Pflegegnotstand

Gebrechliches System

Für viele ihrer Patienten ist Birte Martens ein Engel. Einer, der ihre Schmerzen lindert, der da ist, wenn nach ihm gerufen wird. Birte Martens ist Krankenschwester und arbeitet in der ambulanten Pflege der Caritas-Sozialstation Tegel. Seit 30 Jahren steht die 57-Jährige in diesem Beruf, anfangs auf Station, die meiste Zeit aber in der häuslichen Pflege. Sie fährt zu den Patienten nach Hause, legt Wundverbände an, gibt Insulinspritzen und andere Medikamente. Bis zu 30 Patienten am Tag versorgt Birte Martens im Schichtdienst, je nachdem, was gemacht werden muss. Ein typischer Besuch sieht so aus: Birte Martens kommt zu einem Patienten, steckt ihm eine Tablette in den Mund und geht wieder. Der Engel ist in Zeitnot.

„Je mehr wir am Tag schaffen, desto besser. Da bleiben manche Patienten natürlich auf der Strecke.“ Denn gemacht wird, was vereinbart ist. Also das, was bezahlt wird. Ein kurzes Gespräch oder ein zweiter Blick auf den Patienten gehören nicht dazu. Schon jetzt gibt es zu wenig Pflegekräfte für zu viele Pflegebedürftige. „Wenn mal eine Kollegin krank wird, ist das Tagespensum kaum noch zu schaffen“, sagt Birte Martens.

Dieser Zustand wird sich in Zukunft auf drastische Weise verschlimmern. Aktuellen Prognosen zufolge werden im Jahr 2030 in Deutschland 3,4 Millionen Menschen pflegebedürftig sein, 2009 waren es noch 2,34 Millionen Menschen. Die Zahl der Pflegekräfte steigt dagegen bei Weitem nicht genug. Laut dem am Montag veröffentlichten Pflegereport der Bertelsmann-Stiftung fehlen in den kommenden 20 Jahren bundesweit eine halbe Million Vollzeitkräfte im Pflegebereich. In Berlin und Brandenburg wird die Situation nach den Prognosen der Studie besonders dramatisch sein: Während im Bundesdurchschnitt bis 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen um 47 Prozent zunehmen wird, wird auf Basis der Modellrechnungen für Berlin eine Steigerungsrate von 56 Prozent, in Brandenburg sogar von 72 Prozent vorausgesagt. Knapp 25.700 Vollzeitpflegekräfte würden in Berlin fehlen, in Brandenburg gäbe es rund 24.300 Pfleger zu wenig.

Immer mehr über 80-Jährige

Die Studie basiert auf Bevölkerungsprognosen wie die des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, die ebenfalls am Montag vorgelegt wurde. Demnach wird das Durchschnittsalter der Bevölkerung bis 2030 von derzeit 43 Jahren auf über 47 Jahre steigen, in weiten Teilen Ostdeutschlands sogar auf über 50 Jahre. Am stärksten wachsen wird die Bevölkerungsgruppe der über 80-Jährigen: Ihre Zahl soll bis 2030 um mehr als 60 Prozent zunehmen.

In ihrem Bericht warnt die Bertelsmann-Stiftung dringlich vor der Versorgungslücke in der Pflege. Mit der Studie wolle man Entscheidungsträger auf Bundes-, Landes-, aber vor allem auf kommunaler Ebene ermutigen, die Zeit bis 2030 zu nutzen, um dem drohenden Pflegenotstand entgegenzuwirken, sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. So könne die notwendige Pflege künftig nicht von professionellen Kräften allein erbracht werden. Vielmehr sei es notwendig, beim Erstellen der Pflegekonzepte „auf die Vernetzung aller verantwortlichen Personen und Institutionen zu achten, von der Stadtplanung über Wohnungsbaugesellschaften, Pflegekassen bis hin zu Leistungsanbietern“. Dabei würden die Grundsätze „Rehabilitation vor Pflege“ und „ambulant vor stationär“ gelten, so Mohn. „Wir brauchen darüber hinaus eine Mobilisierung der Zivilgesellschaft, um die Chancen des längeren und gesünderen Lebens für die Bewältigung der demografischen Risiken zu nutzen.“

Monika Wagner ist Pflegepädagogin und unterrichtet beim Berliner Verein Campus Berufsbildung, einer Fachschule für Altenpflege. Ihre Auszubildenden erzählen ihr immer wieder, wie schwierig es sei, „in der Praxis den Anspruch, den wir in der Theorie lehren, umzusetzen“. Der Grund: Zeitmangel aufgrund von Personalmangel. Der Pflegenotstand, der von der Bertelsmann-Stiftung prognostiziert wird, sei schon heute spürbar.

Trotz des schlechten Images der Pflegeberufe ist das Interesse laut Monika Wagner nach wie vor groß. „Wir haben jedes Jahr zwei Vollzeitkurse und zwei berufsbegleitende Kurse mit je 25 Teilnehmern.“ Monika Wagner konzentriert sich außerdem auf die Integration und Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund. „Wir müssen in Deutschland zweigleisig fahren: Einerseits müssen wir mehr junge Leute für den Beruf begeistern, andererseits brauchen wir die Migranten“, sagt sie. Was fehlt, seien ausreichend Angebote. Mittlerweile gibt es außer der Ausbildung zum Altenpfleger an etlichen Hochschulen auch die Möglichkeit, Pflegemanagement zu studieren – und damit die Chance auf eine Leitungsfunktion im Pflegebereich. Um das Image der Pflegeberufe aufzupolieren, werden immer wieder Forderungen laut, die Zugangsvoraussetzungen für eine Berufsausbildung in diesem Bereich hochzusetzen. Nach Plänen der EU-Kommission etwa soll der Zugang zur Ausbildung auf zwölf Schuljahre angehoben werden.

Verantwortung und Druck steigen

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr lehnt solche Voraussetzungen dagegen strikt ab. „Es verbieten sich alle Vorschläge aus Brüssel, die vorsehen, dass man nur noch mit Abitur in die Pflege kommen darf. Das wäre ein Irrweg für Deutschland“, sagte der FDP-Politiker am Montag. „Wir brauchen auch Haupt- und Realschüler weiter als Pflegerinnen und Pfleger, sonst werden wir den künftigen Bedarf angesichts der alternden Bevölkerung nicht decken können.“ Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hingegen schlägt eine Verkürzung der Altenpflege-Ausbildung vor. Den „Ruhr Nachrichten“ sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker am Wochenende, dass für Arbeitslose mit Vorkenntnissen zwei statt drei Jahre Ausbildung genügen sollten.

Krankenschwester Birte Martens würde heute einen anderen Beruf wählen. Ihr Arbeitsalltag habe sich so stark verändert, die Verantwortung und der Druck seien so groß geworden. „Früher konnte ich noch mit den Leuten frühstücken, sie haben mir ihre Sorgen und Ängste anvertraut. Das ist heute überhaupt nicht mehr drin“, sagt sie. „Ich finde das sehr, sehr schade.“ Martens hat nur noch ein paar Jahre bis zur Rente, trotzdem hofft sie, dass Politik und Wirtschaft endlich handeln werden. Für theoretische Diskussionen haben Pflegekräfte wie Birte Martens keine Zeit.