Mode

Smarte Damen und feine Kerle

Fashion Week: Während am Brandenburger Tor alle auf den Laufsteg gucken, wird auf den Modemessen das Geschäft gemacht. Eine Typologie

Von 60 bis 600 Marken, vom Platzhirsch bis zum Skater-Treff – am heutigen Dienstag startet die mittlerweile 12. Berliner Fashion Week. Sie ist diesmal so groß und so lang wie noch nie. So geben auch mehr als ein Dutzend Messen und Showrooms eine Vorschau auf die Trends für den kommenden Herbst und Winter. Mit dabei ist natürlich wieder die Jeans- und Streetwear-Messe Bread & Butter, aber auch der Frischling Panorama oder die übersichtliche Seek. Für das Fachmessepublikum bedeutet dies jede Menge Trends, lange Einkaufstage und noch längere Nächte. Normalsterblichen ist dieser Kosmos verwehrt, sie müssen draußen bleiben. Deshalb hier ein Einblick in die Welt der Messen.

Die Streberin

Leise, gut durchdacht und fast ein bisschen streberhaft: Die Show & Order hat sich in der dritten Saison ihres Bestehens einen festen Platz in der Messewelt Berlins gemacht. Sie ist modisch, qualitätsbewusst, betrachtet die Welt durch ihre Designer-Brille mit einem gewissen Abstand und trifft dann die richtigen Entscheidungen. Als „hochwertig“ beschreibt sie sich selbst. Und als „a warm place in a cool city“, einen warmen Platz in einer kalten Stadt. Bei der Show & Order zählt nach eigenem Bekunden die Qualität der ausstellenden Modemarken, nicht die Quantität. Als Austragungsort des Mode-Marathons (15. bis 17. Januar) hat man sich für die Show & Order ebenfalls ein Gebäude mit Substanz gesucht. Im ehemaligen Kraftwerk an der Köpenicker Straße in Berlin-Mitte wird die Fläche mit rund 250 Ausstellern bespielt.

Die Markenauswahl: ebenfalls solide. Aber nicht so, dass es langweilig wird. Zur rechten Zeit gönnt sie sich auch mal einen Spritzer Innovation. Neu dabei sind beispielsweise Tibi NY, Cashmere by Tania, Lareida und St. Emile.

Dieses Mal gibt es eine knackige Late-Night-Order-Runde. An einem Tag, in diesem Jahr ist es der Mittwoch, bleiben die Tore der Messe bis 21 Uhr geöffnet. Während sich das gemeine Messevolk schon auf den Weg zum Hotel oder zum Dinner macht, will die bodenständige Messe weiter Geschäfte machen. Auch, um die Einkäufer vom Termindruck zu befreien. „Damit kommt die Messe dem Wunsch nach optimalen Business-Bedingungen entgegen und schafft mehr Raum für intensive Geschäfte“, heißt es. Ein bisschen streberhaft eben.

Die Unbestrittene

Lässig, weiblich, mit gekonnt eingesetztem Charme und zugleich auch noch blitzgescheit: So könnte man die Premium, die Messe am Gleisdreieck, beschreiben. Als Berlin noch ein waberndes Konstrukt aus viel Stil, wilder Kreativität und noch wilderer Unprofessionalität war, traute sich die Premium, Ordnung in das Chaos zu bringen. Allerdings ohne die pulsierenden, kreativen Strömungen zu stören oder gar zu zerstören. Die Premium hat wie viele moderne Berlinerinnen ihren eigenen Kopf. Sie weiß, wie man Qualität und Trend vereint. Was Berlin-Mitte und New York gemeinsam haben. Der Freundeskreis ist international und wächst ständig.

Die Premium, die sich vom 15. bis zum 17. Januar mit exklusiven Herren- und Damenkollektionen, Sportswear, Entwürfen junger Designer, Schuhen und Accessoires zeigt, lebt Berlin, macht sich Gedanken, erfindet sich neu und wird nie langweilig. Hier weggehen? Nein. Stattdessen exportieren die beiden Macher Anita Tillmann und Norbert Tillmann (sind übrigens nicht miteinander verheiratet, waren auch nie miteinander verheiratet und sind weder verwandt noch verschwägert) lieber das Konzept in andere Städte. Und verpassen Düsseldorf oder München den notwendigen Berlin-Kick. Dabei ist die Lady jetzt schon seit zehn Jahren dabei und lockt mit ihren mehr als 800 Marken rund 60.000 Fachbesucher in die „Station“ am Gleisdreieck. Da kann man eigentlich von Etabliertheit sprechen. Im Fall der Premium aber nur im besten aller Sinne. Mit viel Potenzial für die Zukunft.

