Interview

„Viele schaffen 45 Erwerbsjahre nicht“

Der Präsident des Sozialverbands Deutschland warnt vor Euphorie

Dass die Renten in den kommenden Jahren stark steigen sollen, hört sich zunächst nach einer guten Nachricht an. Doch Experten wie der Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Adolf Bauer, zeigen sich eher skeptisch. Einen Anlass zu vorschneller Freude gebe es nicht. Vielmehr rät er Rentnern und Arbeitnehmern, selbst die eigene Altersvorsorge im Blick zu behalten. Die Fragen stellte Christoph Wenzel.

Berliner Morgenpost:

Herr Bauer, aus der Sicht des Sozialverbands Deutschland: Sind die offenbar steigenden Renten ein Grund zur Freude?

Adolf Bauer:

Es wäre viel für die Rentnerinnen und Rentner gewonnen, würden die Ankündigungen wahr. Leider gab es in den zurückliegenden Jahren nach der frohen Kunde stets einen spürbaren Dämpfer. Nach SoVD-Berechnungen waren die Verluste bei der Kaufkraft der Rente deutlich. Wir gehen von über zehn Prozent aus.

Wo sehen Sie Probleme?

Mit Blick auf die gegenwärtige Euphorie ist Vorsicht angezeigt. Denn der Rentenversicherungsbericht beruht auf vielen Annahmen. Gerade vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung bestehen zahlreiche Unwägbarkeiten. Sie darf man nicht außer Acht lassen, wenn es um Prognosen zur Rente geht.

Wie realistisch ist in dieser Diskussion Ihrer Meinung nach überhaupt die rechnerische Größe der Eckrente, die 45 Jahre Erwerbstätigkeit bei einem Durchschnittsverdienst zugrunde legt?

Die sogenannte Eckrente ist zunächst eine statistische Größe. Sie bildet die Realität zahlreicher Erwerbstätiger nicht vollständig ab. Viele schaffen die 45 Erwerbsjahre nicht.

Welche Forderungen an die Politik leiten Sie aus Sicht Ihres Verbandes aus dieser Bestandsaufnahme ab?

Die Rente muss sich auch künftig für alle Beitragszahler lohnen. Deshalb muss die Politik das vielfach bewährte Rentensystem fortentwickeln. Dazu gehören insbesondere anständige Löhne im Erwerb und vernünftige Rentenleistungen im Ruhestand.

Was raten Sie Rentnern – und Arbeitnehmern?

Es ist wichtig, die eigene Rente im Blick zu behalten. Deshalb empfiehlt es sich, die Rentenbenachrichtigung sorgfältig zu studieren. Damit im Ruhestand keine Armutsrente droht, sind konstante und ausreichende Beitragszahlungen in der Erwerbsphase das Maß aller Dinge. Gute Arbeit, guter Lohn, gute Rente – auf diesen Dreiklang kommt es an. Er ist die Voraussetzung für eine Rente, von der man leben kann.