Sicherheit

Deutschland schlecht für Katastrophen gerüstet

Einen so verheerenden Tropensturm wie „Sandy“ wird es in Deutschland nicht geben. Natürlich nicht. Und doch ist Christoph Unger, der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, besorgt.

„Deutschland ist auf extreme Wetterlagen nur unzureichend vorbereitet“, sagte er in Berlin. So fehlt es an einem bundesweiten Warnsystem, um die Bevölkerung rechtzeitig vor den Gefahren von Stürmen, Hochwasser und besonders heftigen Schneefällen zu warnen. Auch die Bevölkerung selbst müsse sich besser auf mögliche Krisenzeiten vorbereiten. Selbstschutz und Selbsthilfe müssten gestärkt werden. Ein großes Defizit sieht der Katastrophenschützer bei Evakuierungen.

Es gehöre zum Alltag für Behörden, wegen einer Bombenräumung für ein paar Stunden einige Straßenzüge oder einen Stadtteil zu evakuieren. Aber mit großräumigen und lang andauernden Evakuierungen fehlten die Erfahrungen. Auf einer Länge von etwa 1000 Kilometern hatten sich die Menschen an der Ostküste der USA auf den Hurrikan „Sandy“ vorbereitet; das entspricht der Strecke einmal quer durch Deutschland.

Ende 2015 wollen daher die deutschen Behörden gemeinsam mit den Niederlanden und Dänemark eine große Sturmflutübung durchführen, kündigte Unger an. Es solle dann eine schwere Katastrophe von der Dimension der großen „Mandränke“ simuliert werden, bei der vor rund 650 Jahren weite Teile Nordfrieslands im Meer versanken.

Gerd Friedsam, Vizepräsident des Technischen Hilfswerks (THW), lobte allerdings die technische Ausstattung in Deutschland: „Wir haben in Deutschland ein funktionierendes System der Gefahrenabwehr“, versicherte er. Bei der Hochwasserkatastrophe im Jahr 2005 in New Orleans habe das THW genau jene Kapazitäten zur Verfügung stellen können, die dort gefehlt hätten.

Dass sich Deutschland auf mehr extreme Wetterlagen einstellen muss, belegt eine Studie des Deutschen Wetterdienstes (DWD). In den Wintermonaten wird es mehr starke Regenfälle geben. „Wir werden mit deutlich mehr Schäden durch Überschwemmungen rechnen müssen“, sagte DWD-Vizepräsident Paul Becker. Stürme von der Stärke „Kyrills“ mit Windgeschwindigkeiten von 125 Stundenkilometern und mehr treten derzeit nur alle 25 Jahre auf. Ende dieses Jahrhunderts müssen die Menschen alle fünf Jahre damit rechnen. Becker. „Das ist eine Steigerung um 500 Prozent.“

Auch mit deutlich mehr Starkniederschlägen müssen die Bewohner vieler Regionen der Studie zufolge vor allem im Winter rechnen. Besonders in den Küstengebieten könnte sich die Zahl der starken Niederschläge, bei denen mehr als 15 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden fallen, verdoppeln. Außerdem werde es deutlich wärmer: Die Zahl der Sommertage mit mindestens 25 Grad Celsius könnte sich den Berechnungen zufolge bis 2100 verdoppeln. „Fast jeder vierte Tag wäre dann ein Sommertag“, sagte Becker.