Die Neue

Sie ist der Neuling unter den Messen und kommt doch ein bisschen gesetzt daher. Der Stil der Panorama ist geprägt von Perlenohrringen und knielangem Rock, ganz damenhaft. Ebenso gewählt drückt sie sich aus: „Gerade zu Beginn einer neuen Ordersaison ist frühe und verlässliche Information zu den wichtigsten Styles und Tendenzen elementar und das herausragende Leistungsmerkmal einer substanziellen Modemesse“, heißt es.

Der Macher hinter der Messe ist Jörg Wichmann, kein Unbekannter in der Szene. Im Jahr 2003 gründete er eine Vertriebsfirma für Berliner Design-Produkte mit dem Namen Berlinomat. Zeitweilig wurden die Sachen in einem eigenen Shop und durch speziell entwickelte Automaten verkauft. Das Konzept der Messe, die sich von den Marken her eher an dem Portfolio der ehemaligen Düsseldorfer Messe CPD orientiert, wurde gemeinsam mit Anita und Norbert Tillmann von der Premium entwickelt.

Als Zugezogene fiel die Panorama übrigens der Planungsunsicherheit ihrer neuen Heimat zum Opfer. Eigentlich wollte man sich pünktlich mit der für vergangenen Sommer geplanten Eröffnung des BER in einem internationalen Ambiente präsentieren. Daraus wurde bekanntermaßen nichts. Doch die Panorama hat die Zähne zusammengebissen und präsentiert sich jetzt in der ExpoAirportHalle in Schönefeld. Dort gibt es unaufgeregte Marken auf 20.000 Quadratmetern, darunter Airfield, Comma, Geox, Marc Cain, Olymp und S.Oliver. Die Anreise der Fachbesucher ist übrigens generalstabsmäßig geplant, inklusive Shuttle-Service. Eine Dame überlässt nichts dem Zufall.

Der Szenekenner

Punker, Raver, Teds und Mods – das alles war einmal. Mittlerweile kategorisiert sich die Welt auf den ersten Blick in Hipster, Emos, Geeks und Nerds. Aber nur auf den ersten Blick. Die Seek ist der Szenekenner unter den Messen. Er kennt den angesagtesten Club, bevor er in irgendeinem Blog auftaucht, hat schon zum richtigen DJ Kontakt, bevor der die erste Platte veröffentlicht, und trägt Klamotten, lange bevor sie der Hipster hat.

Klein, aber extrem ausgewählt sind die Aussteller auf der Seek, Musik- und Kleidungsstile gehen Hand in Hand. Die Impulsgeber der jungen, vorausschauenden Mode zeigen hier ihre Entwürfe. Kombinieren frech und ungewohnt. Zum Beispiel A Kind of Guise, Mes Dames, Calle, The White Briefs, Vanishing Elephant oder Blood Brother. Die „aufregendsten und progressivsten Marken“ also, wie die Macher selbst sagen. Die Seek ist der Seismograf der modischen Schwingungen. Erfolgreich hat man sich seit 2007 im Markt behauptet, seine Nische gefunden und ein ganz besonderes Markenportfolio kuratiert. Dabei ist nicht „neu“ alleine das Kriterium, sondern die besondere Mischung, mit Outfits, die einstige Musikgrößen getragen haben. Nach einem ähnlichen Prinzip, wie Künstler die Lieder der von ihnen verehrten Musiker nachspielen. Mit ihrem ganz eigenen Sound.

Verkaufsdirektorin Maren Wiebus und Kreativdirektor Oliver Saunders fangen die Schwingungen ein und packen sie vom 15. bis zum 17. Januar auf die 1400 Quadratmeter ins Kühlhaus an der Luckenwalder Straße, gleich neben der Station, in der die Premium untergebracht ist.

