Interview

„Die Puppen zu berühren erzeugt jedes Mal Gänsehaut“

Er ist einer der meistbeschäftigten Puppenspieler Deutschlands.

Martin Paas, Jahrgang 1967, hat schon bei „Käpt’n Blaubär“ und „Bernd das Brot“ mitgewirkt und das WM-Maskottchen Goleo gespielt. Vor allem aber ist er in der „Sesamstraße“ beschäftigt. Seit 2005 spielt und spricht er den Ernie, seit elf Jahren zudem Wolle das Schaf. Peter Zander hat mit dem Hamburger gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Paas, Sie sind ein Auserwählter. Sie dürfen tun, wovon Generationen von Kindern träumen: die „Sesamstraßen“-Puppen berühren. Wie fühlt sich das an?

Martin Paas:

Ganz ehrlich? Es erzeugt bei mir noch immer jedes Mal Gänsehaut. Insbesondere bei Ernie und Bert stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Die beiden sind mit einem Vlies überzogen, sie sind schön weich. Und Wolle und Pferd sind einfach große Kuscheltiere.

Das Innovative an den Muppets war ja, dass sie keine Handpuppen, sondern relativ große Figuren sind. Wie spielt man die?

In dem Moment, in dem man es tut, ist das Puppenspiel federleicht. Weil man so sehr in der Szene und in der Figur ist. Aber abends merke ich, was ich getan habe. Wir spielen die Puppen ja komplett über Kopf, halten die Figuren also mit ausgestrecktem Arm weit über unseren Kopf. Wir versuchen, uns erfolgreich vor der Kamera zu verstecken. Das wäre sonst schlecht für die Illusion. Wir kontrollieren über Monitore, wie das oben wirkt. Das gelingt ganz gut, aber halt zu dem Preis, dass man über Kopf arbeitet. Ich kann dadurch aber unglaublich gut Decken streichen.

Sie sind 1967 geboren, gehören also zu den Ersten, die mit der „Sesamstraße“ aufgewachsen sind.

Obwohl ich ja fast schon zu alt war. Aber ja, das waren meine ersten Fernseherfahrungen. Ich habe auch noch ganz deutliche Erinnerungen, wie ich morgens bei der Oma auf dem Sofa fernsehen durfte. Sie hat immer schon vorher eingeschaltet, da war immer eine Uhr eingeblendet, bevor das Programm losging. Und man kann sich nicht vorstellen, wie unheimlich lange für einen Sechsjährigen fünf Minuten sein können, bis die „Sesamstraße“ beginnt.

Hätten Sie je gedacht, dass Sie einmal selbst dort mitarbeiten würden?

Im Leben nicht. Ich wollte eigentlich Mediziner werden.

Bis 2005 wurden Ernie und Bert in New York produziert und bei uns nur synchronisiert. Seit sieben Jahren werden auch eigene Szenen im Studio Hamburg gedreht. Wacht der große Bruder aus Amerika darüber, was Sie da so machen?

Nein. Natürlich schauen die Amerikaner unsere Sachen genau an. Aber inhaltlich hat die NDR-Redaktion wirklich alle Freiheiten. Man weiß natürlich, in welchem Korridor man sich bewegt. Gerade Ernie und Bert haben eine große Tradition, die möchte man auch weiterführen. Da werde ich auch zum Konservativen. Ich hatte anfangs sehr viel Respekt vor dieser Aufgabe, weil ich die Figur des Ernie, der ja der persönliche Held meiner Kindheit war, in keiner Weise beschädigen wollte.

Duften Sie schon mal in das Allerheiligste, in den Sesame Workshop in New York?

Ich verrate Ihnen was. Ich hatte schon mehrmals die Gelegenheit, bin aber nie hingegangen. Ich fand es spannender, durch Manhattan zu laufen. Das dürfen die Amerikaner aber nie erfahren.

Müssen Sie in der Familie denn auch mal den Ernie machen?

Ja, natürlich. Das kriege ich immer wieder zu hören: Sag mal was, mach mal was. Hin und wieder muss ich da ran. Alle sind dann sehr froh, wenn sie diese Lache hören. Aber ich mache das ja gerne. Vor allem, wenn ich sehe, wie dann alle wieder zu Kindern werden.

Färbt so eine Figur aufs Privatleben ab?

Ernie und Bert haben mich schon als Kind geprägt. Die haben auf mich abgefärbt. Ich habe wegen Ernie begonnen, Schlagzeug zu spielen. Weil Ernie Bert damit nachts vom Schlafen abgehalten hat. Und wenn ich mir Wolle das Schaf anschaue, dann hat der viel von meiner Mutter. Das zum Thema Prägung. Es ist ja auch so, dass die Figuren einen manchmal verblüffen. Man spielt sie zwar selbst, ist aber gleichzeitig auch Zuschauer. Und ist manchmal verwundert, was die mit einem machen.