Sicherheit

Wenn in Berlin das Licht ausgeht

Katastrophenszenario: Die Hauptstadt wäre im Fall eines tagelangen Stromausfalls wie an der Ostküste der USA nur unzureichend ausgestattet

Kein Strom, Blackout. Das heißt, die Ampeln fallen aus, die Autos krachen ineinander, Züge und Bahnen bleiben stehen, Menschen stecken in Aufzügen und U-Bahn-Schächten fest. Kühlung und Heizung versagen, nach wenigen Stunden kommen die Mobilfunknetze zum Erliegen. Nach wenigen Tagen wird das Geld knapp, weil die Bankomaten nicht funktionieren. Nachts herrscht Dunkelheit. An der US-Ostküste ist dieses Szenario gerade bittere Wirklichkeit, nach Wirbelsturm „Sandy“ sind dort rund sechs Millionen Haushalte ohne Strom.

Zu kurzen, lokalen Elektrizitätsausfällen durch Kabelbrüche und Kurzschlüsse kommt es auch in Berlin immer mal wieder. Mit dem Mobiltelefon informiert man dann den Servicedienst seines Stromanbieters, und mit etwas Glück ist das ungewollte Innehalten innerhalb weniger Minuten oder Stunden vorüber. Ohne dass der Alltag maßgeblich beeinträchtigt wurde. Was aber würde passieren, wenn es in Berlin zu einem mehrtägigen, großflächigen Ausfall käme?

Dann würde Berlin von Charlottenburg aus gesteuert. Im Stabsraum der dortigen Feuerwehrleitstelle am Nikolaus-Groß-Weg 2 käme in diesem Fall der Katastrophenschutzstab der Feuerwehr zusammen, gemeinsam mit Mitgliedern anderer Hilfsorganisationen wie Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Technisches Hilfswerk (THW), Johanniter, Malteser und der Polizei. „Dort laufen die Informationen zusammen, dort wird das Lagebild erstellt und dann entschieden, wer was zuerst macht“, sagt der Sprecher der Berliner Feuerwehr, Jens-Peter Wilke. Um sicherzustellen, dass die Führungskräfte bei länger andauernder Notlage nicht überfordert werden, hat die Feuerwehr drei Katastrophenschutzstäbe mit jeweils etwa 20 Mann eingeteilt, die sich abwechseln könnten. Mindestens einmal jährlich wird der Katastrophenfall derzeit pro Team geprobt. Gemeinsam mit dem Krisenstab des Innensenats, der sich um übergeordnete organisatorische Fragen kümmert, würde Hilfe suchender Kontakt zu anderen Bundesländern aufgenommen.

Nur eine Tankstelle in Schöneberg

Katastrophenschutzstab, Lagebild, jährliche Schulungen – klingt, als hätten die Verantwortlichen alles im Griff. Doch diese Vorkehrungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in Berlin wie auch sonst in der Bundesrepublik für einen tagelangen Stromausfall tatsächlich nur unzureichend gewappnet ist. Um zentrale Versorgungsleistungen wie zum Beispiel den Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten, braucht es vor allem Notstromaggregate. Diese gibt es zwar in allen großen Einrichtungen in der Stadt. Doch in der Regel halten diese nur etwa einen Tag, dann müssen sie aufgetankt werden. Und genau da liegt das Problem: In Berlin gibt es lediglich eine Tankstelle in Schöneberg am Sachsendamm, die wiederum für eine Notstromzufuhr von außen, zum Beispiel einen Generator von Feuerwehr oder THW, ausgestattet ist. Ohne Stromzufuhr läuft nämlich auch keine Zapfsäule. „Über diese eine Tankstelle müsste dann die komplette Versorgung laufen“, so der Sprecher der Berliner Feuerwehr. Gespräche mit Tankstellenbetreibern über eine weitergehende Katastrophenvorsorge habe es zwar gegeben, allerdings ohne Einigung. „Das scheitert dann immer an den Kosten“, sagt Wilke.

