Working Poor

Der lange Arbeitstag des Herrn Bauer

Der Berliner Frank Bauer hat einen Vollzeitjob, von dem er nicht leben kann. Deshalb trägt er noch Zeitungen aus. Kein Einzelfall.

Nächster Halt ist das Seniorenzentrum in Friedrichshagen. Frank Bauer parkt seinen silbermetallicfarbenen Ford Mondeo neben dem Eingang. Öffnet den Kofferraum, klemmt eine Holzstange zwischen Gummi und Klappe, die Federbeine des zehn Jahre alten Autos haben den Geist aufgegeben, und greift nach einem abgegriffenen Hefter. Es ist stockdunkel, nur das schwache Licht aus dem Auto lässt sein graues Haar schimmern. Seine Finger sind rot von der Kälte. Frank Bauer blättert, bis er die richtige Seite findet. Dann greift er in den Kofferraum, klemmt sich einen kleinen Haufen Zeitungen unter den Arm und stapft durch die Nacht. Die Uhr in der Eingangshalle des Altenheims zeigt kurz vor fünf Uhr morgens.

Frank Bauer ist Zeitungsausträger. Nicht hauptberuflich, da arbeitet er als Wachmann in einem großen Bürohaus am Potsdamer Platz. Doch von seinem Beruf, in dem er ausgebildet wurde, kann er nicht leben. Also trägt der 60-Jährige Zeitungen aus, Morgen für Morgen, immer von drei bis sechs Uhr. Oft auch am Wochenende.

Einer solchen „geringfügigen Beschäftigung“ im Nebenjob gehen in Deutschland nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit mehr als 2,6 Millionen Menschen nach. Von den insgesamt 7,4 Millionen Minijobbern nutzt mittlerweile also jeder Dritte den Job als zusätzliche Nebentätigkeit, um das Einkommen mit bis zu 400 Euro aufzustocken. Ab 2013 steigt der Satz auf 450 Euro (siehe Kasten). Die meisten von ihnen sind unter der Kategorie „Erbringer von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“ registriert, viele arbeiten aber auch im Kfz-Gewerbe oder im Gesundheits- und Sozialwesen. In Berlin sind sie in der Regel zwischen 25 und 50 Jahre alt. Es ist ein Modell, das in den USA beispielsweise schon lange weitverbreitet ist. Die sogenannten Working Poor, die arbeitenden Armen, haben zum Teil bis zu drei Jobs. Ein Trend in diese Richtung ist auch in Deutschland zu erkennen.

Die Nationale Armutskonferenz kritisierte jüngst, dass inzwischen fast jeder Vierte in Deutschland zu einem Niedriglohn arbeite. Die Grenze dafür liegt im Westen nach Feststellung des Instituts für Arbeit und Qualifikation bei 9,54 Euro, im Osten bei 7,04 Euro. Etwa 1,4 Millionen arbeiten danach sogar für weniger als fünf Euro in der Stunde. Damit sind die arbeitenden Armen nach den Worten der Wissenschaftler zu einer wachsenden sozialpolitischen Größe geworden.

250 Euro für 60 Stunden

Frank Bauer verdient mit seinem Minijob etwa 250 Euro im Monat, 60 Stunden arbeitet er dafür. Macht einen Stundenlohn von rund vier Euro, aber so dürfe man das nicht sehen. „Bezahlt wird pro ausgetragene Zeitung, das heißt, je schneller man ist, desto eher lohnt es sich.“ In seinem Hauptberuf, als Wachmann, verdient er den Tariflohn: sieben Euro die Stunde. Bei 50 Stunden die Woche kommt er so auf 1400 Euro brutto.

Wenn Frank Bauer auf seine Tour geht, verlässt er das Haus ohne Dusche oder Frühstück, andernfalls müsste er noch früher aus dem Bett. Manchmal nimmt er sich ein belegtes Brot oder eine Thermoskanne Kaffee mit, meistens fährt er einfach so los. Zur Lagerhalle nahe dem Betriebshof Köpenick, gleich bei ihm um die Ecke. Dort haben andere schon die in der Nacht gedruckten Zeitungen kommissioniert und Pakete für die Zusteller geschnürt.

Frank Bauer sortiert seine Zeitungen immer gleich: Oben auf die Hutablage kommen die „Frankfurter Allgemeine“, „Neues Deutschland“ und „BZ“, darunter, in den Kofferraum „Tagesspiegel“, Berliner Morgenpost, „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“. Donnerstags liegen die Zeitungen immer ein bisschen enger, denn da gibt es auch noch die „Zeit“ und den „Stern“.

