Iglu-Studie

Wieder was gelernt

Die vergangenen zehn Jahre werden als Epoche der Digitalisierung ins kollektive Gedächtnis eingehen; als das Handy zum Smartphone wurde und online ging, Computerspiele sich der Tiefe und Brillanz von Kinofilmen anglichen, das klassische Buch entblättert und zum E-Book wurde.

Goldene Jahre für Kulturpessimisten. Was sollte schon noch aus der jüngsten Generation werden, die gerade geboren worden war? Kulturtechniken wie das Lesen würden dem Untergang geweiht sein.

Doch ausgerechnet die Ureinwohner der digitalen Welt, Schüler, die heute zwischen fünf und zehn Jahre alt sind, begeistern sich mehr als je zuvor für Bücher, Texte, Geschichten. 2001 betrug der Anteil der Schüler, die in ihrer Freizeit nie zum Spaß lasen, noch 18 Prozent. Zehn Jahre später sind es noch elf Prozent. Nur jedes neunte Kind in Deutschland liest nichts über das hinaus, was es lesen muss. „Die Kinder sind lesefreudiger geworden, allen Unkenrufen zum Trotz. Sie lesen gern und lesen viel“, sagt der Schulforscher Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund. Zum dritten Mal hat Bos mit der Iglu-Studie das Leseverhalten und die Leseleistung von Deutschlands Grundschülern untersucht. In der TIMSS-Studie wurden gleichzeitig die Fähigkeiten in Mathematik und Naturwissenschaften geprüft.

Im weltweiten Vergleich von rund 50 Staaten konnten Deutschlands Grundschüler ihren Platz im oberen Leistungsdrittel knapp verteidigen. An der Spitze beim Lesen liegen erneut die Zehnjährigen aus Hongkong. Sie haben gegenüber Gleichaltrigen aus Deutschland einen Lernvorsprung von etwa einem dreiviertel Schuljahr. Noch ausgeprägter ist der Wissensabstand zwischen Schülern aus Singapur, Korea oder Hongkong gegenüber denen aus Deutschland in Mathematik. Der Lernvorsprung der Asiaten beträgt dort fast zwei Jahre.

Drill für asiatische Kinder

Für Jörg Ramseger, Erziehungswissenschaftler der FU Berlin, steht fest, dass deutsche Grundschullehrer ein großes Lob verdienen. „So schlecht scheinen sie nicht zu arbeiten“, sagte er angesichts der Ergebnisse von Iglu und TIMSS. Mit Blick auf die Spitzenwerte asiatischer Schüler weist Ramseger, der erst kürzlich in Asien unterwegs war, auf die sehr gute Ausstattung der dortigen Schulen hin. „Deutsche Schulen sind finanziell und personell deutlich schlechter gestellt“, sagt er. Problematisch sei allerdings der Drill, dem asiatische Kinder ausgesetzt seien. Sie hätten doppelt so viel Unterricht wie deutsche Kinder. „Ich habe in Taiwan erlebt, dass Erstklässler täglich von acht bis 20 Uhr Unterricht haben, Dritt- und Viertklässler lernen sogar bis 22 Uhr.“ Kindern, die Schwächen zeigten, würde sofort ein Förderlehrer an die Seite gestellt. Lernen sei in Taiwan, aber auch in Singapur oder Hongkong das wichtigste gesellschaftliche Ziel. Ob das ein anzustrebendes ist, sei dahingestellt.

Was ihre Leseleidenschaft angeht, so müssen sich die deutschen Schüler im internationalen Vergleich jedenfalls nicht verstecken, auch dort rangieren sie im obersten Drittel. Noch lieber lesen etwa die kleinen Litauer, Russen und Rumänen. Wenn es allerdings darum geht, Gelesenes zu verarbeiten, also dessen Inhalt wiederzugeben oder daraus Handlungsanweisungen abzuleiten, konnten deutsche Schüler lediglich ihr Niveau, das schon 2001 ermittelt wurde, halten. Gegenüber der Untersuchung von 2006 ist Deutschland sogar zurückgefallen. Wilfried Bos will dennoch nicht von einem schlechten Ergebnis sprechen. „Das ist keine Stagnation, sondern wir konnten uns auf hohem Niveau halten, trotz erschwerter Bedingungen.“

Die erschwerten Bedingungen, von denen Bos spricht, meinen die Zusammensetzung der Schülerschaft. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), geht davon aus, dass es heute wesentlich mehr Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern gibt als noch 2001. „2001 hatten 22,2 Prozent der Grundschüler einen Migrationshintergrund, 2012 sind es 27,7 Prozent“, erläutert Rabe.

