Interview

„Berlin bietet den perfekten Nährboden für neue Gedanken“

| Lesedauer: 9 Minuten

Experte: Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin

Nicolas Zimmer hat während seiner Zeit als Staatssekretär für Wirtschaft enge Kontakte zur Szene der Internet-Start-ups gepflegt. Seit dem Jahreswechsel ist er als Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin dafür da, neue Techniken zu identifizieren und die Technologieförderung in der neuen, durch die Fusion mit Berlin Partner entstehenden Fördergesellschaft zu verankern. Mit dem 43 Jahre alten Juristen, der zwischen 2003 und 2006 die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus führte und heute sehr aktiv in diversen sozialen Netzwerken ist, sprach Joachim Fahrun.

Berliner Morgenpost:

Herr Zimmer, warum hat sich diese Internet-Szene in Berlin so stark entwickelt?

Nicolas Zimmer:

Das liegt an den guten Rahmenbedingungen, die aus der Stadt selber entstanden sind: das kreative Umfeld, weil in Berlin sehr viele verschiedene Lebensentwürfe möglich sind. In einer solchen Umgebung entstehen auch neue Gedanken. Es gibt schon einen Unterschied zwischen der Berliner Start-up-Szene und der an anderen Standorten. Wir haben hier eine besondere Nähe von Technologie und Kreativität. Berliner Start-ups machen schwerpunktmäßig Mediaprodukte wie etwa Soundcloud oder tape.tv. Oder sie fallen dadurch auf, dass sie mit einem besonderen Anspruch an Usability, also Benutzerfreundlichkeit, gemacht sind, zum Beispiel die Wunderlist von 6Wunderkinder. Außerdem ist Berlin eine internationale Stadt. Es ist leicht, hier internationale Fachkräfte zu akquirieren. Die fühlen sich hier wohl, kommen gut zurecht. Man kann in der Stadt im Vergleich zu Städten wie London immer noch billig leben. Deswegen kann man sich hier relativ frei entfalten. Das ist der wesentliche Nährboden.

Frei entfalten klingt natürlich gut. Aber die entscheidenden Lösungen für die Industrie werden dann in anderen Städten entwickelt?

Es gibt in Berlin natürlich auch Unternehmen, die Anwendungen programmieren für große Kunden aus der Industrie und der Verwaltung. Aber was die Start-up-Szene ausmacht in Berlin, ist nicht industriebezogen, sondern nutzerbezogen. Und es ist sehr international. Die meisten Entwickler in Deutschland konzentrieren sich sehr stark auf den deutschen Markt. Der ist ja auch relativ groß, deswegen reicht er für viele Unternehmen aus. Das ist in Berlin anders. Wir haben hier viele internationale Gründer. Die orientieren sich gleich über Deutschland hinaus. Da sind sie besser aufgehoben, wenn sie für die End-User arbeiten.

Aber sind nicht viele Berliner Unternehmen wie auch Zalando nicht mehr als nur ein bisschen elaboriertere Bringdienste? Wenn einer mehr Geld hat und mehr Werbung macht, gewinnen doch die Größeren den Wettbewerb, oder?

Man muss das Rad nicht immer völlig neu erfinden, um erfolgreich zu sein. Wir haben in Berlin mit Rocket Internet beispielsweise ein Unternehmen, das sich sehr stark darauf orientiert, international erfolgreiche Geschäftsmodelle am deutschen Markt zu adaptieren. Damit kann man gutes Geld verdienen, es schafft auch Arbeitsplätze in der Stadt. Aber das sind andere Unternehmen als die, die in den kreativen Bereichen unterwegs sind.

Was ist denn der wichtigste Trend?

Das ist sicher der Weg zum Internet der Dinge. Das sieht man bei den Start-ups noch nicht so richtig. Aber natürlich machen die sich auch so ihre Gedanken, wie sie Endgeräte aller Art über das Internet stärker vernetzen können, um auf diese Weise einen Mehrwert zu produzieren.

Das heißt, wir reden über Kühlschränke, die sagen, bald ist die Milch alle, oder der Mülleimer zeigt an, wenn er voll ist?

Ja, aber solche Themen gibt es natürlich noch unendlich mehr. Denken Sie an Bezahlsysteme. In den USA ist die Firma Square sehr erfolgreich, die von dem Twitter-Erfinder Jack Dorsey mitgegründet wurde. Dafür gibt es eine physische Erweiterung für das Smartphone, um Kreditkarten überall annehmen zu können und damit mehr Geschäft zu machen. Aus meiner Sicht gibt es einen Trend, nicht nur Applikationen zu entwickeln, sondern auch zu gucken, wie man dazu gegebenenfalls Erweiterungen anbieten kann, um einen Zusatznutzen zu stiften.

