Berliner Spaziergang

Ein Herbstmensch im Dezember

Folgende acht Zahlen sind wichtig für ihn: 7, 14, 21, 28, 35, 42, 49, 56. Es ist die Siebenerreihe, wie man sie in der Schule lernt. Es sind die Zahlen, die Gustav Peter Wöhler im Laufe des Spaziergangs immer wieder aufzählen wird, sie stehen für die entscheidenden Jahre in seinem Leben. Wendepunkte seiner Biografie. In unserem Gespräch springt er zwischen den Abschnitten hin und her, erzählt von den guten, aber auch den schweren Jahren. Durch die Zahlenreihen-Schablone klingt alles so logisch und beruhigend. Die Zahlen werden größer und am Ende - wie in einem Film - geht alles gut aus.

Als wir uns treffen, nennt er eine Zahl, die nicht in diese Siebenerreihe passt. Es ist die Zahl Sechs, und sie ist die Antwort auf die Frage, wie schlimm seine Erkältung sei. Auf einer Skala von eins bis zehn? Die Sechs klingt schon ein bisschen besorgniserregend.

Aber Gustav Peter Wöhler will trotzdem spazieren gehen, bei Sonnenschein um den Lietzensee, der ohnehin gleich neben seiner Wohnung liegt. Er sagt eben nicht gern Nein, wenn eine Show weitergehen muss. Zu Beginn dieses Herbstes hat er einmal mehr Ja gesagt, zu einem Projekt, dass ihn in Berlin in die Schlagzeilen brachte: Dirk Bach ist kurz vor der Premiere des Stücks "Der Kleine König Dezember" gestorben, und Gustav Peter Wöhler hat wenige Tage später zugesagt, dessen Rolle zu übernehmen.

Er wusste, dass ein rundlicher Entertainer den anderen nicht ersetzen kann. Er wusste auch, dass er parallel einen Film drehen und ein Musikprogramm ausarbeiten wird. Aber er hat diese Dinge immer gleichzeitig gekonnt: Film, Theater, Musik. Warum sollte es dieses Mal nicht funktionieren? Also sprang er ein, lernte in kurzer Zeit die Dialoge und sagt jetzt regelmäßig im Schlossparktheater den Satz: "Wer tot ist, wird ein Stern."

Arbeit, Essen und Sex? Immer doch

Kurz vor Weihnachten wird er diesen Satz noch vier Mal auf der Bühne sagen. Gustav Peter Wöhler steht dann als König Dezember II. zwischen riesiger Kaffeetasse und Büchern in dem meist ausverkauften Saal und erklärt, wie das ist, groß geboren zu werden und dann immer kleiner zu werden. Denn das ist die Geschichte des Stücks: Ein Mann findet einen Zwerg, einen "Kleinen König" mit Krone und Purpurmantel, auf seinem Frühstückstisch. Der Mann ist eigentlich ein "Ins-Büro-Geher", aber der König wird ihm an diesem Tag beibringen, wieder zu träumen. Das Träumen sei etwas, so sagt der König, das die Menschen verlernen, wenn sie älter werden.

Es ist ein trauriges Stück, bei dem die Zuschauer trotzdem lachen, wenn sich ein Mann eine Schlinge um den Hals legt.

Wir verlassen seine Wohnung und steigen in den Fahrstuhl. Dort ist es eng, und wie immer bewirkt diese Enge eine unpassende Intimität. Alles, was gesprochen wird, bekommt mehr Gewicht. Auf die Frage, warum er die Rolle des kleinen Königs übernommen hat, sagt er: "Ich kann schlecht Nein sagen zu Arbeit, Essen oder Sex."

Pause. Dann winkt er ab und fügt hinzu: "Aber man kann das lernen." Er meint, das Nein-Sagen. Wieder Pause.

Er schüttelt den Kopf. "Ich habe viele Therapien hinter mir."

