Interview mit Edgar Selge

„Hier geht es mehr um einen wohligen Schauer“

Die ARD lockt Märchen-Fans mit vier neuen Verfilmungen. „Rotkäppchen“ (25.12., 15.40 Uhr), „Schneeweißchen und Rosenrot“ (25.12., 16.40 Uhr), „Hänsel und Gretel“ (26.12., 15.40) und „Allerleirauh“ (26.12., 16.40 Uhr) bestechen durch schöne Bilder und Starbesetzungen.

Anja Kling lockt Kinder ins Pfefferkuchenhaus, Detlev Buck heckt als Zwerg Böses aus. Edgar Selge schlüpft in die Rolle des Wolfs, der Rotkäppchen dazu bringt, vom rechten Weg abzukommen. Claudia Becker sprach mit ihm über Angst, Zauberkraft und die Magie seines Lieblingsmärchens.

Berliner Morgenpost:

Herr Selge, sind Sie mit Märchen groß geworden?

Edgar Selge:

Ich kann mich nicht erinnern, als Kind eingeschlafen zu sein, ohne ein Märchen vorgelesen bekommen zu haben. „Rotkäppchen“ gehörte aber nicht zu meinen liebsten Märchen, wohl auch deshalb nicht, weil ein Mädchen die Heldin war.

Welches Märchen hat Sie besonders beeindruckt?

Eines meiner Lieblingsmärchen war „Die zwei Brüder“. Da geht es um Zwillinge, die von einem Jäger aufgezogen und von ihm in seinem Handwerk unterrichtet werden. Als sie alt genug sind, ziehen sie in die Welt. Dabei begegnen sie einem Hasen, einem Fuchs, einem Wolf, einem Bären und einem Löwen. Aus Dankbarkeit dafür, dass die zwei Brüder die Tiere nicht töten, bekommen sie jeweils zwei Junge geschenkt, die ihnen in schweren Situationen helfen. Nachdem der eine Bruder einen Drachen getötet hat, um eine Prinzessin zu retten, schneidet ihm im Schlaf ein neidischer Hofmarschall den Kopf ab und gibt sich selbst als Drachentöter aus. Doch der Hase besorgt die Wurzel des Lebens, mit deren Hilfe der Kopf wieder anwächst. Diesen Begriff „Wurzel des Lebens“ habe ich nie mehr vergessen. Aber in dem Märchen geht es um mehr. Es geht um Vertrauen und um Angst vor Verrat. Wenn man mit Geschwistern aufwächst, dann spiegelt das etwas von der eigenen Lebenswelt.

Ein abgeschnittener Kopf! Das ist nur ein Beispiel für zahllose Grausamkeiten, die uns in den Märchen begegnen. Hat Ihnen das keine Angst gemacht?

Nein. Hier geht es mehr um einen wohligen Schauer. Das sieht man gerade an „Rotkäppchen“ gut. Das Märchen greift ein besonderes Spiel auf. Wer Kinder hat, der kennt das: „Ich fress dich auf!“, „Ich habe dich zum Fressen gern!“ Bei diesem angedeuteten Kannibalismus lacht das Kind. Märchen spielen mit Urängsten und helfen gerade dadurch, sie zu verarbeiten. Und sie appellieren an unser Urvertrauen, dass das Böse überwunden werden kann.

Was bewirken Märchen darüber hinaus?

Sie fordern unsere Fantasie heraus. Das Schöne an Märchen ist ja, dass sie keine Bilder haben, dass die Bilder im Kopf des Zuhörers entstehen.

Was würden Sie tun, wenn Sie zaubern könnten?

Ich bin froh, dass ich keine Zauberkraft habe und dass kein Mensch zaubern kann. Wir würden damit nicht umgehen können. Eine Tarnmaske, die würde ich vielleicht bisweilen gerne tragen. Aber eigentlich möchte ich auch das nicht. Mitzubekommen, was andere über mich während meiner vermeintlichen Abwesenheit sprechen, ich glaube, das wäre unerträglich.