Kommentar

Ein Hüter der Tradition

Thomas Schmid über die Gründe für den Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Ein so verständlicher Rücktritt, ein ebenso rätselhafter Rücktritt. Der Papst ist im Verständnis der Katholiken Nachfolger Petri, des ersten Bischofs von Rom, des Felsens, auf den Gott seine Kirche gebaut hat. Ein Amt wie kein anderes. Wer es innehat, hat es zwar – bis zum Tode – auf Zeit, er kann es aber auch nicht ablegen wie einen Job, eine Stellung im Staat. Gott hat das Amt verliehen, Gott wird es beenden. BenediktXVI., ein strenger Glaubensmann, ist der erste Stellvertreter Christi auf Erden, der das Papstamt von sich aus aufgibt.

Gab es nicht im 13.Jahrhundert schon einen Papst, der das vorgemacht hat? Wie Benedikt war auch Pietro del Morrone, der 1294 zum Papst gewählt wurde und sich CoelestinV. nannte, ein Diener im Weinberg des Herrn, voll von mönchischer Demut. Von Anfang an war er nur ein Spielball rivalisierender Kardinäle. Der arme Mann hatte von Beginn an keine Chance, nach einem knappen halben Jahr floh er aus dem Amt. BenediktXVI. kapituliert nicht vor der Kirche und ihren Intrigen, er kapituliert vor dem Alter. Er verwandelt sich vom Pontifex Maximus, vom Oberhaupt der beständigsten Organisation der vergangenen zwei Jahrtausende zurück in einen einzelnen Menschen, der seine Hinfälligkeit öffentlich bekennt.

Deswegen fliegt ihm, dem die Mühsal schon seit geraumer Zeit anzusehen war, die Sympathie der Menschen zu. Wohl auch deswegen, weil Joseph Ratzinger mit seinem unerhörten Schritt eine fast individualistisch imprägnierte Schwäche an den Tag legt, die gar nicht seine Sache zu sein schien. So milde er im Umgang sein kann, theologisch und kirchlich war er ein Mann der Tradition, der Autorität, der Unverrückbarkeit des Herkömmlichen. Viele Kritiker sehen in ihm einen Erzkonservativen, der die neue Zeit nicht versteht. Jetzt werden sie ihm vielleicht ironisch Anerkennung zollen: Willkommen im Klub der Selbstverwirklicher.

Es dürfte komplizierter sein. BenediktXVI. war wie kaum einer der Vorgänger ein theologischer Papst. Er war geradezu ein Gegenpol zu seinem charismatischen Vorgänger Johannes Paul II., der den unerschütterlichen Willen zur Überwindung des Kommunismus verkörperte und der wie ein Herold eines lebensstarken Glaubens wirkte – noch im Sterben. Joseph Ratzinger war sein Leben lang von Zurückhaltung, ja Scheu geprägt. Selbst in seinem schon 1998 erschienenen Erinnerungsbuch „Aus meinem Leben“ erzählt er wenig, nennt kaum Namen, reiht keine Anekdoten auf die Schnur. Es gibt keine Wendepunkte: Mit 17 Jahren will der junge Joseph Ratzinger Priester werden, und von Anfang an steht fest, dass es das dem Glauben gewidmete Denken ist, was ihn anzieht. Er ist ein Mann der Studierstube, hier fühlt er sich zu Hause.

Es gibt einen Grundakkord im geistigen Leben Joseph Ratzingers, er verbindet Glaube und Vernunft. Deswegen ist er ein Mann der Schrift. Er weiß natürlich, dass es für viele keine Brücke zwischen beidem gibt. Sein theologisches Werk kann man als einen nie unterbrochenen Versuch lesen, Glaube und Vernunft in Berührung, ja fast in eins zu bringen. Joseph Ratzinger war offener, als viele vermuten. In den 60er-Jahren wirkte er aktiv an dem damals noch ungewöhnlichen Dialog mit den polnischen Bischöfen mit. Und auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehörte er zu den reformfreudigen Neuerern, die gegen die Erstarrung Roms antraten. Es war wohl der irdische Messianismus der 68er, den er an der Universität Tübingen erlebte, der ihn in seiner Anmaßung empörte wie erschreckte und ihn zum Hüter der Tradition werden ließ.

Man muss sein beharrliches Nein zur Modernisierung der Kirche im Geiste der partizipatorischen Demokratie nicht teilen. Man sollte aber anerkennen, dass es gute Gründe für ihn gab und gibt, die irdische Institution der Kirche als Gegenpol zum Zeitgeist und dessen unvermeidlichem Werteneutralismus zu kräftigen. Man sollte verstehen, warum er nicht Ja sagen kann zu Ehen von Homosexuellen und warum er den Protestanten nicht um den Hals fiel. Das Dilemma der Kirche: Geht sie nicht mit der Zeit, schrumpft ihre Basis; geht sie mit der Zeit, schrumpft sie auch. Joseph Ratzinger, der sich einmal „Mitarbeiter der Wahrheit“ nannte, verkörpert jenseits davon die freudige Überzeugung, dass es der Kirche nur dann gut gehen wird, wenn sie weiter von der ungeminderten Möglichkeit eines rabattlosen Glaubens überzeugt ist und das auch bezeugt.

Er hatte das Amt nicht gewollt, das ihn den Büchern entfernte, und das war ihm von Anfang an anzusehen. In einem der kühnsten Akte der Kirchengeschichte hat er zugegeben, dass er „das Schifflein Petri“ nicht mehr zu steuern vermag. Das hat etwas Großes, Tragisches – und Schönes.