Weltkrebstag

„Eltern wollen ihre Kinder vor der Wahrheit schützen“

Seit 30 Jahren gibt es die Krebsberatung Berlin, in der Betroffene und Angehörige Unterstützung finden.

Das Besondere: Alle Mitarbeiter haben die Krankheit selbst erlebt. Auch die Psychoonkologin und Kunsttherapeutin Dana Pelczar-Kostyra, die seit vier Jahren zu der Beratungsstelle gehört, war 2005 an Brustkrebs erkrankt. Mit der 55-Jährigen sprach Annette Kuhn.

Berliner Morgenpost:

Wieso suchen Betroffene Rat bei Ihnen?

Dana Pelczar-Kostyra:

Die medizinische Behandlung reicht nicht aus, da muss etwas dazukommen. Die Patienten müssen lernen, mit den Auswirkungen der Erkrankung und Behandlung umzugehen, ihr Leben neu auszurichten. Vielen Patienten wird gesagt: Leben Sie so wie bisher. Aber das geht nicht, das Leben hat sich so sehr verändert durch die Erkrankung.

Mit welchen Fragen kommen Betroffene?

Die Menschen stoßen sehr schnell an ihre Grenzen und suchen Orientierung. Viele kommen heute zu uns, weil sie eine Entscheidungshilfe brauchen. Sie sind zwar gut informiert, weil Ärzte besser aufklären und sie viel im Internet lesen. Aber sie hören so viele verschiedene Meinungen, dass sie gar nicht wissen, welche Therapie wirklich gut für sie ist. Wir unterstützen bei der Entscheidungsfindung, indem wir eine Ambivalenzberatung machen. Wir zeigen die Alternativen mit ihren Vor- und Nachteilen auf. Die eine Alternative ist vielleicht mit einem hohen Risiko verbunden, die andere mit schweren Nebenwirkungen. Wir versuchen herauszufinden, mit welchem Weg der Betroffene besser umgehen kann.

Die Diagnose Krebs macht hilflos. Wie finden Betroffene wieder Kraft?

Die Patienten haben das Gefühl: Die Krankheit, die Ärzte, alle machen etwas mit mir, und ich muss das über mich ergehen lassen. Aus dieser Hilflosigkeit wollen wir sie herausholen. Wir ermutigen, geben Halt und versuchen den Betroffenen zu vermitteln, dass sie selbst etwas für sich tun können: Sport, Ernährung, Entspannungstechniken sind wichtige Themen. Zu erkennen, dass die Erkrankung das Leben nicht bestimmen muss, ist ein wichtiger Schritt in der Verarbeitung der Krankheit.

Was beschäftigt die Angehörigen?

Sie sind vor allem ratlos, wie sie den Betroffenen unterstützen können, und sie wissen auch nicht, wie sie mit ihren eigenen Ängsten und den Veränderungen in der Beziehung umgehen sollen und ob sie in dieser schweren Zeit an sich selbst denken können.

Wie gehen Kinder mit der Erkrankung um?

Eltern haben die Tendenz, Kinder vor der Wahrheit zu schützen. Aber Kinder sind wie kleine Seismografen, sie bekommen alles mit. Sie spüren, wenn etwas mit den wichtigsten Bezugspersonen passiert, egal ob man das anspricht oder nicht. Daher ist es wichtig, dass Eltern einen Weg finden, mit den Kindern darüber zu sprechen. Auf jeden Fall sollten sie die Kinder nicht anlügen, sondern altersentsprechend aufklären. Kinder haben die Tendenz, sich sonst selbst die Schuld zu geben. Das liegt an ihrem selbstzentrierten Weltbild. Es ist wichtig, dieser Tendenz entgegenzuwirken, auch wenn es schwerfällt.

Was können Sie für Familien tun?

Wenn es kleine Kinder gibt und der andere Elternteil arbeitet, schauen wir zunächst, ob Verwandte oder Freunde helfen können. Wenn nicht, kann man auch externe Hilfen organisieren. Bei Kindern unter zwölf Jahren übernimmt zum Beispiel die Krankenkasse die Haushaltshilfe. Schwierig wird es, wenn Kinder älter sind, dann gibt es nur wenige Angebote.

Wie läuft die Beratung bei Ihnen ab?

Der Erstkontakt läuft übers Telefon. Manchmal reicht die telefonische Beratung, wenn es zum Beispiel um reine Informationen geht. Oft brauchen die Menschen aber mehr. Dann laden wir sie zu einem persönlichen Gespräch ein. Wir begleiten Betroffene und Angehörige oft über Monate, auch wenn die Krankheit keinen guten Verlauf nimmt. Wir bieten außerdem verschiedene Gruppen an. Gesprächs- und Trauergruppen, eine Männer- und eine Atemgruppe sowie kreative Angebote.

Mehr unter krebsberatung-berlin.de , Kontakt: krebsberatung@web.de oder telefonisch: 030/89 40 90 -41 (Betroffene) oder -42 (Angehörige)