Wir sind noch nicht einmal losgelaufen und schon stehen die Wörter "Sex" und "Therapie" im Raum. Dabei wirkt es nicht so, als ob er damit überraschen wollte oder als ob er auch für ein kleines Fahrstuhl-Publikum den Entertainer spielen möchte, der heitere und traurige Dinge in einem Satz unterbringt.

Tragik und Komik ist auch etwas, das sich in vielen Filmrollen Wöhlers findet. In "Urlaub vom Leben" nimmt er als Familienvater Rolf heimlich Urlaub und erfährt dabei, dass außerhalb des Büros das Leben wartet. In "Erleuchtung garantiert" merkt er als einer von zwei Brüdern, die in einem japanischen Kloster zu sich finden wollen, dass nichts nach Plan läuft. Wieder spielt Wöhler eine Person, die wie ein kleiner König Dezember den Menschen zeigt, wie das geht mit dem Träumen und dem Zu-sich-Kommen.

Als wir durch seinen Kiez laufen, sagt er, dass er sich in den vergangenen Jahren an Berlin gewöhnt habe. Er möge die Direktheit der Einwohner hier. Neulich habe ihn jemand in der U-Bahn angesprochen: "Schauspieler, wa? Find ick jut, was du machst." Seine Wohnung am Lietzensee hat er vor sechs Jahren gekauft. "Inzwischen muss sie das Doppelte wert sein."

Aha, könnte der kleine König Dezember jetzt mit seiner gespielt naiven Stimme sagen, Wohnungen wachsen mit jedem Jahr an Wert? Das ist doch komisch, oder? Der Blick des kleinen Königs auf die Welt ist einer, der Spaß machen kann. Zum Träumen einlädt.

Gustav Peter Wöhler läuft zum südlichen Ende des Lietzensees und nickt auf dem Weg einer Gruppe älterer Damen zu. "Juten Tach", sagen die und er: "Hallo". Man kennt sich vom Sehen. Die Sonne bringt noch einmal Septemberstimmung auf, obwohl die Blätter am Boden längst vom Winter erzählen. Von einer Brüstung aus haben wir einen Überblick über den gesamten See, im Hintergrund steht ein großer Wohnblock, der einen daran erinnert, dass wir noch mitten in der Stadt sind. Wöhler läuft langsam die Treppe hinunter, er hat erst im März eine Miniskusoperation überstanden. Als wir an einem Baum stehen, zeigt er auf eine Astgabel, an der ein Stück Holz wie ein Knorpel hervorwächst. "So sieht es mit meinem Knie aus", sagt er. Er will nicht jammern, er seufzt nur leise. Die Show. Muss Weitergehen. "Wahrscheinlich sollte ich noch mehr abnehmen, aber ich achte schon seit Jahren mehr auf mich."

Dieses Auf-sich-Achten meint nicht nur das Essen, dass er seit seiner Diabetes-II-Diagnose ohnehin einschränkt. Es ist eher das generelle In-sich-Hineinhören. Das sei etwas, dass er nicht erst lernen musste. Vielleicht liegt es daran, dass er ein paar Wochen zu früh geboren wurde, er lag fast eine Woche in einem Brutkasten. Oder daran, dass seine Mutter auch an Diabetes litt, allerdings an der chronischen Art. Sie starb, als Gustav Peter Wöhler gerade acht Jahre alt war. "Wenn man als Kind merkt, dass man anders ist als die anderen", sagt er, "dann grübelt man viel nach." Wir laufen weiter, betreten einen Tunnel unter einer Brücke. "Eine gute Therapie", sagt er mit hallender Stimme, "kann dabei helfen, die Narben aus der Vergangenheit zu erkennen, ohne dabei zu versuchen, sie wegzumachen." Es helfe dabei zu verstehen, warum man bestimmte Verhaltensmuster entwickelt habe. "Die Narbe kriegt man nie weg", sagt er, "die Wunde aber kann man heilen." Die Zeit der Wunden war für ihn die Jugend, die Jahre 7, 14 und 21.

