USA

Die acht Unentschlossenen

US-Präsidentenwahl: In den meisten Bundesstaaten steht das Ergebnis bereits fest. Die Kandidaten konzentrieren sich auf die anderen

Gespannt haben beide politischen Lager auf die Zahl des Tages gewartet. Als sie um 8.30 Uhr (Ortszeit) dann über die Ticker lief, brach weder bei den Demokraten noch den Republikanern Jubel aus. Die US-Wirtschaft hat im dritten Quartal zwar an Schwung gewonnen, die Wirtschaft wuchs zwischen Juni und September im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent, meldete das Handelsministerium. Im Vorquartal hatte das Bruttoinlandsprodukt nur um 1,3 Prozent zugelegt. Also eine positive Nachricht für Präsident Barack Obama.

Das höhere Wachstum dürfte dem um seine Wiederwahl kämpfenden Präsidenten aber kaum Rückenwind geben. Denn Experten halten ein Plus von mindestens 2,5 Prozent über mehrere Quartale hinweg für notwendig, um die Arbeitslosigkeit in den USA spürbar zu drücken. Es reicht also erst einmal nicht. Das ist die positive Nachricht für Obamas republikanischen Herausforderer Mitt Romney.

Die dümpelnde Wirtschaft und die damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit sind die wichtigsten Themen im Wahlkampf um das Weiße Haus. Sollte die Wirtschaft kurz vor den Wahlen wieder besser laufen, so die Hoffnung Obamas, könnte dies bisher unentschlossene Wähler dazu veranlassen, ihr Kreuz bei ihm zu machen. Sollte die Konjunktur weiter lahmen, spielt dies dagegen Herausforderer Romney in die Hände. Der republikanische Herausforderer macht Obama für das schwache Wachstum verantwortlich, gegen das die USA seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 kämpfen. Obama hält dagegen, ein schweres Erbe von Amtsvorgänger George W. Bush, einem Republikaner, übernommen und zuletzt Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben.

Die schlechte Wirtschaftslage ist dennoch der schwache Punkt des US-Präsidenten im Wahlkampf. Derzeit sind 23 Millionen Amerikaner ohne Job. Das sind etwa 4,5 Millionen mehr als vor Beginn der Rezessionsjahre 2007 bis 2009. Zwar sank die Arbeitslosenquote zuletzt von 8,1 auf 7,8 Prozent und damit unter die psychologisch wichtige Marke von acht Prozent. Aber noch nie wurde ein Präsident wiedergewählt, dessen Arbeitslosenquote über 7,2 Prozent lag. Und über die wahre Lage der Menschen sagt die Quote auch nur bedingt etwas aus. denn in den USA gilt schon als beschäftigt, wer auch nur wenige Stunden in der Woche arbeitet.

Zwangsversteigerungen in Florida

In vielen Bundesstaaten war das Rennen ohnehin schon lange vor den Wachstumszahlen entschieden. Zu klar sind die Mehrheitsverhältnisse, zum Beispiel in Texas für Romney und in Kalifornien für Obama. Nun entscheidet sich in den acht Schlüsselstaaten, den sogenannten Swing States, welcher der beiden Kandidaten ins Weiße Haus einzieht. Dort ist der Wahlausgang noch offen. In der Hälfte dieser Bundesstaaten läuft die Wirtschaft besser als im Rest des Landes – was Obama entscheidende Stimmen einbringen könnte.

Florida, der größte Swing State mit 29 Wahlmännern, könnte wegen der schlechten Wirtschaftslage an Romney gehen. Nirgendwo sonst in den USA werden mehr Immobilien, gemessen an allen Eigenheimen, zwangsweise verkauft. Für eine Erholung der schwachen Konjunktur müsste die Bauindustrie wieder mehr zu tun bekommen, doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Arbeitslosenquote liegt mit 8,7 Prozent deutlich über dem landesweiten Schnitt.

In Nevada sieht es noch schlimmer aus. Im östlichen Nachbarstaat Kaliforniens sind 11,8 Prozent aller Einwohner ohne Job, so viele wir nirgends sonst in den USA. Der „Sand State“ ächzt wie Florida immer noch unter der Immobilienkrise. In den Swing States Iowa und Wisconsin liegt die Arbeitslosigkeit zwar unter dem Landesdurchschnitt, aber in beiden Ländern sanken die Einkommen. Die Zahl der Arbeitsplätze nimmt zu, allerdings nicht mehr so stark wie ein Quartal zuvor. Aus Wisconsin stammt zudem der Vizepräsidentschaftskandidat der Republikaner, Paul Ryan, was den Konservativen entscheidende Stimmen bringen könnte. Neben Florida könnten deshalb auch Nevada, Iowa und Wisconsin für Romney stimmen.

Wachstum in Virginia

Die anderen vier Swing States dürften dagegen zu Obama tendieren, wenn die Wähler ihre Stimme von der Wirtschaftslage abhängig machen. Denn in ihren Staaten läuft die Wirtschaft besser als im Rest des Landes. In Virginia beträgt die Arbeitslosenquote gerade einmal 5,9 Prozent, Einkommen und Zahl der Arbeitsplätze wachsen schneller als im Durchschnitt der USA. Gleiches gilt für New Hampshire, wo die Arbeitslosenquote mit 5,7 Prozent sogar noch ein wenig niedriger ist. In Colorado sind zwar genauso viele Menschen auf Jobsuche wie im Rest des Landes, aber auf dem Häusermarkt bewegt sich nach Jahren wieder etwas. Und auch die Industrieproduktion zieht an. Außerdem wurden in Colorado weniger Regierungsangestellte entlassen als in anderen Staaten.

Eine regelrechte Schlacht liefern sich Obama und Romney um Ohio, hier konzentrieren sie ihre letzten Wahlkampfauftritte, hier schalten sie einen TV-Werbespot nach dem anderen. Nicht ohne Grund: Wahlexperten zufolge könnte sich in Ohio die gesamte Wahl entscheiden. 18 Wahlmänner gibt es dort zu holen.

Das Durchschnittseinkommen in Ohio fiel zwischen 2008 und 2011 stärker als in vielen anderen US-Staaten. Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Arbeiters in Ohio beträgt heute rund 45.000 Dollar (35.000 Euro) – rund 4000 Dollar weniger als noch 2008. Damit hat sich der Abstand zum Durchschnittseinkommen eines US-Arbeitnehmers von 3500 auf 5000 Doller erhöht. Aber: „Ohios Wirtschaft hat zuletzt an Fahrt aufgenommen“, schreibt das Wirtschaftsforschungsinstitut IHS. Die Rettung der Automobilindustrie hat der Industrie geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Außerdem profitiert Ohio vom neuen Gasboom. Die Arbeitslosenquote betrug im September sieben Prozent, deutlich weniger als im US-Schnitt.

Das sind gute Nachrichten für die Menschen in Ohio, jedoch schlechte für Romney: Wenn Ohio zusammen mit New Hampshire, Virginia, und Colorado an Obama gehen sollten, würde Obama 44 zusätzliche Wahlmänner für sich verbuchen können – der Sieg wäre ihm dann nicht mehr zu nehmen.