In seinem Hefter sind für jeden Wochentag und jede Adresse die jeweiligen Abonnements notiert. In der Dunkelheit des Parkplatzes sucht er das Seniorenzentrum, mit dem Finger fährt er zur richtigen Zeile. Eine Handvoll Zeitungen sind es hier. Die paar Treppenstufen am Eingang nimmt Bauer im Laufschritt. „Guten Morgen“, sagt er, die Zeitungen landen auf dem Empfangstresen. „Guten Morgen“ – die Dame hinter der Glasscheibe grüßt freundlich zurück. Man kennt sich. Auch im Seniorenzentrum wird zu dieser frühen Stunde gearbeitet, die Empfangsdame hat eine Zwölf-Stunden-Schicht vor sich, erzählt sie Bauer, um drei Uhr ist sie in den Bus gestiegen, um zur Arbeit zu fahren. Im langen Flur schräg gegenüber wischt eine Raumpflegerin den Boden.

Frank Bauer wuchs in Halle/Saale in Sachsen-Anhalt auf, manchmal, gerade wenn er müde ist, verfällt er noch in den landestypischen Dialekt. Nach der Schule lernte er Betriebsschlosser, wurde zur Nationalen Volksarmee eingezogen und dort zum Funkoffizier ausgebildet. Als solcher habe er damals die Amerikaner und Briten beobachtet, erzählt er. „Andere Zeiten.“ Kurzwellen, Morsezeichen und so weiter. Er winkt ab. Nach der Wiedervereinigung machte er eine dreijährige Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, arbeitete jahrelang bei einem Großhandel für Bürobedarf, bevor er selbst einen Papeterie-Laden übernahm. 2009 musste er aufgeben, am Ende des Monats sei einfach nicht genug übrig geblieben, um die Miete und die Nebenkosten bezahlen zu können. Er war arbeitslos, machte aber etliche Weiterbildungen, vor allem im Sicherheitsgewerbe. Er könnte auch als Detektiv oder Brandschützer arbeiten, doch auch das sind Jobs, von deren Lohn man kaum leben, erst recht keine Familie ernähren kann. Seit Anfang 2012 arbeitet Bauer als Wachschützer in einem Bürogebäude am Potsdamer Platz. Dort sitzt er am Empfang, dreht abends und nachts seine Runden durch die Stockwerke und guckt, ob alles seine Ordnung hat.

Doch jetzt muss erst einmal der Nebenjob erledigt werden. Möglichst bis sechs Uhr morgens, so Bauer, sollen alle Zeitungen ausgetragen sein. „Damit die Leute morgens beim Frühstück vor der Arbeit die Nachrichten lesen können.“ Frank Bauer beeilt sich, gehetzt wirkt er aber nicht. „Irgendwie mag ich auch die Ruhe, frühmorgens, wenn alles noch still und friedlich ist.“ Auf seinen Touren durch Köpenick sei er schon auf Wildschweine gestoßen, er sah Füchse und Spechte. Die Stadt kann frühmorgens ein Idyll sein. Doch um ihn zu romantisieren, ist der Job zu hart. Bauer muss bei jedem Wetter raus, ob es schneit oder in Strömen regnet.

Die meisten von Bauers Kollegen sind Rentner, die etwas zu ihren dürftigen Altersbezügen dazuverdienen. Altersarmut, auch so ein Thema. Doch das kommt später. „Es sind auch viele Jüngere dabei, deren Hauptjob finanziell einfach nicht genug abwirft“, sagt Bauer. Der 60-Jährige ist wie viele seiner Generation der Alleinverdiener im Haushalt, seine Frau, eine ausgebildete Reisebüro- und Bankkauffrau und fünf Jahre jünger als er, kann nur ab und zu als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft aushelfen. Das Paar hat eine erwachsene Tochter, die schon seit Jahren finanziell auf eigenen Beinen steht. „Glücklicherweise“, sagt Frank Bauer. Für einen dritten Job hätte er keine Zeit mehr.