Nach dem Tod seiner Mutter wurde Wöhler von seinen Geschwistern - zehn und 20 Jahre älter - und dem Vater aufgezogen. Der hieß Gustav, ihm gehörte eine Kneipe in Eickum bei Herford, und dort musste "Peter" dann nach der Schule antreten, vor den Ferien sein Zeugnis präsentieren. "Peter komm, zeig mal her", hieß es dann. Für den Vater musste jede Note gut sein. An der Bar saß damals oft ein Mann, der auch einen Blick auf die Zeugnisse werfen durfte. "Das war ein Maurer, der seinen Monatslohn immer bei uns versoff", sagt Wöhler. "Ich wusste damals, dass ich nie so werden wollte wie er." Noch heute bleibt er lieber beim Wein.

Wir reden über Therapien und Säufer, wenn wir den Blick heben, sehen wir Statuen von nackten, jungen Menschen, die im Park verteilt sind. Wöhler weiß noch, wie er als Kind mit seinem Vater einen Film im Fernsehen über zwei Männer sah, die einander liebten. Der Vater sagte: "Die sollte man alle an die Wand stellen." Er sagte nicht: "erschießen". Vielleicht war das seine Art, dem Sohn zu sagen: Ich weiß, was bei dir läuft. So richtig viel geredet wurde damals nicht. Heute weiß Wöhler nicht mehr, in welchem afrikanischen Land sein Vater im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte - wo er sich Hepatitis B holte. Als er daran starb, erfuhr der 14 Jahre alte Peter, dass auch er den Namen Gustav trägt. So hieß sein Vater. Seitdem ist er "Gustav Peter".

Das Gute in seiner Jugend war, dass er eine Großfamilie um sich und außerdem viele Freunde hatte. Er war eben der kleine, rundliche Junge, der gut Witze erzählen konnte. "Ich wurde immer auf Partys eingeladen", sagt er, "hatte keine Angst davor zu tanzen, wie andere." Peinlich sei ihm das nie gewesen. Nur, wenn es dann zum Engtanzen überging, stand er in der Ecke. "Porky" ist so ein Wort, das heute im Park zwischen Laubrascheln ganz leicht klingt, wie der Name einer Comicfigur. Aber im Schwimmbad gerufen, war es schon damals: Quälerei. Wöhler hat das alles hinter sich gelassen. Zu seiner letzten Therapeutin hatte Wöhler gesagt: "Ich höre auf. Ich will's einfach nicht mehr wissen. Ich will jetzt leben." Das war vor drei Jahren, und seither gehe es ihm gut.

Als wir den Scheitelpunkt des Sees erreicht haben, springen wir in größeren Sieben-Jahres-Schritten durch sein Leben. Mit 21 ist Gustav Peter Wöhler auf die Schauspielschule gegangen ("Das habe ich nur meinem Religionslehrer zu verdanken"), mit 28 Jahren ging er nach Hamburg ("Arbeiten, Feiern, Arbeiten, Feiern") und mit 35 Jahren traf er Doris Dörrie, mit der er in "Bin ich schön?" drehte und später seinen ersten Kino-Durchbruch hatte, eben mit "Erleuchtung garantiert", ein Film, in dem seine Hauptfigur Gustav heißt, wie er selbst.

