Spielsucht

„Ich hätte mich schon längst verlassen“

Deniz Gül steht auf dem S-Bahnsteig „Humboldthain“ und spielt ein Spiel mit sich selbst. Er nimmt sich vor: Wenn die S-Bahn Richtung Oranienburg im Norden Berlins zuerst kommt, nimmt er die, fährt zu seiner Frau, den drei Kindern, der 75-Quadratmeter-Wohnung, 650 Euro Miete im Monat. Kommt die Bahn Richtung Süden zuerst, fährt er zum Potsdamer Platz und geht dort in die Spielbank, es ist hell, glitzert, Geld wird zu Punkten. Mit ein bisschen Glück kann er dort die Miete sichern. Dass die S-Bahn Richtung Oranienburg längst da ist, merkt er erst, als die roten Lampen leuchten, die Türen schließen. Er war so in Gedanken, sonst wäre er eingestiegen, wirklich. Dann kommt die Bahn Richtung Potsdamer Platz, und er steigt ein.

Gül hat solche Entscheidungsspiele oft gespielt, die Entscheidung über seinen Tag und sein Leben damit anderen überlassen: der BVG, dem Wetter, schließlich die Automaten mit der zufälligen Anordnung von Melonen, Zitronen und dem lachenden Joker. Diese Spiele kosten Punkte, die meist immer weniger werden an den glitzernden Maschinen. Gül ist seit 17 Jahren abhängig vom Spielen an diesen Automaten. Trotz Gefängnis, trotz Therapie, trotz der Liebe zu seiner Frau und den drei Kindern. „Ich verstehe es selbst nicht“, sagt er.

Er sieht nicht aus wie jemand, in dessen Leben sonst viel glitzert. Er trägt meist dunkle Jacken, praktische Jeans, eine randlose Brille. Die Schultern hängen, er raucht viel, dann merkt er den Hunger nicht so. Er verabredet sich gern in Cafés, in denen keine Spielautomaten stehen. Auffällig ist sein teures Mobiltelefon, ein Samsung Galaxy S3. Es gehöre seiner Frau, sagt er. Er weiß in jedem Bezirk , wo sie stehen, rund 12.000 Automaten sind es insgesamt. Er will seine Geschichte erzählen, weil das die einzige positive Wirkung ist, die er noch aus dieser Spielsucht ziehen kann. Seine Erfahrung weitergeben.

Der erste Gewinn: 1500 D-Mark

Dabei haben gerade in der letzten Zeit die Politiker reagiert und versucht, über Gesetze die Spielhallen-Flut einzudämmen. Der Spandauer SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz konnte schon im Jahr 2011 ein Gesetz durchbringen, das zumindest die Neueröffnung von Spielhallen in der Stadt eindämmte. Mit Erfolg, zumindest etwas ging die Zahl der Spielhallen zurück. Doch die Gaststätten, die sich „Café-Casinos“ nennen und ihren Umsatz nicht mit Speisen, sondern Spielen machen, die machten weiter auf. Allein auf der Neuköllner Sonnenallee stehen 14 von ihnen nebeneinander. Denen sagt Buchholz jetzt den Kampf an, kündigt mehr Kontrollen an. Seine Fraktion beantragt im Abgeordnetenhaus ein Gesamtkonzept des Senats. Auch Brandenburg arbeitet an einem Gesetz, weil man so Geldwäsche und andere Formen von Kriminalität bekämpfen will – sowie die Spielsucht. In Berlin gibt es laut Statistik rund 35.000, in Brandenburg 20.000 Spielsüchtige. Vielleicht kann ihnen mit dem Gesetz geholfen werden. Für Gül kommen diese Maßnahmen 17 Jahre zu spät.

Angefangen hat es im Jahr 1995. Gül verliebt sich in Wedding in Sabine, sie sich in ihn. Sie wird wenige Monate darauf schwanger, Deniz Gül weiß das noch, denn es war die Zeit, als er am Kudamm-Eck Computerspiele spielte: Fußball, Autorennen. „Harmlos“, wie er sagt. Noch im Herbst 1995 entdeckte er diese Automaten mit den drehenden Melonen und Zitronen, das war in der Prinzenstraße in Kreuzberg, er steckte eine D-Mark in den Schlitz und sah den Rollen dabei zu, wie sie sich drehten. Er gewann viele Punkte dazu. Er spielte weiter und irgendwann am Abend waren es Punkte im Wert von 1500 D-Mark.

Es war das erste Mal, dass er sich entscheiden musste: Will er sie ausgezahlt bekommen oder weiterspielen? Es ist wie die Entscheidung mit der S-Bahn Richtung Potsdamer Platz oder Oranienburg. Diese erste Entscheidung war noch ganz leicht. Er ließ sich das Geld auszahlen, fuhr nach Hause, 1500 D-Mark in wenigen Stunden verdient.

