Doha

Zwei Wochen heiße Luft

Auf dem Klimagipfel suchen die beteiligten Staaten bis zuletzt nach einem Minimalkompromiss. Die Chronik eines erwarteten Scheiterns.

Über Twitter meldete sich Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) am frühen Freitagnachmittag: „In Doha wird es richtig ernst. Plenum unterbrochen bis 18 Uhr.“ Es war der Moment, der wieder Zweifel am Erfolg der 18. UN-Klimakonferenz aufkommen ließ. Nur wenige Stunden blieben Ministern und Regierungsvertretern aus 194 Staaten, um sich in den strittigen Fragen zu einigen. Altmaier berichtete über „intensive Konsultationen zwischen fast allen“.

Es gehört fast schon zum Ritual eines Klimagipfels, den geplanten Zeitrahmen zu sprengen und das Ende um einige Stunden oder sogar eine ganze Nacht zu verlängern. Auch in Doha wurde bis zuletzt über die Finanzierung des Klimaschutzes gestritten. Das am 31. Dezember auslaufende Kyoto-Protokoll muss bis 2020 verlängert, der Fahrplan für ein Klimaabkommen verabschiedet werden, an dem sich auch Länder wie China und die USA beteiligen. Und auch das gehört zum Ritual: Der Gipfel begann mit dramatischen Zahlen zum Klimawandel und steigerte sich in zwölf Tagen zu einem dramatischen Verhandlungsmarathon. Das Protokoll.

Montag, 26. November Katars Vizepremier Abdullah Bin Hamad al-Attiyah appelliert zu Beginn der Klimakonferenz an alle Teilnehmer, beim Klimaschutz zusammenzuarbeiten: „Vor uns liegt eine goldene Chance. Wir müssen sie nutzen.“ Ein Appell auch, selbst aktiv zu werden. Das Emirat geht verschwenderisch mit Energie um, setzt pro Kopf so viel Kohlendioxid (CO2) frei wie kein anderes Land der Welt. Benzin kostet nur 19 Cent pro Liter. Der Wüstenstaat leistet sich sogar eine Schlittschuhbahn.

Dienstag, 27. November Der neue Klima-Risiko-Index der Umweltorganisation Germanwatch warnt vor einer zunehmenden Zahl von Überflutungen, Stürmen und Hitzewellen als Folge des weltweiten Klimawandels. Arme Länder sind stärker betroffen als Industriestaaten.

Mittwoch, 28. November Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) will den Verhandlern in Doha vor Augen führen, wie dramatisch die Folgen der globalen Erwärmung sein können. In einem Report verweisen die UN-Experten auf die arktischen Dauerfrostböden, die allmählich auftauen und dabei riesige CO2-Mengen freisetzen. Diese Gefahr sei viel lange ignoriert worden. Es sind vor allem die Mahner, die in den ersten Tagen der Klimakonferenz zu Wort kommen. Auf sogenannter Fachebene bereiten die Unterhändler die Verhandlungstexte für die alles entscheidende Ministerrunde vor.

Donnerstag, 29. November Nach vorläufigen Berechnungen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ist das Jahr 2012 eines der heißesten seit Beginn der modernen Wettererfassung im Jahr 1850. Es sei weltweit geprägt von extremen Wetterereignissen und vielen Waldbränden. WMO-Vize Jeremiah Lengoasa spricht von einem „Vorgeschmack auf unser künftiges Klima“.

Freitag, 30. November Die Erwartungen an einen Erfolg des Klimagipfels schwinden. Trotz der alarmierenden Datenlage zum Klimawandel ist von einer Aufbruchstimmung nichts zu spüren.

Sonnabend, 1. Dezember Ein internationales Forscherteam schlägt in zwei Fachmagazinen Alarm. Der CO2-Ausstoß hat 2011 mit fast 35 Milliarden Tonnen einen Rekordwert erreicht. Größter Klimasünder ist China vor den USA. Doch beide gehören zu den Bremsern beim internationalen Klimaschutz, ebenso wie etwa Australien, Japan und Kanada. Innerhalb der Europäischen Union wehrt sich Polen gegen schärfere CO2-Reduktionsziele. Die Gruppe der G-77-Entwicklungsländer verlangt von den Industriestaaten, beim Klimaschutz voranzugehen. Die Allianz der kleinen Inselstaaten (Aosis), die besonders vom Klimawandel betroffen sind, sehen ihre Existenz bedroht und fordern rasche Maßnahmen.Sonntag, 2. Dezember Jetzt wird es politisch. Altmaier warnt in einem Gastkommentar für „Bild am Sonntag“ vor einem Scheitern des Gipfels: „Es fehlt allerorten an politischem Willen und an öffentlicher Unterstützung.“ Das Tempo des Klimaschutzes sei „absolut unzureichend“. Der Minister wirbt für einen „Club der Energiewendestaaten“.

