Ägypten

Mursi macht seine Rechnung ohne die ägyptischen Frauen

Am vergangenen Dienstag hatte die Opposition erneut zu Massendemonstrationen aufgerufen.

Während die Demonstranten in einer Art Sternmarsch zum Palast laufen wollten, hatten die Islamisten zu einer Großdemonstration an einer Moschee in der Nähe des Palastes aufgerufen. Die Gefahr, dass es wieder zu einem Zusammenstoß der beiden verfeindeten Lager kommen würde, war groß. Trotzdem ging ich alleine los, in der Hoffnung, auf bekannte Gesichter zu treffen. Und ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Im Laufe der nächsten fünf Stunden traf ich unzählige Bekannte und Freunde, die ebenfalls Richtung Palast liefen. Sie waren da, um das zu verteidigen, wofür sie seit zwei Jahren auf die Straße gehen: Freiheit. Die Angst, dass die Islamisten im Begriff sind, genau diese Ziele auszuhöhlen und ihre islamisch geprägte Interpretation von Freiheit und Demokratie dem Land aufzuzwingen, ist groß.

Denn nie war die politische Situation im Land so ernst wie heute, niemals in den vergangenen zwei Jahren habe ich mir um die Zukunft des Landes so viele Sorgen gemacht wie jetzt. Es ist bedrückend zu sehen, wie sich das Land immer weiter polarisiert, der Spalt zwischen den Islamisten und dem Rest immer größer wird, fast unüberbrückbar zu sein scheint. Dass sich Ägypter gegenseitig mit Waffen angreifen, ist eine neue Stufe der Eskalation. Bisher stand das Volk einem brutalen und korrupten Polizeiapparat gegenüber, der ein korruptes und brutales Regime schützte. Nun hat Ägypten einen frei gewählten Präsidenten. Doch statt Demokratie steht Ägypten kurz vor einer neuen Diktatur, dieses Mal basierend auf einer Ideologie. Der Islam wird für politische Ziele missbraucht und so zu einer gefährlichen Waffe. Schon jetzt heizen die Islamisten ihre Anhänger mit der Parole auf, dass sie keinen Präsidenten und keine Verfassung schützen, sondern den Islam und die Scharia.

Auch die Konservativen sind dabei

Während wir Richtung Palast gingen, wurde mir einmal mehr klar, wie sehr die Islamisten die gesellschaftlichen Fakten negieren. Denn es ist bei Weitem nicht nur die Oberschicht, die Angst um ihre Pfründen hat und deshalb gegen den Präsidenten mobil macht. Ganz im Gegenteil. Auf unserem Marsch begegnete ich einem repräsentativen Querschnitt der ägyptischen Bevölkerung, Menschen aller Couleur waren unterwegs, Jung und Alt, Frauen und Männer. Ich habe Künstler und Politiker getroffen, Geschäftsleute und Studenten. Das Faszinierendste sind die Frauen, die lautstark ihrer Wut Ausdruck verleihen. Einige von ihnen sind unverschleiert, viele aber sind verschleiert und tragen sogar den Gesichtsschleier der Salafisten. Es demonstrieren nicht nur die liberalen Eliten, sondern auch die Konservativen.

Schaut man sich indes die Demonstrationen der Mursi-Anhänger an, so sieht man dort fast gar keine Frauen. Mit Bussen werden die Islamisten aus dem ganzen Land angefahren, um zu suggerieren, dass sie die Mehrheit im Land stellen. Die Islamisten können in Kairo nicht darauf bauen, genügend Anhänger zu mobilisieren.

In der Opposition sind es die Frauen, die den Ton angeben. Sie rufen Parolen, machen ihrem Unmut über die islamistisch dominierte Verfassung Luft, in der die Rechte der Frauen nicht geschützt werden. Für sie wäre die neue Verfassung ein großer Rückschritt. Es geht um eine Zukunft in Freiheit oder unter der Doktrin der Islamisten. Vergangene Woche, als es zu den brutalen Zusammenstößen am Präsidentenpalast kam, waren auch viele Frauen zugegen. Die meisten retteten sich hinter die Barrikaden, um sich vor den Angriffen der Islamisten zu schützen. Wann immer ein Mann kam, um Schutz zu suchen, wurde er von den wütenden Frauen lautstark dazu aufgefordert, zurück an die Front zu gehen und zu kämpfen.

„Mursi macht viele Fehler“, sagt meine Mitstreiterin Ghada am Dienstagabend, „aber ganz besonders einen: Er unterschätzt die ägyptische Frau.“ Sie sei stark und unbeugsam, und sie lasse sich nichts gefallen, das habe die ägyptische Geschichte gezeigt. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Frauen aus allen Gesellschaftsschichten des Landes kennengelernt, und ich weiß eines: Ghada hat recht, Mursi sollte sich in Acht nehmen.