Wissenschaftler nennen die Region im Gehirn, in der dieses Glück empfunden wird, das „Belohnungszentrum“. Es wird aktiviert, wenn der Abspann einer Lieblingsserie im Fernsehen läuft, wenn man ein Projekt auf der Arbeit erfolgreich abgeschlossen hat. Es kann künstlich stimuliert werden durch Drogen wie Nikotin oder Alkohol. Es wird beim Sex ausgeschüttet. Und es kann süchtig machen. Workaholics, Raucher, Trinker, Sexsüchtige und Serien-Junkies haben alle ein Problem mit ihrem Belohnungszentrum. Deniz Gül sagt, er wünschte, er wäre heroinabhängig. „Dann wäre ich jetzt vielleicht tot und müsste nicht mit ansehen, wie ich mein Leben und das meiner Familie zerstört habe.“ Rund eine Million Euro hat er in Automaten gesteckt, das Vermögen seiner Familie aus der Türkei verspielt, er hätte eine Firma dort erben können.

Im Frühjahr 1996 beginnt er damit, sich einzelne Automaten zu reservieren. Er hat das Gefühl, dass doch irgendwann einmal Geld aus der Maschine kommen muss, wenn er ihr nur „treu“ bleibe. Er verwendet tatsächlich das Wort „treu“ im Zusammenhang mit einem Gerät. Er glaubt, ein System zu erkennen, das Glück berechenbar zu machen. Er besucht Spielhallen, in denen er sich auch Geld leihen kann. Morgens, mittags und abends. Sie haben immer geöffnet, auch wenn die Gesetze das schon damals nicht erlauben. Die Schulden werden größer. Die Getränke und oft auch das Essen in Spielhallen sind kostenlos. Die Frau ahnt etwas und sagt zu ihm: „Lass es sein!“ Da beginnt er zu lügen über die Zeit, die er nicht bei ihr ist. Er hat keine Affäre, aber er hat ein zweites Zuhause.

Psychologen kennen das, diese Ausflüchte von Süchtigen, dieses „Ich könnte aufhören“. Spielsucht ist mit 360.000 Süchtigen in Deutschland nach Alkoholismus die am stärksten verbreitete Suchtkrankheit. Seit dem Jahr 1987 ist das „Café Beispiellos“ eine Anlaufstelle für sie in Berlin. Dort können sich Spielsüchtige über Programme informieren, es gibt Psychologen, die Therapien anbieten, Gruppensitzungen, in denen sich Betroffene gegenseitig unterstützen.

Gül aber sieht sich noch nicht als Abhängiger, eher als vom Pech Verfolgter. Im Jahr 1998 ist er 24 Jahre alt, sein zweites Kind ist gerade geboren worden, ein Sohn, für den will er sein Leben in den Griff bekommen und meldet sich zum türkischen Militär. Für ihn ist das eine Gelegenheit, 18 Monate die Spielhallen nicht zu sehen. Er nennt diese Zeit der Disziplin im Heer heute „wunderbar“.

Seine Frau hatte ihn oft in der Türkei besucht, mit den beiden Kindern. Das Leben hat einen Sinn, zum Beispiel, weil er Leben retten konnte, bei dem großen Erdbeben von Gölcük am 17. August 1999, bei dem über 18.000 Menschen starben. „Ich habe damals monatelang nicht ans Spielen gedacht“, sagt er. „Ich war geheilt.“ Am Dienstag, dem 11. Juli im Jahr 2000, landete er in Berlin-Tegel. Noch in der ersten Woche stand er wieder in der Spielhalle. „Es war, als ob jemand deine Hand hält und dich dahin zieht.“

Doch im neuen Jahrtausend hatten sich ein paar Dinge geändert, die Spielhallen betreffen. Zum einen ist es leichter, abhängig zu werden, weil immer mehr Internetcafés öffnen, in denen auch illegale Spielautomaten stehen. Die Schließzeiten für Spielhallen von 22 bis 7 Uhr gelten nicht für diese Cafés. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass seit 2001 die Spielsucht als eigenständige „Erkrankung im Spektrum der psychischen Störungen“ anerkannt wurde, wie es hieß. Das hatte für Betroffene vor allem sozialrechtliche Folgen: Krankenkassen zahlten von jetzt an ambulante und stationäre Behandlungen.

Doch Deniz Gül ging erst in Behandlung, als das Gericht ihn dazu zwang. Kurz vor der Umstellung auf den Euro, im Dezember 2001 überfiel er eine Spielhalle in Pankow, die Pistole war geliehen, nicht geladen, er hatte nicht einmal an eine Maske gedacht. Er fuhr zum Alexanderplatz. Er verspielte die Beute von 4500 D-Mark. Noch am gleichen Abend wurde er verhaftet. Im Frühjahr 2002, kurz nach der Euro-Einführung kam er auf Bewährung frei. „Der Richter war wie ein Vater“, sagt er, „er hat gesehen, dass ich so etwas normalerweise nicht tun würde.“

Er begann eine Therapie, aber die Staatsanwaltschaft legte Revision gegen das Urteil ein, er musste mehr als zwei Jahre ins Gefängnis, verpasst die Geburt seines dritten Kindes, einer Tochter. Er traf in Haft viele Spielsüchtige oder Menschen, die sagen, sie seien wegen ihrer Spielsucht kriminell geworden. Sabine besuchte ihn regelmäßig. Er sagt: „Ich weiß nicht, wie sie das ausgehalten hat mit mir.“ Dann fügt er einen seltsamen Satz an: „Ich hätte mich schon längst verlassen.“

