Naturkatastrophe

„Himmel und Erde in Bewegung“

Erst wütete der Himmel und der abgeknickte Kran 75 Stockwerke über der 59. Straße deutete wie ein drohend wackelnder Zeigefinger in den Abgrund. Dann, als die Nacht kam, tobte das Meer, flutete Lower Manhattan, Ground Zero, die Autotunnel, sieben U-Bahn-Tunnel – und machte Manhattan zur schrumpfenden Insel: Das Meer holte sich zurück, was seines ist.

Es ist wie bei „Katrina“ 2005 – der Jahrhundertsturm verschont die Stadt, erst die Flutwelle versenkt sie.

Es ist ein Segen, dass Michael Bloomberg die Katastrophe cool managt wie einen Börsencrash. Nur der Zorn über die Unvernunft, den Notruf 911 mit zehntausend Anrufen in einer halben Stunde lahmzulegen, raubt dem Bürgermeister der Metropole in der Nacht beinahe die Fassung: „Bitte, bitte, bitte blockieren Sie nicht den Notruf mit Nichtigkeiten“, fleht der Mann, der es gewöhnt ist, Befehle zu geben. 911 und „9/11“ verschmelzen zur New Yorker Kennziffer. Fassungslos berichtet Bloomberg, dass die Polizei zwei Surfern Strafzettel geben musste. Coolness hat ohne Zweifel auch ihre idiotischen Seiten.

Die Winde sind höllisch

Vier Meter hoch war die Flutwelle, das Wasser steht am Tag danach 4,30 Meter über Normal. Einen Meter höher als 1960 beim Hurrikan „Donna“. Präsident Barack Obama erklärte Teile der Bundesstaaten New York und New Jersey zu Katastrophengebieten. Diesmal haben die TV-Kabelsender, die von Panikmache leben und jedes Gewitter zum Armageddon hochschreiben, weniger übertrieben, als sie ahnten. Natürlich gibt es die Schaulustigen, die mit ihren Handys in der Wall Street treibende Autos fotografieren; „storm chaser“ (Sturmjäger) stehen in Straßenschluchten mit Thermosbechern herum, schlürfen Kaffee, posieren wie Großwildjäger. Sie gehören zur Stadt wie die Broker. Das verdunkelte, stromlose Manhattan südlich der 34. Straße bei „Sandys“ Luftangriff wird die Erinnerung prägen.

Dabei brennen in dieser Nacht Häuser in Breezy Point im Stadtteil Queens nieder. Die Winde sind höllisch, die 170 Feuerwehrleute können nichts tun. Kurzgeschlossene Transformatoren im Wasser legen die Brände. Ein Umspannwerk im Osten des New Yorker Stadtteils Manhattan explodiert, ein riesiger Feuerball entsteht. Dort ist es ernst, dort gibt es keine Sturmflaneure. So wenig wie im Medical Center der New York University am East River. Als beide Notstromgeneratoren des Tisch-Hospitals am FDR Drive ausfallen, müssen 200 Patienten evakuiert werden. Über dunkle Treppen, manche aus dem 17.Stock. Zwanzig Neugeborene in (batteriegetriebenen) Brutkästen werden in Decken gewickelt und in die Nacht getragen. Es ist eine Flucht, auch sie erinnert an New Orleans. Infusionsgestänge im Taschenlampenlicht. Dutzende Ambulanzen bringen Hilflose in andere Krankenhäuser. Nicht einmal die Angehörigen können verständigt werden, die Telefonleitungen sind tot.

Mit Wasser im Bauch kann Manhattan nicht leben und funktionieren. Die abgesoffenen Autotunnel nach Queens und nach Brooklyn und die fehlenden U-Bahnen, die einhundertacht Jahre lang trocken geblieben waren, werden die Stadt auf viele Tage lähmen. Es ist nicht nur das Abpumpen der Flut, sagen Experten, die Zerstörungen durch das Salzwasser werden brutal sein und teuer. Zumindest sind sich Michael Bloomberg und der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, einig in der Not. Gewöhnlich finden die beiden wenig Gutes aneinander. Heute verhalten sie sich, wie man es von Erwachsenen erwarten kann. Zur selben Zeit fechten Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, und Lorenzo Langford, Bürgermeister der schwer überfluteten Kasinostadt Atlantic City, eine alte Fehde aus. Christie hatte Evakuierung verlangt, Langford ließ angeblich Hunderte, die nicht gehen wollten, zurück. Sie warten am Dienstag auf Hilfe.