Ein weiteres Problem ist, dass bei den meisten Notstromaggregaten nicht sichtbar ist, inwieweit die Kraftstoffversorgung aufgebraucht ist und wann nachgetankt werden muss. Das im Juli dieses Jahres ausgelaufene Forschungsprojekt „TankNotStrom“, an dem sich auch die Berliner Feuerwehr beteiligte, hat ein Sensorensystem entwickelt, das darüber informiert. Die Charité, Partner in dem Projekt, setzt inzwischen auf diese Technik. Usus auch in anderen Kliniken ist sie aber nicht.

Bei den neun Berliner Wasserwerken seien die Notstromaggregate ebenfalls so betankt, dass sie lediglich einen Tag fehlende Energiezufuhr überbrücken könnten. Zusätzlich habe man aber „bevorzugte Verträge mit den Mineralölkonzernen“, sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe Stephan Natz. Ob diese in der Praxis auch liefern könnten, sei jedoch eine andere Frage. „Da kommt es drauf an, wie großflächig der Stromausfall ist.“ Vor fünf Jahren kam es im Wasserwerk Tegel, das 20 Prozent des Berliner Trinkwassers bereitstellt, zu einem Kurzschluss. Laut Natz fiel das Werk damals im Sommer für etwa drei bis vier Tage aus, da ein Rohrbruch im Wasserwerk das komplette Werk unter Wasser setzte. Damals seien andere Werke eingesprungen, die Berliner hätten den Ausfall gar nicht bemerkt, so Natz.

In den sechs Berliner Klärwerken gibt es hingegen gar keine Notstromaggregate. Im Falle eines mehrtägigen Blackout würde das Abwasser über Notüberläufe in Kanäle und dann wiederum in die Spree oder Havel geleitet werden. Für das Ökosystem könnte das fatale Folgen haben. Die Entscheidung gegen Notstromaggregate sei eine wirtschaftliche: Ein totaler Blackout sei dafür zu wenig wahrscheinlich, sagt Sprecher Natz.

Zu Fuß zur nächsten Haltestelle

Ein Sturm der Stärke von „Sandy“ gilt nach meteorologischer Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes in deutschen Gefilden tatsächlich als sehr unwahrscheinlich. Dennoch, neben technischen Defekten können auch Orkane, Gewitter, Hochwasser oder Schneeeinwirkungen die Stromversorgung lahmlegen.

„Das Berliner Stromnetz ist dezentral organisiert. Die Berliner Heizkraftwerke erzeugen ein bis zwei Drittel des Hauptstadtstroms, darüber hinaus erhält die Hauptstadt Strom aus Windenergie der Küsten, von Leitungen aus dem Westen, sowie von großen Kraftwerken in der Lausitz“, sagt Hannes Hönemann, Sprecher von Vattenfall in Berlin. Sollte einer der Stromzulieferer der Hauptstadt, wie zum Beispiel die wetteranfälligeren Hochleitungen, ausfallen, würde eine andere Quelle nahezu nahtlos den Stromzufluss regulieren. „Größere Ausfälle sind sehr unwahrscheinlich“, so Hönemann. 95 Prozent des Berliner Stromnetzes verlaufen überdies – anders als in New York und vielen anderen US-Bundesstaaten – unterirdisch. Generell nicht auszuschließen seien allerdings Störungen des deutschlandweiten Höchstspannungsnetzes, auf die mit Sicherheitsabschaltungen zu reagieren sei. Mithilfe der Berliner Kraftwerke wäre eine Wiederinbetriebnahme allerdings auch in diesem Fall sehr rasch sehr wahrscheinlich, versichert die Senatsverwaltung für Inneres und Sport.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) blickt man einem möglichen Blackout gelassen entgegen. „Die Züge bleiben dann halt stehen“, sagt die Sprecherin Petra Reetz. „Unser Personal würde sich über das digitale Funknetz verständigen, Kontakt zu den Fahrgästen aufnehmen und diese dann zu Fuß zum nächsten Bahnhof führen.“ Ein Notstromaggregat sorge für ein „lila Licht“, das den Weg zum nächsten Ausgang weise. „Bei einem totalen Stromausfall muss man ja weder Stromschlag noch die Kollision mit einer anderen Bahn fürchten“, sagt Reetz. Eine mögliche Panik der Fahrgäste ist damit aber noch nicht ausgeschlossen.