Altenpflege

„Eine gute Pflegekraft muss mehr haben als ein gutes Herz“

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Obwohl Pflege die Branche der Zukunft ist, will kaum jemand dort arbeiten.

Die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert in einer aktuellen Studie, dass bis 2020 bundesweit eine halbe Million Vollzeitkräfte im Pflegebereich fehlen werden. Allein in Berlin soll die Zahl der Pflegebedürftigen um 56 Prozent steigen. Doch warum wollen so wenig Menschen in der Altenpflege arbeiten? Und wie lässt sich das ändern? Anne Klesse hat darüber mit Michael Breuckmann, Vorsitzender des Bundesverbands Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe und Mitglied des deutschen Pflegerats in Berlin, gesprochen. Breuckmann plädiert für bessere Rahmenbedingungen, warnt aber davor, jeden Arbeitssuchenden einfach zum Altenpfleger umschulen zu lassen.

Berliner Morgenpost:

Herr Breuckmann, warum gibt es in Deutschland zu wenig qualifiziertes Pflegepersonal?

Das Hauptproblem ist wohl, dass der Beruf als nicht besonders attraktiv wahrgenommen wird. Dabei ist die Altenpflege ein hoch spannender und gesellschaftlich wichtiger Bereich, der auch denjenigen, die pflegen, viel gibt. Doch es gab in den vergangenen zehn Jahren viele Versäumnisse seitens der Politik – obwohl die Schulträger und Pflegeeinrichtungen immer wieder vor einer Personallücke gewarnt haben. Ein weiteres Problem ist, dass die Finanzierung der Altenpflegeausbildung nicht geregelt ist. In manchen Bundesländern müssen Azubis Schulgeld zahlen – aus meiner Sicht eine Unmöglichkeit. Auch die Träger haben kein Geld. So ist keine gute Ausbildung möglich. Abschreckend sind sicherlich oft auch die Rahmenbedingungen. In manchen Einrichtungen ist die Personalausstattung so schlecht, dass zwei Pfleger eine ganze Station versorgen müssen. Das ist unter Qualitätsaspekten natürlich nicht machbar.

Wie könnte man mehr junge Menschen für die Altenpflege begeistern?

Finanzanreize würden sicherlich helfen. Ich denke aber, insbesondere müssen die genannten Rahmenbedingungen verbessert werden. Und wir müssen aufhören, den Beruf schlecht zu machen. Der dritte Punkt ist: Wir müssen weg von der nach Altersgruppen strukturierten Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und Altenpflegerin. Wir brauchen eine generalistische Ausbildung mit einer Grundqualifikation, bei der erst nach dem Abschluss die Spezialisierung im Berufsfeld erfolgt, ähnlich wie es bei Ärzten der Fall ist.

Genau das sieht ja das geplante Pflegeberufegesetz vor.

Genau. Doch das ist leider noch nicht so weit, wie die Verbände es gerne hätten. Die Bundesregierung hat bisher nur ein Eckpunktepapier vorgelegt, an dem jetzt intensiv weitergearbeitet werden muss. Wir fordern, dass das Gesetz möglichst bald verabschiedet wird.

Wie kann eine menschenwürdige Versorgung alter Menschen in Zukunft sichergestellt werden?

Qualität in der Versorgung setzt Qualität in der Ausbildung voraus. Und die ist nicht möglich, wenn Zugangsvoraussetzungen reduziert werden. Ich halte also nichts von Vorschlägen, einfach jeden zum Altenpfleger umzuschulen. Das ist nebenbei gesagt auch ein Affront gegen die Berufsgruppe, denn eine gute Pflegekraft muss mehr haben als zwei gesunde Hände und ein gutes Herz. Dem Personalmangel kann nur entgegengewirkt werden mit einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, der Finanzierung und Bezahlung. Für Pflegende muss es zudem planbare Karrieremöglichkeiten geben. Da sind erste Schritte getan, zum Beispiel kann man jetzt auch Pflege studieren. Aber das reicht noch nicht.