Otfried Preußler

Der Unvergessliche der Kinderzimmer

Zwanzig Jahre lang, während die Bundesrepublik zu sich selber kam, hat er Meisterwerk um Meisterwerk geschrieben, jedes einzelne Grund genug, da unsterblich zu werden, wo das Unvergessliche wohnt: im Kinderzimmer. „Der Räuber Hotzenplotz“ hätte für ein Leben gereicht, aber Otfried Preußler hat auch „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“, „Die Abenteuer des starken Wanja“ und den „Krabat“ geschrieben.

Wie kein Zweiter hat er die deutschsprachige Kinderliteratur der Nachkriegszeit geprägt und ihr den Stoff einer großen gemeinsamen Erzählung geschenkt, die von Kasperln und Seppeln, von Wassermännern, Dackelkrokodilen und sprechenden Katern ebenso handelt wie vom Tod, der ein Meister aus Deutschland war. Dass der Hotzenplotz der Großmutter die Kaffeemühle raubt, dass die Großmutter pflichtschuldig bis neunhundertneunundneunzig zählt, bevor sie um Hilfe ruft und in Ohnmacht fällt, dass es Pflaumenkuchen mit Schlagsahne gibt, wenn alles wieder gut ist – das weiß jedes Kind in Deutschland und jeder, der mal ein Kind in Deutschland war.

In die Vor-Kästner-Zeit zurück

Gedankt haben das Preußler lange Zeit allerdings allein die Kinder, die ihm Abertausende Briefe ins bayerische Haidholzen schrieben (der Vielbeschäftigte hat sie so pflichtschuldig beantwortet, wie die Großmutter zählt). Aber Preußlers größte Schaffenskraft fiel eben in die Jahre der kleinen deutschen Kulturrevolution, und der galt ein Traditionalist wie er grundsätzlich als Reaktionär. En vogue war, während die Studenten rebellierten, was heute schlicht Problembuch heißt – Preußler hingegen ging in Stoff und Stil noch in die Vor-Kästner-Zeit zurück. Statt urbaner Problemzonen beschrieb er dörfliche Welten, statt auf die Scheidungsrate bezog er sich aufs Marionettentheater, statt Slang bevorzugte er starke Verben. Bevor das Alte wieder das gute Alte werden konnte, stand Otfried Preußler quer zu seiner Zeit: Wenn die Studenten im Fernsehen „Ho-Ho-Ho Chi Minh!“ skandierten, rief die jüngste Preußler-Tochter, angefeuert von den beiden großen Schwestern, „Ho-Ho-Hotzenplotz!“. Doch dieses Quer-zur-Zeit-Stehen hatte nicht nur weltanschauliche und ästhetische Gründe, sondern wurzelte vor allem anderen in der Erfahrung von Verlust.

Otfried Preußler – ohne das kann man ihn nicht verstehen – war ein Vertriebener. 1923 im böhmischen Reichenberg geboren, hatte er an der deutschen Karls-Universität in Prag studieren wollen, aber „Hitler und Stalin“, schrieb er viele Jahre später, „haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht“. Preußler wurde Soldat, mit 20 geriet er in Bessarabien in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Einen Winter verbrachte er im Lager Jelabuga, und als er 1949 aus dem Lager Kasan entlassen wurde, war das Elternhaus im Schieferdörfl verloren, die Familie versprengt. Fast alle Preußler-Bücher spielen in der danach nicht mehr wiederzufindenden Vorkriegswelt; was in der Katastrophe des 20.Jahrhunderts unterging, erwacht in seinem Erstling, dem „Kleinen Wassermann“ von 1956, wieder zum Leben: das Mühlrad ebenso wie der geregelte Tagesablauf einer bäuerlich-handwerklich geprägten Welt. Nicht als Volksschullehrer, der er in der neuen Heimat wurde, verstand sich Preußler, sondern als „Schulmeister“ – was nicht für Strenge und autoritäres Gebaren stehen sollte, sondern für handwerkliche Solidität. Und in eben diesem Sinn sind auch Preußlers Sätze Meisterstücke – manchmal wirken sie tatsächlich wie mit weißer Kreide in schönen Bögen an die Tafel gemalt. Auch wenn der Thienemann-Verlag sie nun durchforstet und etwa in der „kleine Hexe“ politisch als unkorrekt geltende Begriffe wie „Negerlein“ und „Neger“ streicht, um sie so an den Zeitgeist anzupassen und dadurch erst zeitlos zu machen, wird sich daran nichts ändern.

