Berliner Spaziergang

Die Sanfte mit dem Spaß an der Provokation

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Sandra Maischberger, Journalistin und Moderatorin

Es ist einer dieser Regentage, an denen man schon nasse Füße bekommt, wenn man nur aus dem Fenster schaut. Aber Sandra Maischberger kommt mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht und einer so lustigen Pudelmütze auf dem Kopf um die Ecke in den Park gestiefelt, dass man trotz allem sofort wieder gute Laune hat.

Unserem Treffen sind viele Mails vorausgegangen. Die Moderatorin gehört zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Fernsehens, da war es nicht leicht, einen Termin zu finden. Als Ort stand schließlich der Volkspark Friedrichshain fest, samt anschließendem Besuch des Café-Restaurants "Schoenbrunn". Dort auf der Terrasse stehen wir jetzt unter regentriefenden Markisen und schauen in den Park, wo zwei einsame Rasenmäher über die wässrigen Wiesen ziehen. Wie Synchronschwimmer hinterlassen sie schaumige, grüne Spuren im Nass. Sie saugen das Laub ein, als könne man so den Herbst einfach rückgängig machen. Es funktioniert nicht. Wir entscheiden uns, im Restaurant auf eine Regenpause zu warten.

In der Tür steht hinter uns plötzlich ein älterer Herr. "Der Taxifahrer", sagt Sandra Maischberger entschuldigend, "er konnte nicht herausgeben." Drinnen wechseln die Kellner höflich einen 50-Euro-Schein. Der Fahrer war offenbar ohne jedes Kleingeld unterwegs. Sandra Maischberger schaut ungeduldig zu. Unvorbereitet im Job zu sein, das merkt man, ist ihre Sache nicht. Wir bestellen Ingwertee mit Zitrone, auch gegen drohende Erkältungen kann man sich vorbereiten. Dann wird der Zeitrahmen festgelegt: Spätestens um halb vier muss Sohn Samuel aus der Kita abgeholt werden. Ja, sie macht das selbst, auch wenn sie alles andere als eine Halbtags-Mutti ist. Jeden Dienstagabend läuft die Talkshow "Menschen bei Maischberger" im Ersten, dazu muss sie nach Köln fliegen, wo die Sendung beim WDR aufgezeichnet wird. Außerdem dreht sie Filmporträts und produziert Dokumentarfilme.

Was ist ein gutes Interview?

Noch während sie Pudelmütze und Schal ablegt, beginnt Sandra Maischberger mit dem, was Journalisten am liebsten tun - fragen. Offenbar bin nicht nur ich auf dieses Gespräch vorbereitet. Wie es bei uns im Verlag so laufe? Ob die Tonqualität meines Diktiergerätes ausreiche? Sie schaut kritisch auf die laut zischende Espressomaschine hinter dem Tresen und erinnert sich schaudernd, einmal ein komplettes Interview aus dem Kopf aufgeschrieben zu haben, weil die Technik versagte. Sie mag es offenbar gar nicht, wenn Dinge nicht funktionieren.

Zu Beginn ihrer Fernsehkarriere hat Sandra Maischberger neben einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München auch Praktika bei Zeitungen gemacht. Unter anderem auch 1988 bei der Berliner Morgenpost. Ich überlege, mit wem sie das Interview damals geführt hat. Aber mein Blick fällt auf die Uhr, ich sage: "So ...", und sie sofort: "Ja, gut, okay." Jetzt ist sie dran mit Antworten. Was ist ein gutes Interview?

Sie beginnt mit einem ebenso absurden wie lustigen Beispiel. Als Dozentin für Interviewtechnik an der Deutschen Journalistenschule in München habe sie zum Start ihrer Seminare immer einen Loriot-Sketch gezeigt. Darin befragt ein Journalist einen vermeintlichen Astronauten zu dessen Karriere. "Die Komik entsteht, weil der Reporter stoisch seine vorbereiteten Fragen abliest, während der Interviewte in Wirklichkeit ein Verwaltungsmensch ist und überhaupt nichts versteht." Vorbereitet zu sein ist eben doch nicht alles. Sie sagt: "Man muss immer versuchen, offen zu bleiben für das, was passiert."

Seit 2003 läuft "Menschen bei Maischberger", mit jeweils fünf Gästen pro Sendung. Als eine der ersten Moderatoren im Öffentlich-Rechtlichen bat sie neben den üblichen Politikern, Experten und Lautsprechern der Fernsehrepublik auch weniger konforme Persönlichkeiten dazu. Mit entsprechenden Folgen. Wutschnaubend verließ der Wissenschaftsjournalist Joachim Bublath 2007 eine Maischberger-Sendung mit Nina Hagen, das Thema: "Außerirdische". Im selben Jahr ließ Maischberger die sexistisch-provozierende Rapperin Lady Bitch Ray auf die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer prallen - es gab empörte Schlagzeilen. Nach der Diskussion mit einem Salafisten im Mai dieses Jahres bekam Maischberger einen gut gemeinten Rat vom Programmbeirat der ARD, wie der "Spiegel" berichtete: Sie solle "bei der Auswahl skurriler Gäste darauf achten, keine öffentlich-rechtlichen Grenzen zu überschreiten".