Lügen in der Therapiegruppe

Als er im Sommer 2005 freikam, meldete sich Gül beim Café „Beispiellos“. Dort saß er in Runden mit 20 Menschen, die alle lernen wollen, ihr Belohnungszentrum in den Griff zu bekommen. Im Herbst 2005 wurde er schwach, ging zum Potsdamer Platz spielen, nimmt von dort die U-Bahn zum Café „Beispiellos“ und sitzt wieder in der Runde. „Hallo ich bin Thomas, seit sechs Monaten spielfrei.“ – „Ich bin Gabi, seit zwei Jahren spielfrei.“ – „Ich bin Micha, seit neun Monaten spielfrei.“ – Deniz platzte mit der Wahrheit dazwischen: „Hallo, ich heiße Deniz, ich habe vor zwei Stunden gespielt, Thomas und Micha waren auch dabei.“ Es stimmte, es wurde viel gelogen in der Gruppe. Aber der Gruppenleiter wird sauer auf Gül: „Entweder hören Sie auf, oder Sie kommen nie wieder her.“

Wieder musste er sich entscheiden. Spielen? Nicht spielen? Doch das war im Grunde längst keine Entscheidung mehr. Für Spielbanken hat er sich sperren lassen. Doch für die Spielhallen und all die kleinen Imbisse mit Automaten ist das praktisch nicht möglich, sagt er. Als ob diese Sperre sein einziger Schutz sein könnte. Für ihn ist es die Außenwelt, die schuld daran ist, dass er nicht gesund wird. Dazu passt, dass im Jahr 2006 die Glückspiellobby eine weitere Aufweichung der Spielverordnung erreichen konnte. Die Zahl der zulässigen Geldspielgeräte pro Spielhalle wurde in Deutschland erhöht und die Mindestdauer pro Spiel von zwölf auf fünf Sekunden verkürzt. Die Anzahl der aufgestellten Spielautomaten stieg in der Folge von 183.000 im Jahr 2005 auf 242.500 im Jahr 2011. Auch Berlin machte diese Steigerung mit – zumindest bis das Abgeordnetenhaus das Spielhallengesetz verabschiedete.

Die restlichen Jahre des neuen Jahrtausends sind schnell erzählt. Auch Deniz wischt über diese Zeit, als sei nichts gewesen: Er fiel immer wieder zurück in die Gewohnheit, kam über Freunde an EC-Karten, die nicht ihm gehörten, das mit der Geheimzahl war kein Problem, sagt er, solange er häufig die Stadt wechselte. Eine Weile ging das gut. Dann wurde er erwischt, kam ins Gefängnis und wieder raus, beging „schwere Körperverletzung“. Dazu sagt er: „Ich war gereizt, Spieler sind schnell gereizt.“ Seit Ende 2011 ist er wieder aus dem Gefängnis entlassen. Seitdem hilft er manchmal auf Baustellen aus und schreibt Briefe an den Senat und an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), sie mögen mehr gegen die Spielhallen in Berlin unternehmen. Im August setzt er selbst einen Flyer auf. „Spielen zerstört Leben“, steht darauf. Aber er wird ihn nie in eine Druckerei geben. Genauso wenig, wie das Buch, das er schreibt. Irgend etwas kommt dazwischen.

Die freie Entscheidung

Gül ist jetzt 38 Jahre alt und wohnt noch immer in Oranienburg mit seiner Familie. 650 Euro, drei Zimmer. Die Miete zahlt das Sozialamt. Im Oktober 2012 zeigt er noch auf seinem Samsung-Mobiltelefon, dass es auch hierfür Programme gibt, die Spielhallengeräte imitieren. Anfangs spielt man kostenlos, die Rollen drehen sich, sie sehen genauso aus wie bei den Automaten. Einmal hat er dabei so viele Punkte Guthaben gehabt, dass es umgerechnet 1000 Euro gewesen wären. Er wollte es ausgezahlt bekommen, aber dann hieß es, es sei zu kompliziert. Deniz Gül sieht manchmal, wie Jugendliche dieses Spiel in der U-Bahn spielen. „Das ist die perfekte Einstiegsdroge.“

Seine eigenen Kinder sind jetzt 10, 13 und 17 Jahre alt, die Älteste macht Abitur. Sie will Polizistin werden. Er ist sehr stolz auf sie. „Wenn sie schon nicht stolz auf mich sein kann, bin ich es wenigstens.“ Seit sie geboren wurde, hat er dieses Problem mit seinem Belohnungszentrum. Er will nicht mehr spielen. „Lieber hacke ich mir die Hand ab.“ Ende November hat er das Telefon von Sabine nicht mehr. Er hat ihr gesagt, es sei ihm heruntergefallen, er habe es zur Reparatur gegeben. Bevor er es verkauft hat, sagt er, hat er noch einen Moment gezögert. So als hätte er wirklich die freie Entscheidung gehabt.

*Name geändert