Interview

„Massenplünderungen sind ein Mythos“

Die Psychologin Birgitta Sticher hat mit dem Forschungsprojekt „TankNotStrom“ der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht die psychologischen Folgen eines mehrtägigen Stromausfalls untersucht. Mit ihr sprach Nina Dinkelmeyer.

Berliner Morgenpost:

Frau Sticher, wie reagieren Menschen auf einen plötzlichen Stromausfall?

Birgitta Sticher:

Das Hauptproblem wird vor allem die fehlende Kommunikation sein, dadurch kann sich Angst aufbauen. Bei einem großflächigen Stromausfall werden viele Menschen in Aufzügen oder U-Bahnen stecken bleiben. Wissen die Menschen, dass sie noch ein paar Stunden ausharren müssen, aber dass Hilfe unterwegs ist, sind sie ziemlich tolerant, was Extremsituationen betrifft.

Wie kann man in solchen Situationen generell kommunizieren?

In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ geht es darum, sogenannte Leuchttürme einzurichten, die eine wohnortnahe Anlaufstelle für die Bevölkerung bieten. Hier können sie von Mitarbeitern des Bezirksamtes, der Feuerwehr, Polizei oder von Hilfsorganisationen Informationen über die aktuelle Situation erhalten, ihre Anliegen vorbringen und erste Hilfe erhalten. Außerdem kann so auch die Hilfsbereitschaft der Menschen organisiert werden. Diese Hilfsbereitschaft ist in Krisen definitiv sehr groß, sie muss nur richtig genutzt werden.

Also gibt es zunächst keine Massenpanik ?

Wir haben die Reaktionen der Menschen anhand des großen Stromausfalls im Münsterland im Jahr 2005 untersucht. Damals war das für viele Menschen sogar eine sehr positive Erfahrung. Sie rückten näher zusammen, sie sprangen für ihre Nachbarn ein, die keine Vorräte hatten. In New York herrschte bei einem großen Stromausfall im Jahr 2003 sogar vor allem bei jungen Leuten richtige Festivalstimmung. Die Menschen haben sich darüber gefreut, dass sich alles entschleunigt hat.

Wer leidet unter einer solchen Krise?

Das sind vor allem Menschen, die verletzbar sind: Zum Beispiel Pflegebedürftige in Altersheimen oder Personen, die auf eine Dialyse oder einen Herzschrittmacher angewiesen sind.

Kann es auch zu Plünderungen kommen?

Dass es zu massenhaften Plünderungen kommt, ist zunächst einmal ein Mythos. Die Wahrscheinlichkeit ist aber vor allem bei Menschen größer, die über wenig Ressourcen verfügen, zum Beispiel für sich und ihre Familie nicht genug zur Befriedigung wichtiger Bedürfnisse haben und zu der Erkenntnis kommen, das diese Hilfe ihnen nicht oder nicht rechtzeitig gegeben wird. Wir haben das mit unserem Forschungsprojekt „TankNotStrom“ exemplarisch in Berlin untersucht. Fühlen sich Menschen von der Gesellschaft ausgegrenzt, dann sind sie schneller bereit, in einer solchen Situation für ihr eigenes Wohl zu sorgen – auch auf Kosten der Gemeinschaft.

Fängt einer zu plündern an, ist dann die Gefahr größer, dass andere mitziehen?

Ja, durchaus. In New York nutzte 2003 eine Gruppe von Jugendlichen die Situation aus. Daraufhin war das Eis gebrochen. Es haben auch viele Menschen geplündert, von denen man es nicht erwartet hätte.