Sandra Maischberger rührt gelassen in ihrem Tee, nimmt noch einen Kandiszucker und sieht zufrieden aus. Gehe es nach dem Marktanteil, sagt sie, liege ihre Sendung trotz des späten Sendetermins nach Günther Jauch auf Platz zwei in der Konkurrenz der fünf abendlichen ARD-Talksendungen. Wenn sie so dasitzt, eine zierliche, dunkelhaarige Erscheinung im hellbraunen Wollkleid, mit diesen braunen Augen, aus denen der Humor blitzt, könnte man sie für sehr viel jünger halten - bis sie wieder das Wort ergreift. Um sich im Stimmengewirr durchzusetzen, geht sie gern eine Tonlage tiefer und wiederholt ihren Satzanfang, bis sie das Wort zurückerobert hat. Dann klingt sie reifer und gesetzter, als sie in Wirklichkeit aussieht.

Möglich, dass diese Mischung aus mädchenhaften und durchsetzungsstarken Seiten hilft, sich provokanten Themen und schwierigen Persönlichkeiten zu nähern. Maischbergers Interviews und ihre Dokumentationen - etwa des rauchenden und brummelnden Helmut Schmidt - sind Legende. Ihre direkten Fragen nach seiner persönlichen Situation nach dem Tod seiner Frau Loki ließen die Zuschauer den Atem anhalten, bis Schmidt - nach etlichen Zigarettenzügen und weiterem Gebrummel - für seine Verhältnisse offen antwortete. Man spürte: Er mag sie.

Draußen am Fenster des "Schoenbrunn" schieben zwei Mütter plastiküberzogene Kinderwagen durch den Regen. Der Volkspark Friedrichshain liegt in Prenzlauer Berg, auf der anderen Seite der Straße erheben sich terrassenartige Neubauten, die ein bisschen nach New York aussehen. 2000 zog Sandra Maischberger aus Hamburg nach Berlin, der Arbeit wegen. Die Stadt kannte sie schon seit den 80er-Jahren, als sie mit Freundinnen nach Kreuzberg trampte und, bevor sie ganz herzog, im "Kuckuck" übernachtete, dem berühmt-berüchtigten Kulturzentrum der Hausbesetzerszene. Wilde Zeiten.

Aufgewachsen ist Sandra Maischberger in einem kleinen Ort bei Rom und später in München. Heute lebt sie im bürgerlichen Prenzlauer Berg. Der Park ist im Sommer der Familientreffpunkt der Anwohner, vor allem jener Mütter, die Wert auf edle Kinderwagen, ökologische Ernährung und gute Erziehung legen. Die "Prenzlbergmutti" ist ein stehender Begriff. Nett ist er nicht immer gemeint.

Das Klischee aber schreckt sie nicht. "Ist mir doch egal - wenn ich selbst eine bin?", erwidert sie trocken. An dem Klischee sei doch viel Schönes. Ganz Journalistin, zählt sie die guten Seiten von Prenzlauer Berg auf: "In unserem Mietwohnungshaus wohnen insgesamt 14 Kinder, zwei davon sind im selben Jahr geboren wie unser Sohn." Für ein Einzelkind sei das optimal. Ebenso der Spielplatz vor dem Haus, die vielen Cafés, in denen auch Kinder willkommen sind. "In Hamburg wohnten wir fast auf dem Land und mit Garten, damals dachte ich, das wäre sicher auch schön mit Kindern", sagt sie. "Heute weiß ich, wir wären dort völlig vereinsamt."

Die viel kritisierte Vertreibung angestammter Bewohner durch Besserverdienende sieht sie gelassen. "In unserem Haus gibt es mindestens vier Mietparteien, die schon lange vor den Wende dort eingezogen sind." Und überhaupt: "Wer glaubt, dass eine Stadt wie Berlin sich in 20 Jahren nicht verändert, hat nicht verstanden, was Großstadt bedeutet." Sandra Maischberger kann sich schnell begeistern für Dinge. Für ihr Viertel: Es gebe immer noch eine "wunderbare Mischung aus Kneipen, Kunst auf den Straßen, Galerien, ich liebe das." Für den Park, ob zum Joggen oder Radfahren, Skaten und Klettern mit der Familie. Sie ist verheiratet mit dem Kameramann Jan Kerhart, mit dem sie auch arbeitet. Nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohns Samuel habe sie hier im Park zum ersten Mal eine komplette Tageszeitung durchgelesen, schwärmt sie, "einfach, weil er sich hier selbst beschäftigen konnte - fantastisch."

