Interview

„Der Beruf ist nicht mehr attraktiv“

Die Region Berlin-Brandenburg steht schlecht da in der Prognose zur Versorgung von Pflegebedürftigen. Wird ein Großteil der hilfsbedürftigen Senioren im Jahr 2030 sich selbst überlassen sein? Oder kann der drohende Pflegenotstand noch verhindert werden? Darüber sprach Anne Klesse mit dem Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe, Franz Wagner.

Berliner Morgenpost:

Warum sind wir auf den kommenden Pflegebedarf so unvorbereitet? Die demografische Entwicklung ist doch seit Jahren bekannt.

Franz Wagner:

Dass es in Brandenburg besonders dramatisch aussieht, hat sicherlich damit zu tun, dass es insgesamt eine Landflucht aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation gibt. Hinzu kommt, dass immer weniger Kinder geboren werden. Strukturschwache Gebiete altern also schneller als der Rest der Republik. Ich kann da kein besonderes regionales Versäumnis erkennen, das ist ein gesamtdeutsches Problem. Wir alle sind, obwohl wir seit Jahren darüber reden, von dem Ausmaß des Wandels überrascht. Die Zahlen zeigen: Es ist höchste Zeit zu handeln.

Kann der drohende Pflegenotstand noch verhindert werden?

Wenn in heutigen Strukturen weitergedacht wird, nicht. Neben ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen müssen soziale Strukturen wie Familie, Nachbarn, Dorfgemeinschaft eingebunden werden. Und die Pflegeberufe müssen insgesamt attraktiver gemacht werden. Aus unserer Sicht passiert zurzeit das Gegenteil.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach zu wenige Pflegekräfte?

Das Berufsbild ist nicht mehr attraktiv. Das liegt am schlechten Image und der schlechten Bezahlung. In der Praxis können viele ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Für viele sind die körperlichen und psychischen Belastungen so hoch, dass sie Arbeitszeit reduzieren. Wir könnten dem jetzt bestehenden Mangel begegnen, wenn mehr Kräfte in Vollzeit arbeiten würden.

Wird ein Altern in Würde in zwei, drei Jahrzehnten Ihrer Ansicht nach noch möglich sein oder werden Senioren dann lediglich abgefertigt?

Das drohende Schreckensszenario ist, dass eine individuelle Betreuung nicht mehr möglich ist. Dabei ist der größte Wunsch der Senioren, möglichst lange zu Hause wohnen zu bleiben. Das wird sich in Zukunft nicht ändern. Aber wenn die Zahlen so eintreten wie prognostiziert, müssen die Menschen noch früher in stationäre Versorgung als jetzt, gegen ihren Willen. Im Ausland können wir sicher nicht so viele Fachkräfte gewinnen, wie wir brauchen. Denn auch die werden weiterziehen, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen. Auch die Familie wird nicht mehr wie heute den größten Pflegeanteil erbringen können, da wir aufgrund der Globalisierung und der am Arbeitsmarkt geforderten Flexibilität selten in der Nähe unserer Verwandten wohnen. Um ein Altern in Würde zu ermöglichen, müssen wir kreativ denken und die Stellen, zu denen Menschen gehen, von der Kirchengemeinde bis hin zum Apotheker, in die Unterstützungsangebote einbinden.