Arm würde er sich nicht nennen

Vor dem Seniorenzentrum schlägt Frank Bauer den Kofferraum zu und steigt wieder ins Auto. Sein Atem steigt in kleinen Wolken auf. Er dreht die Heizung auf. Ein kleiner Holzengel, ein Glücksbringer aus seiner Papeterie-Zeit, der über der Lüftung hängt, schwankt hin und her. Obwohl Bauer Daunenjacke und Winterstiefel trägt, ist ihm kalt. Er stoppt den Wagen vor einem großen Mietshaus in der Werlseestraße. Wieder geht er um das Auto herum, seine Schritte knirschen auf dem übrig gebliebenen Rollsplitt. Bauer klappt den Kofferraum auf, stabilisiert ihn mit der Holzstange. 180 Euro würde es kosten, die Federbeine reparieren zu lassen, meint die Autowerkstatt. Zu viel für die Bauers.

Das Geld ist zwar knapp, aber der Wille, es mit eigener Arbeit und ohne staatliche Transferleistungen zu schaffen, ist da. Als arm würde er sich jedenfalls nicht bezeichnen, sagt Bauer. Doch darüber denkt er eigentlich auch nicht nach. Dazu hat er einfach keine Zeit. Zehn verschiedene Touren hat Bauer, meist aber ist er in Friedrichsfelde unterwegs. Routiniert läuft er nun die acht Eingänge ab, steckt Zeitungen in Briefkästen. Hinter fast allen Fenstern ist es noch dunkel. Nur vor dem letzten Hauseingang wartet schon ein älterer Herr auf Bauer und drückt ihm zwei kleine, grün verpackte Geschenke in die Hand. „Oh, gleich zwei“, sagt Bauer überrascht. Der ältere Herr freut sich. „Damit Sie sich nicht mit Ihrer Frau darum streiten müssen.“ Bauer bedankt sich, legt die Geschenke auf die Hutablage und steigt wieder ein. Manchmal, „zu besonderen Feiertagen“, bekommt er ein paar Euro Trinkgeld zugesteckt, manchmal Pralinen oder andere kleine Aufmerksamkeiten. Auch für Zeitungsausträger ist mal Weihnachten.

Bauer startet den Motor, fährt wieder ein paar Meter. Ein anderes Mietshaus, vier Eingänge diesmal. Dann die Rahnsdorfer Straße, Einfamilienhäuser. Der Tourenplan verrät: Hier wird eher die „Frankfurter Allgemeine“ gelesen als der „Kurier“. Bauer macht sich so allein im Auto seine Gedanken, auch über die Menschen, die hinter den noch dunklen Fenstern leben. „Je nachdem, wie viele Abos es in einem Kiez überhaupt gibt und welche Zeitungen ich dort verteile, kann man sich schon denken, wer da wohl so wohnt.“ Hier sind es wohl eher die gut Betuchten. Zur Arbeit geht hier noch keiner. Die Uhr am Armaturenbrett steht auf 5.20 Uhr, sie ist stehen geblieben. Bauers Armbanduhr zeigt kurz vor sechs Uhr.

Es folgt die Schicht als Wachmann

Wieder startet Bauer den Wagen, fährt um eine Ecke, diesmal flucht er. Ein Müllwagen versperrt die Straße. Er dreht, nimmt einen anderen Weg. Bis sechs Uhr morgens muss alles erledigt sein, bezahlt wird pro ausgetragene Zeitung.

Bauers Handy klingelt, es ist Eberhard, ein anderer Zusteller. Ob sie sich kurz treffen könnten, ihm fehlen ein paar Exemplare. Die beiden tauschen ab und zu Zeitungen, wenn einem von beiden beispielsweise eine fehlt und der andere eine zu viel hat. Wenn Frank Bauer am Ende seiner Schicht trotzdem noch welche übrig hat, fährt er noch einmal zurück zum Seniorenheim und gibt sie dort ab. „Die freuen sich, wenn ich sie ihnen bringe.“ Bauer weiß, dass viele der alten Leute gerne eine Zeitung hätten, sie sich aber nicht leisten können.

Auf dem Heimweg gönnt Bauer sich manchmal noch einen Kaffee und eine Quarktasche in der Bäckerei in der Bölschestraße. Drei Euro kostet das zusammen. Bauer unterhält sich mit der Verkäuferin, auch sie ist seit Stunden auf den Beinen. Die Uhr zeigt halb sieben Uhr, die Sonne ist aufgegangen. Frank Bauer fährt nach Hause.

Am Nachmittag muss er bei seinem zweiten Job am Potsdamer Platz sein. Bis Mitternacht geht die Schicht als Wachmann. Drei Stunden bleiben Frank Bauer, dann ist er wieder Zeitungsausträger.