Wahlen

Bräsig ohne Ende

SPD setzt in Niedersachsen auf Sieg – Steinbrück würde das stabilisieren

Einen grünen Schutzhelm trägt der Kanzlerkandidat der SPD am späten Freitagnachmittag im äußersten Nordwesten der Republik. Nein, Peer Steinbrück folgt damit nicht dem legendären Rat des SPD-Urgesteins Franz Müntefering, der seiner Partei in prekären Situationen zurief, sie müsse „den Helm enger schnallen“. Nein, Steinbrück erfüllt allein die Sicherheitsmaßnahmen der Siag Nordseewerke. Das Traditionsunternehmen, das Stahlrohre für Windkraftanlagen produziert, ist insolvent. Steinbrück und SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil besuchen das Werk, bevor sie am Abend die heiße Phase ihres Landtagswahlkampfes eröffnen.

Kurz darauf stehen Steinbrück und Weil in einer Halle, in der riesige Maschinen Stahlplatten zu Rohren wälzen. Weil würdigt die körperliche Belastung der Arbeiter hier, und Steinbrück wettert, die schwarz-gelbe Landesregierung in Hannover habe der Firma Siag eine Bürgschaft verweigert. Die Botschaft der beiden Sozialdemokraten: Uns geht es um die Sache. Um Niedersachsen, um Arbeitsplätze, um Windenergie. Doch die Reporter interessieren sich vor allem für die von Steinbrück vor Silvester losgetretene Debatte um ein zu geringes Gehalt des deutschen Bundeskanzlers.

Seit Monaten sehen Umfragen eine rot-grüne Mehrheit nach der Landtagswahl am 20.Januar. Sollte diese Stimmung auf den letzten Metern kippen, vielleicht sogar wegen Steinbrücks neuerlichem Patzer? Für Spitzenmann Weil sind Auftritte mit Steinbrück mindestens einmal heikel. Er aber versucht, den parteiinternen Ärger öffentlich zu relativieren. „Ich fühle mich von Peer Steinbrück unterstützt im Wahlkampf“, sagt Weil. Das klingt brav, und doch lässt der Spitzenkandidat mit einem Nachsatz seinen Ärger – sehr dosiert – erkennen. Die Debatte um Steinbrücks Äußerungen werde im Bund geführt, „sie geht am Land erkennbar vorbei“, sagt Weil und fügt sogleich hinzu: „Das finde ich gut.“ Auf gut Deutsch soll das wohl heißen: Bleibt mir bloß weg mit dieser unseligen Diskussion. Steinbrück selbst schaltet auf stur. „Politiker müssen das aussprechen, was sie denken“, verteidigt er seine Aussagen, über die so viele eigene Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. „Ansonsten habe ich zu diesem Thema alles gesagt.“ Steinbrück muss diesen Satz am Freitag im Halbstundentakt wiederholen. An vier weiteren Tagen will Steinbrück in Niedersachsen für die SPD auftreten. Ein Wahlsieg „könnte Rückenwind geben“, sagt der Mann, der den Konjunktiv sonst meidet. Die Chancen dazu seien „gut“. Ein Sieg von SPD und Grünen würde nicht zuletzt den angeschlagenen Kandidaten Steinbrück stabilisieren.

Darauf weist Steinbrück in seiner abendlichen Wahlkampfrede hin. „Eine gewonnene Landtagswahl in Niedersachsen könnte eine hervorragende Startrampe für die Bundestagswahl sein, die ich gerne nutzen würde“, ruft er den rund 1000 Anhängern in der Nordseehalle zu. Steinbrück redet ohne Manuskript, er meidet das Rednerpult, in der rechten Hand das Mikrofon, die linke Hand in der Hosentasche. Nur ein Satz, gewohnt ironisch, münzt er auf die Kanzlergehalts-Debatte: „Eventuell mache ich auch Bemerkungen, die ich anschließend wieder einfangen muss.“ Ansonsten fordert er eine bessere Kinderbetreuung und mehr Offshore-Windenergie, mehr Steuern, den Mindestlohn. Das ganze sozialdemokratische Programm.

Spitzenkandidat Weil attackiert Ministerpräsident David McAllister (CDU). „Bräsig ohne Ende“ seien er und sein Kabinett, das nichts gegen den Bevölkerungsrückgang im Lande tue. „Am 20. Januar geht es um viel“, sagt Weil. Für ihn – und für Steinbrück.