Montag, 3. Dezember Dänemark ist im internationalen Vergleich führend beim Klimaschutz, Schlusslichter sind der Iran, Kasachstan und Saudi-Arabien. Das zeigt der Klimaschutz-Index von Germanwatch. Deutschland fällt in der Bewertung um zwei Plätze auf Rang acht. Vom Fortgang der Verhandlungen dringt nur wenig nach außen. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts, ist bei seiner Ankunft in Doha jedoch von der unaufgeregten und konzentrierten Arbeitsatmosphäre positiv überrascht: „Texte sind in weiten Teilen fertig. Die Knackpunkte können jetzt von den Ministern beraten werden.“

Dienstag, 4. Dezember Auf Einladung der Climate Policy Initiative (CPI) diskutieren Wirtschaftsexperten am Rande des Klimagipfels in einem sogenannten Side Event über Investitionen in den Klimaschutz. Es geht um Windräder und Sonnenkollektoren, aber auch um effizientere Maschinen für die Textilindustrie. Holger Lösch vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hört aufmerksam zu. Deutschland ist führend auf dem internationalen Markt für Umwelttechnologien. Doch die Konkurrenz holt auf: China, arabische Länder aber auch viele europäische Nachbarn haben die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes erkannt. „Die Wirtschaft nutzt die Klimakonferenzen, um sich zu vernetzen“, sagt Lösch. Die Treffen seien zu einer wichtigen „Kontaktbörse“ geworden.

Mittwoch, 5. Dezember Einen Tag nach seinen Ministerkollegen reist Altmaier nach Doha. Er will dafür werben, dass die EU das Klimaschutzziel von 20 Prozent weniger CO2 bis 2020 auf 30 Prozent erhöht. Das könnte Schwung in die Verhandlungen bringen. Altmaier kündigt an, das Deutschland die Finanzmittel für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern um 400 Millionen auf 1,8 Milliarden Euro im Jahr aufstockt.

Donnerstag, 6. Dezember Karl-Heinz Florenz (CDU) ist Europaabgeordneter und sehr erfahren in Klimaverhandlungen. In der letzten Nacht ist es spät geworden, das morgendliche Briefing des zypriotischen Umweltministers im EU-Pavillion ist nur schwer zu verstehen, weil im Raum nebenan die Chinesen die besseren Mikrofone haben. Es geht bei den Verhandlungen vor allem um technische Details, was die politischen Fragen in den Hintergrund drängt. Florenz erwartet keine großen Fortschritte und allenfalls Einigungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Er merkt an, dass im Konferenzzentrum von Doha sogar die Seifenspender elektrisch funktionieren und der Shuttle-Bus vor der Tür 30 Minuten mit laufendem Motor auf Fahrgäste wartet.

Freitag, 7. Dezember Der Ausgang der Klimagipfels ist am Nachmittag noch immer ungewiss. Altmaier zweifelt am Format des Mammutgipfels mit seinen mehr als 20.000 Teilnehmern. Doha zeige einmal mehr, „dass diese großen Verfahren ihre Grenzen haben“. Gemeinsam mit seinem polnischen Kollegen Marcin Korolec übernimmt er die Leitung einer Ministerarbeitsgruppe, die einen Fahrplan für das geplante neue Klimaabkommen aufstellen soll. Nichtregierungsorganisationen sind von Altmaiers zurückhaltendem Engagement enttäuscht. WWF-Klimaexpertin Regine Günther spricht von einer „schwachen Performance“. Altmaiers Vorgänger Norbert Röttgen (CDU) und Sigmar Gabriel (SPD) hätten dagegen auf früheren Klimakonferenzen oft zu den Meinungsführern im Kreis der EU gehört.