Noch in der Sturmnacht wirbeln die immer größeren Zahlen umher: Acht Millionen Menschen ohne Strom, 16.000 Flüge storniert, Schätzungen des Sachschadens bis zu 50 Milliarden Dollar. „Sandy“ sei einer der „zehn bis 15 zerstörerischsten Stürme“ in der US-Geschichte, schätzte das auf Risikoanalysen spezialisierte Unternehmen Eqecat. Und der Sturm forderte Tote. Achtzehn sollen es allein in New York sein, hieß es am Dienstagabend, mindestens 43 sind es in den USA und Kanada. Unter ihnen sind zwei Kinder, die beim Spielen zu Hause starben, als ein Baum durchs Dach des Hauses im Landkreis Westchester schlug. Im Stadtteil Queens fiel ein Ast durch das Dach eines Holzhauses und tötete einen 29-Jährigen. Eine 42-jährige Frau stirbt, als ein Nachbau des historischen Dreimasters „Bounty“ vor North Carolina sinkt, nach dem vermissten Kapitän wird gesucht. 18 zu viel, 43 zu viel – und die Zahl wird steigen.

New Yorks Lower Manhattan ist übel dran. Anderswo ist es schlimmer: Was in den Appalachen West Virginias geschehen ist, wo ein Blizzard herbstbunte Wälder unter 30 Zentimeter Schnee begraben hat, weiß noch niemand genau. Auch an der Küste New Jerseys wird die Opferzahl steigen.

Viel wird von FEMAs Hilfe abhängen, dem Katastrophenschutz des Bundes. Während „Katrina“ stieg die Behörde, die unter der Aufsicht GeorgeW. Bushs zu spät eingriff und verhängnisvolle Fehler beging, zur meistgehassten Organisation der Regierung auf. Diesmal muss FEMA sich beweisen, so wie US-Präsident Obama es jetzt muss.

76 Schutzräume eingerichtet

Als Michael Bloomberg am Dienstag gegen elf Uhr vor seine Stadt tritt, diesmal im Anzug, nicht in Hemdsärmeln wie in der Nacht, hat er wenig Gutes zu versprechen. „Das war ein zerstörerischer Sturm. Vielleicht der schlimmste, den wir je hatten“, sagte der Bürgermeister. „Das Gesicht unserer Stadt ist verändert.“ In Breezy Point seien 80 Häuser niedergebrannt, sagt der Bürgermeister; die Feuerwehr habe den Brand inzwischen unter Kontrolle. Rund 60 Menschen strandeten auf einer kleinen Insel vor New York. Sie hatten sich nicht an den Evakuierungsbefehl gehalten. Die Stadt biete 76 Schutzräume für Bedürftige, sie würden so lange offen bleiben, wie sie gebraucht würden. Bloomberg verspricht, „Himmel und Erde“ in Bewegung zu setzen, um die Stadt in die Normalität zu führen. Unmittelbar nach dem Sturm hätten sich schon Tausende Helfer ans Aufräumen gemacht.

Doch Bloomberg wirbt auch um Geduld. Es werde Tage dauern, bis der Strom wieder fließe – mehr als 750.000 New Yorker sind ohne Strom, vielleicht eine Woche oder länger.

Es wird einige Zeit dauern, bis die U-Bahn-Schächte unter den Flüssen leer gepumpt seien. Immerhin: „Auf ein paar Linien werden einige Busse verkehren, und morgen wollen wir wieder planmäßig fahren, allerdings wie an einem Sonnabend“, sagte Bloomberg am Abend. Die Flughäfen seien noch geschlossen, weil Wasser auf den Landebahnen steht und die Flugsicherungstechnik möglicherweise beschädigt sei. Das Dampfheizungssystem der Stadt sei ebenfalls abgeschaltet worden; das bedeutet: auf unbestimmte Zeit keine Heizung für Zehntausende. Bloomberg spricht ruhig, fast monoton. Nicht unähnlich Rudy Giuliani an „9/11“. So will man geführt werden, wenn man in der Not Führung sucht. Präsident Obama bezeichnete die Folgen des Sturms als „herzzerreißend“. Er will am Mittwoch nach New Jersey reisen, um sich ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet zu machen.

„Sandy“ bringt auch Kälte

Hurrikane haben meist einen einzigen Trost: Wärme. „Sandy“, der sich mit einem arktischen Nor’easter verbrüderte – einem großflächigen Sturm, dessen Winde aus nordöstlicher Richtung kommen –, bringt Kälte. Gefühlt um null Grad Celsius. Die erste Nacht, in der der Sturm wütet, ist nicht die schlimmste. Denn dann hofft und kämpft man noch. Es ist der verfluchte Alltag danach, der deprimiert. Die Tage, wenn nur Geduld und Gleichmut weiterhelfen. Keine Eigenschaften, die den New Yorkern nachgesagt werden.