Interview

„Die gute Berliner Infrastruktur ist messbar“

Die Hauptstadt hat ein exzellent ausgebautes Netz an Therapieangeboten für Krebspatienten. Über hiesige Besonderheiten der Krebstherapie sprach Wolfgang W. Merkel mit Professor Ulrich Keilholz, stellvertretender Direktor des Krebszentrums der Charité (Charité Comprehensive Cancer Center).

Berliner Morgenpost:

Gibt es bestimmte Krebsformen, an denen Berliner häufiger oder seltener erkranken als die Deutschen in anderen Regionen?

Ulrich Keilholz:

Im Großen und Ganzen nein. Die Abweichungen vom Durchschnitt liegen bei nur etwa zwei Prozent. Das hängt vor allem mit der heutigen Mobilität zusammen, die Berliner hatten stets eine hohe Mobilität. Das sorgt dafür, dass sich die Zahlen nivellieren. Eine Ausnahme sind Krebserkrankungen, die mit dem Rauchen zusammenhängen. In Berlin wird mehr und länger geraucht als anderswo, sodass wir mehr Tumore von Kopf, Hals, Lunge und Speiseröhre beobachten. Eine zweite Einschränkung: Unsere Krebsstatistiken sind üblicherweise alterskorrigiert, basieren also auf einem Standardalter. In Berlin und den neuen Bundesländern altert die Bevölkerung aber stärker. Wenn man das mit einbezieht, bedeutet das, dass es in Berlin etwas mehr Krebsfälle gibt, als dem Bundesdurchschnitt entspricht. Einfach, weil Krebs oft eine Erkrankung des höheren Alters ist.

Profitiert der Berliner Krebspatient von der gut ausgebauten Infrastruktur?

Wir haben viele Kliniken mit onkologischen Abteilungen und Schwerpunktpraxen, und es gibt die Homecare-Versorgung von Patienten, deren Krebsleiden nicht mehr behandelbar sind, die aber palliativ, also vor allem schmerzlindernd therapiert werden können. Die gute Infrastruktur ist messbar, etwa am Fünfjahresüberlebenszeitraum. Die guten Behandlungsmöglichkeiten wirken sich zwar nicht aus bei Krebsformen, die ohnehin sehr gut behandelbar sind, und auch nicht bei jenen, die kaum geheilt werden können. Aber sie wirken sich lebensverlängernd aus bei den vielen Krebsleiden, bei denen es auf gute Kooperation der Ärzte mehrerer Disziplinen ankommt. Das haben wir etabliert, etwa in Form der Tumorkonferenzen, in denen interdisziplinär alle Behandlungsschritte abgestimmt werden.

Was wird die Krebsmedizin bis 2030 am meisten verbessern?

Die Untersuchung der genetischen Besonderheiten des Patienten. Wir finden zunehmend heraus, wie sich der Krebs individuell entwickelt. Auf dieser Basis können wir individueller und effizienter entscheiden, welche Therapie anschlagen wird. Das hat auch zur Folge, dass der Patient seltener eine Behandlung ertragen muss, die ihm gar nicht hilft, ihm aber die Nebenwirkungen beschert.