Der Wilde

Krawall, Spaß und viel Innovation, lautet hier das Motto. Die Bright ist der smarte Skater unter den Messen, die schwer zu fassende Avantgarde, der Junge, der den Ton für die echten Hipster angibt. Und dabei niemals selbst so genannt werden will. Skate- und Streetwear bestimmen den Style dieser Messe, die vom 16. bis zum 18.Januar läuft. Dazu gehören nicht nur die entsprechenden Marken (Vans, Banana Boards, Cleptomanicx, Okapi und so weiter), sondern auch direkt das entsprechende Skate-Team, das das Gelände als Halfpipe benutzt. Angesichts der Lässigkeit, die die ganze Veranstaltung ausstrahlt, gibt sie sich selbstbewusst: Nichts weniger als ein Maximum an Image und Identität würde das einzigartige Konzept der Messe garantieren.

Wenn die Arbeit auf der Messe erledigt ist, geht es in die Bars und Clubs der Stadt. Wo die Bright-Crew auftaucht, wird der Spaßpegel auf Anschlag gestellt. Nicht, dass hier keine Geschäfte getätigt werden, aber die soziale Komponente ist der Bright so wichtig wie keiner anderen Messe. Die Berliner sind eingeladen, sich das Messegelände zu eigen zu machen. Die Türen stehen offen, hier geht es mehr um Egalität. Seinem eigenen Stil ist sich das coole Szene-Kind eh sicher genug. Ein Höhepunkt dürfte die offizielle After-Show-Party der European Skate Awards am Donnerstagabend sein.

Zum Skater-Boy passt, dass er in diesem Jahr in die Alte Münze in Mitte umgezogen ist. Die 2000 Quadratmeter große Industrie-Location, die in den vergangenen 70 Jahren Prägeanstalt für Münzgeld war, dürfte auch den gewagtesten Skateboard-Stunts standhalten.

Der Platzhirsch

Breite Schultern, solides Ego, teure Jeans-Stoffe und ein Näschen für den kommenden Trend: Die Bread & Butter ist eindeutig ein gestandener Kerl. Nicht kleckern, sondern klotzen die Devise. Auf dem Ku’damm fühlt sich der Cliquen-Führer genauso wohl wie in Berlin-Mitte. Und erklärt das altehrwürdige Haus Cumberland mit seinen hochwertigen Eigentums- und Penthousewohnungen (Slogan: feines Wohnen am Kurfürstendamm) mal eben zum neuen In-Treffpunkt. Mit Erfolg, natürlich. Zur Messe (15. bis 17. Januar) wird dann gleich auch noch eine weitere Ikone des alten, konsumfreudigen West-Berlins reaktiviert: Gefeiert wird mit dem In-Publikum aus der ganzen Welt im „Big Eden“. Wenn nicht gerade Geschäfte gemacht werden.

Dabei ist es nicht zwangsläufig allein die Großmannssucht, die dem Bread & Butter-Riesen, der jedes Mal mehr als 100.000 Fachbesucher anlockt, Motivation und Antriebskraft verleiht. Auf dieser nicht öffentlichen Veranstaltung paart sich eben Geschäftstüchtigkeit mit einer ordentlichen Portion Großzügigkeit. Aber wehe, wenn die nicht ausreichend goutiert wird. Oder wenn die Clique nicht so will, wie der Trend-Ansager. Dann ist man auch schon mal beleidigt.

Während der vergangenen Saison schien es so, als habe der Anführer der Branche an Zugkraft verloren. Einige wichtige Jeans-Marken wollten sich nicht mehr auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof zeigen. Angeblich sollen zu hohe Mieten für die Standflächen und eine zu wahllose Selektion der Marken Grund für die Abwanderung gewesen sein. Die Bread & Butter, 2001 von Karl-Heinz Müller in Köln geboren und seit 2003 (unterbrochen von kurzen Flirts mit Barcelona) in Berlin zu Hause, zeigte sich pikiert. Gerüchte um einen Standortwechsel machten die Runde. Berlin sei beliebig geworden, zu viele Messen verwässerten das Profil der Stadt, hieß es sinngemäß.

Doch letztlich nahm es der „Bestimmer“ der Modeclique Berlin sportlich und zog Konsequenzen. In diesem Jahr habe man genauer hingeschaut, wer zur „Big Time“ – so das diesjährige Motto – eingeladen wird. Auch habe man sich von einigen langjährigen Ausstellern getrennt. Und eine mögliche Verringerung der Ausstellerfläche in Kauf genommen. „Als internationale Leitmesse im attraktiven Segment der Street- und Urbanwear muss Bread & Butter ein Impulsgeber bleiben und sich der Verantwortung stellen“, heißt es. Neu geordnete Hallenkonzepte und massiv veränderte Areale soll es geben. Eine Neuerfindung, die wirken sollte.