Einer, der nichts verstecken kann

In dieser Zeit begann Gustav Peter Wöhler auch, als "Gustav" auf Bühnen zu singen, er coverte Lieder von den Beatles, Bowie und Lindenberg - und machte sie durch seine Anekdoten zu "seinen" Liedern. Bei "What if god was one of us" brüllt er wie ein Gospel-Prediger "God is great" in die Menge, bei "The Joker" reißt er sich wie ein Rockstar die Kleider vom Leib und bei "Your Song" von Elton John kann er auch ganz, ganz leise werden. Als wir den leichten Hügel zur Straße hinaufgehen, sagt er, dass "Your Song" vielleicht das schwierigste Lied war, zu persönlich. "Ich habe Elton Johns Platte 1970 gekauft und dachte, der Typ hat etwas verstanden, was ich noch lernen musste." Wenn er heute dieses Lied singt (in der zweiten Zeile heißt es: "Ich bin keiner, der etwas gut verstecken kann"), dann steht auch der 14-Jährige Gustav Peter mit auf der Bühne.

Für einen Augenblick ist es still. Wir haben wieder den Ausblick über den ganzen See, die Trauerweide, die Brücke in der Mitte, die Jogger. Er sei ein Herbstmensch, sagt Wöhler. Diese Jahreszeit liege ihm. Diese Zeit, wenn alles langsam ruhiger werde. Über die 42 sagt er nur, dass es das Jahr war, in dem er zum ersten Mal selbst Regie bei einem Stück führte. "Angst essen Seele auf". Noch drei Mal hat er das gemacht, aber dann gemerkt, dass es schlicht zu anstrengend war. Er spielte noch immer in Filmen mit, sang auf der Bühne und dann noch Regie. Er sagte dann - obwohl es ihm schwerfiel - doch ein paar Mal: Nein.

Und kurz darauf wieder: Ja. Zu Albert Wiederspiel. Getroffen haben sie sich - natürlich - wieder sieben Jahre später, nach einem seiner Konzerte. Gustav Peter Wöhler war 49 Jahre alt. Laut den indischen Regeln des Chakra ist das ein Alter, in dem man einen neuen Lebenszyklus beginnt. Sieben mal Sieben und alles auf Anfang. Sie heiraten schon nach einem Jahr, und mit Albert Wiederspiel kam das Reisen in Wöhlers Leben. "Wir waren in Buenos Aires, auf den Azoren, in Israel und mehrmals auf Island." Dieses Raue und Kahle auf der Insel habe ihm das Herz geöffnet, sagt er. "Man bekommt eine große Demut, wenn man einmal dort war."

Wieder im Fahrstuhl seines Wohnhauses reichen die wenigen Stockwerke, um im Rückblick durch das Leben von Gustav Peter Wöhler zu reisen. Er fasst noch einmal zusammen. 7 bis 56. Der Tod der Eltern, die Schauspielschule, Hamburg, Doris Dörrie, die erste eigene Regie, dann: Albert. Er sagt, dass gerade "wirklich alles gut" sei für ihn. Arbeit, Beziehung, Familie, Wohnung, Zukunftsplanung, das alles stimme jetzt. Und danach? 63, 70, 77? "Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt", sagt Gustav Peter Wöhler und fügt etwas leiser an: "Es geht jetzt wieder ins Alter." Er sagt wirklich "wieder", als wäre schon einmal da gewesen, im Alter.

Für einen Ins-Büro-Geher ist das schwer vorzustellen, aber für einen kleinen König, der schon einmal ein Stern am Himmel war, dessen Show immer weitergehen muss und dessen einzige Aufgabe ist, die Menschen daran zu erinnern, das Zahlen letztlich nicht so wichtig sein können wie das Träumen - für den ist es die leichteste Übung.

Das Buch

Was kommt heraus, wenn man mit prominenten Berlinern spazieren geht? „Menschen in Berlin“ versammelt die 60 schönsten „Berliner Spaziergänge“ in einem hochwertig gestalteten Buch. Lesen Sie die ganz persönlichen Berlin-Geschichten von populären Schauspielern und Künstlern, Politikern und Sportlern. Der aufwendig bebilderte Porträtband kostet 39,90 Euro*. Er ist erhältlich unter der Bestellhotline: Tel. 0800/ 53 00 500 (zzgl. 2,90 Euro pro telefonischer Bestellung).

*Versandkostenfrei innerhalb der EU.