Übrigens hat Preußler seine Sätze im Gehen gefunden – frühmorgens auf dem Weg zur Schule oder auf langen Spaziergängen, die ihn buchstäblich nach Hause führten. Preußlers Klarheit und Umstandslosigkeit sind Kinder der Mündlichkeit. Noch in Böhmen hatte ihm die Großmutter Dora vom Räuber Schmirgel, dem Kater Sansibar oder dem Gendarmeriepostenkommandanten Hawlitschek erzählt, in Bayern nun entstand „Die kleine Hexe“ quasi auf der Bettkante. Bald nutzte Preußler bei seinen Wanderungen auch ein Diktafon; das zurückspulende Band war bei den Preußlers in Haidholzen ein vertrautes Geräusch. Als Preußler Josef Ladas tschechischen Kinderbuchklassiker „Kater Mikesch“ ins Deutsche übersetzte, schrieb er ihn im Geist dieser Mündlichkeit schließlich um, und so wurde ein Preußler-Buch daraus, eine jener „ohne Umschweif erzählten, schlanken Geschichten, in denen sich ‚etwas rührt‘“. Auch die Preußler-Poetik kam, wie man hört, „ohne Umschweif“ daher – ganz ohne Attitüde, aber unbeirrbar und sehr selbstbewusst. Die Attacken der politisierten 60er-Jahre haben ihm dennoch zugesetzt. Kaum hatte sich im München der späten 50er-Jahre mit Preußler, James Krüss, Max Kruse und Michael Ende so etwas wie eine Gruppe47 des Kinderbuchs gefunden, sollten deren fantastische Welten auf einmal nichts mehr gelten. Von der „Verpreußlerung“ der Kinder war plötzlich die Rede und einer Literatur „der Vereinzelung“, wo doch „eine zeitgemäße Literatur für Kinder… nicht auf Individualität, sondern auf Kollektivierung“ zielen müsse. Statt fantastisch sollte nun alles „realistisch“ sein, und realistisch hieß: politisch. „Deutschland, gerade aus dem finstersten Albtraum seiner Geschichte erwacht“, schrieb ein Biograf Michael Endes später, „hatte sich vor lauter Angst vor einem erneuten Einbruch des Schreckens das Träumen verboten.“

Dabei gab Otfried Preußler gerade in diesen Jahren dem Schrecken, dem finstersten Albtraum Gestalt. Sein „Krabat“ sollte „die Geschichte eines jungen Menschen erzählen, der sich mit finsteren Mächten einlässt“ – und „zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation“ sein. Grundlage des Romans ist eine sorbische Sage, sein Thema aber ist das Dritte Reich: Der junge Mensch, der Preußler war, der Müllerbursche Krabat, muss einem Meister dienen, der Krieg predigt und im toten Gang seiner Mühle Menschenknochen zermahlt. „Zehn Jahre Arbeit“, hat Preußler, der den „Hotzenplotz“ in nur 55 Tagen schrieb, später über den „Krabat“ geseufzt und auf die Recherche zur Mühlentechnik des 18.Jahrhunderts verwiesen – dabei ist der Künstler Preußler, der wie zum Selbstschutz stets auf den Handwerker Preußler zeigte, so krank geworden am „Krabat“, dass er sich zeitweise äußerlich in den Meister verwandelte und wie der aufgrund einer mysteriösen Augenentzündung eine Augenklappe trug. „Auf manche Fragen, die meine Erzählung aufwirft“, hat er zwanzig Jahre später geschrieben, „weiß auch ich keine schlüssige Antwort.“

Schmales Spätwerk

Das Spätwerk Preußlers ist schmal, er hatte immer „einen großen Papierkorb“ und hohe Ansprüche an sich selbst. Einmal noch aber ist er zuletzt in einem Bilderbuch zum „Kleinen Wassermann“ zurückgekehrt, dahin, wo alles anfing. Nur in der Öffentlichkeit hat er sich nicht mehr gezeigt, nach dem Tod seiner Frau war er in ein Seniorenheim gezogen. „Haltet mir einen Platz frei in eurer Nähe drüben“, heißt ein später Text über die Kriegstoten, die nun, nach so vielen Jahren im Schatten, auf einmal wieder aus dem „Nebel ferner Erinnerung“ hervorträten. „Drüben wird alles klar, es wird alles fraglos geworden sein“, endet das kurze Stück. Am Montag ist Otfried Preußler, 89 Jahre alt, in Prien am Chiemsee gestorben.