt, sagt dann: „‚Deine Worte lenken mich, heißt das wohl.“ Hier auf Berlins höchstem Punkt hallen die Worte von alten, grauen Wänden wider, bekommen so ein schweres Gewicht. Das Internet, die Investoren und auch die skandinavischen Außerirdischen spielen hier keine Rolle. Dieser Ort sei schon besonders, sagt er und schaut zu dem großen Bild von Dietrich Bonhoeffer, dem Theologen, der für seine Überzeugung von Nazis getötet wurde.

Dann spricht er noch einmal vom Mauerfall, von Menschen, die damals von dieser Kirche aus eine friedliche Revolution starteten. Eine Idee, die sich ausbreitete. Heute könnte man das wohl auch einen „Hype“ nennen, etwas, das viele Menschen gleichzeitig motiviert. Bevor er hinausgeht, sagt er einen Satz, bei dem nicht ganz klar ist, ob er Bonhoeffer, die Mauerfalldemonstranten oder ganz andere Menschen meint. Er sagt: „Das sind im Grunde die wahren Helden.“