Kommentar

Gut gelaunt durchs Dauerfeuer

Hajo Schumacher über die Wahl in Niedersachsen und Philipp Röslers Wiederauferstehung

Der Wähler ist und bleibt ein wunderbar unberechenbares Wesen. Was haben sich Medien, Mobber und Meinungsforscher abgemüht. Und dann kam alles anders. Wer hätte am Wahlmorgen mit einer Auferstehung des politischen Untoten Philipp Rösler gerechnet? Die Messerstecher in der FDP hatten sein Ende beschlossen. Und nun? Fast zehn Prozent, mit denen er seinem alten Freund McAllister beinahe sogar den Ministerpräsidentenposten gerettet hätte. Zu selbstgewiss war der Amtsinhaber in diese Wahl gezogen; offenbar waren die Niedersachsen nicht ganz so überzeugt von ihrem Regierungschef wie er von sich selbst. Gegenentwurf ist der leise Stephan Weil, mit dem sich ein politischer Trend fortsetzt. Wie Scholz, Albig, Sellering, Kretschmann, Kraft, Dreyer scheint der Typus des soliden Erledigers zuzulegen.

Weils SPD hat trotz Stolper-Steinbrück rund drei Prozent hinzugewonnen, was ihm allerdings nicht genug sein dürfte. Vor Antritt des Kanzlerkandidaten hatte es nach einem klaren rot-grünen Sieg ausgesehen. Auch wenn der negative Effekt nicht so dramatisch war wie befürchtet, und auch wenn es scheinbar ganz knapp reicht für Rot-Grün, droht die alte Befürchtung: Mit Steinbrück gewinnt man so leicht keine Wahlen. Da können die Grünen noch so viel dazugewinnen und die Linke zugleich verlieren. Und trotzdem: Mit dem Ergebnis wird das Kommando Notbremse aus dem Willy-Brandt-Haus nun wohl ausbleiben.

Der Held von Hannover bleibt Philipp Rösler. Weil es ihm gelang, sein Volk zu mobilisieren. Die Niedersachsen sind sich ihrer Rolle als bundesweiter Seismograf bewusst und ein patriotischer Haufen. Schon 1998 wählte das Bundesland keinen Ministerpräsidenten, sondern einen Kandidaten. „Ein Niedersachse muss Kanzler werden“, hieß der Schlachtruf damals. An diesem Wochenende lautete das Motto der niedersächsischen Liberalen, von denen man gar nicht wusste, dass es so viel gibt: „Wir lassen unseren Philipp nicht niedermobben von den Niebels und Brüderles und Kubickis.“ Dieses Wahlergebnis hatte weniger mit Landespolitik zu tun als mit einem Aufschrei des Missfallens gegenüber fortgesetzter Niedertracht. Galten die Überraschungserfolge der FDP in Schleswig-Holstein und NRW noch als Verdienst der Exoten Kubicki und Lindner, wurde in Niedersachsen vor allem der frühere Wirtschaftsminister und Fraktionschef Rösler gewählt. Selten ist ein Politiker im Dauerfeuer so zäh gut gelaunt geblieben wie Rösler; der sich wie ein Diesel durch die norddeutsche Tiefebene gerackert hat. Der FDP-Erfolg birgt eine weitere Botschaft: Die Liberalen bilden, trotz all ihrer unsinnigen Kabbeleien, den einzigen Gegenpol zu den drei sozialdemokratisierten Parteien CDU, SPD und Grüne. Vielleicht ist gerade dieser Rösler mehr FDP als der ganze schwatzende Rest zusammen.

Was lehrt Niedersachsen nun für die Bundestagswahl? Die CDU ist nicht so stark, wie sie sich fühlt. Die FDP ist nicht so tot, wie sie aussieht. Und eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb in Berlin nicht mehr ganz so undenkbar. Rot-Grün wiederum hat nur eine Chance, wenn der Bundestag aus den klassischen Vieren besteht – und Genosse Peer sich am Riemen reißt. Sicher ist nur eines: Es wird knapp.