Das Wort "fantastisch" wird sie in diesem Gespräch noch mindestens zehn Mal verwenden. Übergangslos kann sie aber auch ganz andere Vokabeln anbringen. Wir sind noch einmal beim Thema Talkshow, es geht um die Frage, wie viel Regie eine Talksendung verträgt. Sie selbst habe schlechte Erfahrungen damit gemacht, sagt sie, per "Knopf im Ohr" aus der Regie Anweisungen zu erhalten. "Einmal brüllte mir mein geliebter, aber cholerischer Redaktionsleiter ins Ohr: 'Nimm das Arschloch sofort vom Sender!'" Sie lächelt, das A-Wort kommt ihr elegant über die Lippen. "Leider brüllte der Redaktionsleiter so laut, dass der Gast es auch hörte", fährt sie ungerührt fort. "Danach hatte ich gute Argumente dafür, dass einen solche Regieanweisungen vollkommen aus dem Konzept bringen können."

"Auch mal Grenzen überschreiten"

Sie sagt: Sie halte auch nichts von vorher geschriebenen Konzepten, "gescripteten" Shows, wie sie heute mehr und mehr üblich seien. Wenn es nach ihr geht, müssen Talksendungen durchaus auch mal Grenzen überschreiten. Das passiere jedoch immer seltener. Auch wegen der Talkgäste. "Sie sind heute wahnsinnig zivilisiert." Sie spricht jetzt schnell, kämpferisch, emotional, das Thema ist ihr wichtig. "Eine Gesellschaft lebt von den Kontrasten und den Unterschieden, das muss man manchmal schmerzhaft zusammenbringen." Nur so könnten die Zuschauer sich eine Meinung bilden. "Und wenn es funktioniert, ist es grandios", sagt sie - "aber wenn es scheitert, ist es furchtbar."

Was sind die furchtbarsten Momente eines Talkmoderators? Nicht der Streit, selbst wenn die Gäste minutenlang durcheinanderreden, sagt sie. "Das kann ja auch ganz unterhaltsam sein." Nein, das Schlimmste sei, "wenn der Gast einfach gar nichts sagt. Da bricht einem der Schweiß aus." Und dann spricht sie sehr offen etwas aus, dem sich wohl die meisten anschließen würden, die die allabendlichen Talkshows verfolgen. Schwer zu ertragen, sagt Sandra Maischberger, seien die inzwischen immer professioneller vorgetragenen "Streitigkeiten" zwischen Politikern, "bei denen es nur darum geht, wer länger das Wort behält". Und die fehlende Wahrhaftigkeit vieler Menschen. "Es passiert schon, dass Gäste vor der Sendung das eine sagen, in der Sendung etwas ganz anderes und danach wieder eine andere Meinung haben." Der gelungenste Moment einer Sendung sei für sie deshalb, wenn sie ihre Talkgäste dazu bringe, wahrhaftig zu sein.

Es ist etwas, das sie offenbar auch von sich selbst erwartet. So gibt sie freimütig Auskunft über die Rolle als Mutter, zu der sie sich befragen lassen musste, als ihr Sohn zur Welt kam. 2007 machte die "Bild" die Geburt zum Ereignis: "Sandra Maischberger: Baby da!", lautete die Titelschlagzeile. Die Qualitätszeitungen diskutierten über "späte Mütter", die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere und die Folgen der Kinderlosigkeit für den demografischen Wandel. Für sie sei die Mutterschaft mit 40 der optimale Zeitpunkt gewesen, sagt sie, "auch wenn man sagen muss, dass wir großes Glück hatten, dass es noch geklappt hat." Privat sei das Leben mit Kind komplett anders, sagt Sandra Maischberger, im Beruf sei jedoch fast alles beim Alten geblieben. "Ich bin allerdings viel effizienter geworden." Sie lacht: "Manchmal frage ich mich, was ich früher eigentlich mit meiner Zeit angefangen habe." Dann schaut sie wieder auf die Uhr.

Wir eilen in den Regen. Das Foto wird ein Balanceakt auf einem glitschigen Stein in dem Bach, in dem Sohn Samuel im Sommer gern plantscht. Dann eilen wir Richtung Straße. Wegen des Regens habe sie ihre Elektro-Vespa zu Hause gelassen, sagt sie, mit der sie sonst lautlos durch die Stadt düst. Denn eines ist ihr aus den wilden 80er-Jahren geblieben: "Ich bin immer noch 'öko', wie damals"; sie lacht. Ein Auto habe sie deshalb nicht. "Bei uns gibt es Carsharing, zwei Wagen stehen direkt um die Ecke." Wir laufen zur Straße, rechts kommt ein Taxi. Plötzlich ertönt neben mir ein schriller Pfiff. Sandra Maischberger nimmt die Finger aus dem Mund und grinst.