Wieder mehr den Besten zuwenden

In Anbetracht dieser Fakten ist Deutschlands Positionierung im oberen Drittel eine gute Nachricht, auch wenn immer noch 19,3 Prozent in Mathematik, 15,4 Prozent im Lesen und 22 Prozent in Naturwissenschaften nicht die unterste Kompetenzstufe erklimmen. „Rund 20 Prozent, die die Mindestanforderungen nicht erreichen, sind deutlich zu viele“, sagt Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerin.

Berlin legt laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) größten Wert auf Sprachförderung. Regionale Beraterteams unterstützen Kita-Erzieher sowohl bei der Sprachstandsfeststellung als auch bei der Sprachförderung. Jährlich nehmen etwa 800 Kitas eine entsprechende Beratung in Anspruch. Neben den Grundschulen haben auch viele Oberschulen Sprachförderkonzepte. Dabei arbeiten Grund- und Oberschulen immer häufiger eng zusammen. In Mitte etwa sind die Grundschullehrer gerade dabei, einen Fachwortschatz zusammenzustellen, den die Kinder später an der Oberschule brauchen. Cornelia Flader, Schulleiterin der Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding, berichtet, dass sie zudem großen Wert darauf legt, viele Themen fächerübergreifend zu behandeln. Auf diese Weise würde der Fachwortschatz der Schüler verbessert werden können.

Zu jenen Schülern, die in den aktuellen Untersuchungen aufgeholt haben, gehören übrigens die Kinder von Migranten. Hätten sich ihre Leistungen nicht deutlich verbessert, hätte Deutschland seine Position nicht halten können – auch wenn sie immer noch deutlich schlechter abschneiden als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Dieser Befund deckt sich mit jenem der jüngsten Pisa-Studie aus dem Jahr 2009.

Der Vergleich der aktuellen Studien mit der letzten Pisa-Studie lohnt noch aus einem weiteren Grund: Schon bei der Veröffentlichung von Pisa zeigte sich, dass in Deutschland die Schlechten besser werden, die Besten sich aber nicht mehr steigern. Im Gegenteil: Ihr Beitrag an den guten Ergebnissen fiel eher geringer aus. Das gleiche Bild in der Grundschule. Nicht einmal zehn Prozent der deutschen Grundschüler erreichen die höchste Kompetenzstufe. In Naturwissenschaften ging der Wert sogar seit 2001 von 9,6 auf 7,1 Prozent zurück. Beim Lesen stieg er von 8,6 auf 9,5 Prozent, statistisch also fast zu vernachlässigen ist. „Wir brauchen Angebote für die Spitzengruppe“, sagt Quennet-Thielen. Man habe nun zehn Jahre vor allem über die Schwächsten im Schulsystem geredet, nun müsse man sich auch wieder einmal den Besten zuwenden.

An allen Berliner Grundschulen stehe laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die individuelle Förderung der Kinder im Vordergrund. „Die Ergebnisse der jüngsten Studien zeigen aber auch, dass wir die leistungsstarken sowie die Schüler im Mittelfeld noch stärker fördern müssen“, so Scheeres weiter. Für die Begabtenförderung seien bereits Netzwerke eingerichtet, in denen Grund- und Oberschulen zusammenarbeiten. Diese gelte es auszubauen. An der Iglu-Studie haben neun per Zufall ausgewählte Grundschulen der Hauptstadt teilgenommen.

Der deutsche Philologenverband beklagt seit Langem, dass sich die Reformbemühungen der Länder ganz vom Anspruch verabschiedet hätten, gerade auch die Besten nach ihren Möglichkeiten zu fördern. Ohne eine solche explizite Elitenförderung wird Deutschland in internationalen Schulleistungstests aber kaum in die Spitzengruppe vorrücken können. In Berlin haben sich mittlerweile mehr als zwanzig Grundschulen auf die Förderung besonders begabter Kinder spezialisiert. Einige Schulen fördern durch integrative Förderangebote, zum Beispiel Forschendes Lernen oder Philosophieren mit Kindern, andere bieten separierende Zusatzkurse an. Vorreiter ist die Anna-Lindh-Schule in Wedding. Dort gibt es Klassen für begabte Kinder. Die Erika-Mann-Schule fördert mit einem speziellen Theaterprofil. Andere Grundschulen bieten Laptop-Klassen oder Montessori-Klassen für begabte Schüler an. Von den 94 Gymnasien der Hauptstadt haben sich 35 grundständige Gymnasien der Begabtenförderung verschrieben.