Aber ist die Entwicklung von solchen physischen Produkten gerade für junge Unternehmen nicht ein Kostenproblem?

Die Markteintrittsbarriere sinkt, auch physische Produkte zu entwickeln. Die Internet-Revolution bestand darin, dass jeder, der programmieren kann, auch ein Geschäftsmodell umsetzen kann. Jetzt sind wir in der Situation, dass sich die Hemmschwelle für die Produktion für physische Produkte verändert, durch 3-D-Printer, durch Laser-Cutter und ähnliche Dinge. Das wird die nächste Revolution sein. An dieser Schnittstelle wird sehr viel passieren.

Aber ist das nicht eher an Standorten zu erwarten, wo es jetzt schon mehr Fertigung gibt als in Berlin?

Wir haben in Berlin aber viele kleine Unternehmen, zum Beispiel in der Modebranche. Das ist auch Fertigung in kleinen Stückzahlen. Diese Methoden werden sich auch zuerst in Kleinserien abspielen. Ich glaube, dass diese Dinge im Laufe des Jahres in Berlin stärker in die Diskussion rücken.

Sie sind ja nun in der Technologiestiftung tätig. Wie erkennt man eine zukunftsträchtige Technologie?

Natürlich muss eine Organisation wie die Technologiestiftung auch weltweit gucken, was sind denn die „Emerging Technologies“, die neuen Techniken der Zukunft. Wir haben schon häufig erlebt, dass gute Ideen einfach zu früh kamen, weil der Markt dafür noch nicht reif war. Am besten erkennt man das, indem man die Nutzer fragt. Das geschieht zum Beispiel über Crowdfunding-Modelle. Das ist ja auch so eine Art Marktabfrage. Leute, die ein Produkt gut finden, sind eher bereit, dafür auch mal fünf Euro als Spende zu geben. Die Nutzer wissen in der Regel am besten, was sie gut finden. Aber wir sollten offener werden und den Blick darauf weiten, dass Innovationsprozesse heutzutage nicht mehr nur in den staatlich finanzierten Laboren stattfinden.

Aber was kann eine öffentliche Einrichtung konkret machen? Muss man nicht einfach darauf warten, dass die Unternehmer das selbst tun, wenn sie im Café „Sankt Oberholz“ sitzen?

Das „Sankt Oberholz“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie solche Plattformen spontan entstehen. Man arbeitet miteinander oder nebeneinander, man tauscht sich aus. Solche Prozesse kann man versuchen zu modellieren und woanders auch zu installieren. Diejenigen, die es angeht, müssen miteinander ins Gespräch kommen. Wir müssen dazu auch kulturelle Barrieren abbauen zwischen der Internet-Community, der akademischen Welt und den traditioneller aufgestellten kleinen und mittleren Unternehmen. Mit der Fusion von Berlin Partner und Technologiestiftung haben wir zukünftig Technologie- und Wirtschaftsförderung aus einer Hand, das erleichtert diese Prozesse ungemein.

Was braucht es denn, um aus der Startphase herauszukommen und ein großes Unternehmen zu werden?

Dafür ist der Zugang zu Kapital ein entscheidender Faktor. Risikokapital zu bekommen ist schon schwierig genug, Wachstumskapital zu kriegen nicht unbedingt leichter. Wir müssen sehen, dass wir mehr Kapitalgeber in die Stadt bekommen. Die Unternehmen mit gesundem Wachstum in Berlin sind inzwischen so 100 oder 150 Leute. Aber den Sprung zum 1000-Personen-Unternehmen, den schafft nicht jeder. Natürlich ist auch nicht jedes Unternehmen geeignet, eine solche Größe zu erreichen. Dazu müssen sie eine Internationalisierungsstrategie fahren. Dabei können wir Hilfestellung leisten. Aber wir können Unternehmer nicht an die Hand nehmen. Den Wunsch, eine bestimmte Größe zu erreichen, müssen Unternehmer in der DNA haben.

Ist dieser Wille zum Wachstum in den Berliner Start-ups vorhanden?

Einige sagen eher, sie wollen sich ihre Kreativität erhalten und vielleicht auch bald mal wieder etwas anderes machen. Das ist auch okay. Es ist nicht jedem gegeben. Eine bestimmte Größe bedeutet auch, einen Markt zu beherrschen. Das ist ein hartes Geschäft. Andererseits kann es eine Stärke sein, klein und flexibel zu bleiben und sich in einer bestimmten Nische an die Spitze zu setzen. Die Großunternehmen haben ja zuweilen Schwierigkeiten, und deshalb haben sie ja Inkubatoren. Indem sie junge Gründer fördern, versuchen sie, Kreativität und Offenheit wiederzubekommen. Aber ich glaube schon, dass es Unternehmen in Berlin gibt, die das Potenzial dazu haben, das nächste große Ding zu werden.