Bildung

Wenn frustrierte Pädagogen über ihren Alltag bloggen

Sie nennen sich Frau Freitag, Fräulein Rot oder Fräulein Krise. Am Tag unterrichten sie als Lehrerinnen an deutschen Schulen. Abends schreiben sie dann ihre Erfahrungen auf und stellen sie ins Netz.

Oder schreiben einfach mal so einen Bestseller. Es ist eine verkehrte Welt: Im Klassenzimmer hört den Lehrern kaum ein Kind zu. Aber draußen in der Erwachsenenwelt scheint die Zuhörer- und Leserschaft süchtig zu sein nach den abenteuerlichen Katastrophen in den Klassenzimmern und Schulhöfen.

Das Phänomen der bloggenden Lehrer ist relativ neu. Seit einigen Jahren erst etabliert sich in Deutschland durch Figuren wie Frau Freitag ein komplett neues Literaturgenre: der Antibildungsroman. In Büchern und Blogs erzählen Lehrer unter echtem oder falschem Namen vom Bildungsnotstand in den Schulen. Blogs wie „Kreide fressen“ oder „Frau Ella wird Lehrerin“ und Bücher wie „Chill mal, Frau Freitag“ oder „Lebenslänglich Pausenhof“ sind überaus beliebt.

Skurril, brutal, witzig

Mit ihren skurrilen, brutalen, humoristischen und oft leider auch sehr traurigen Anekdoten verschaffen sich Lehrer ein noch nie da gewesenes Gehör in der Öffentlichkeit. Das hat einerseits damit zu tun, dass durch immer einfachere Erstellung von Blogs sich jeder sein eigenes Sprachrohr basteln kann, andererseits verkaufen sich Bücher mit leicht lesbaren Alltagsgeschichten mittlerweile besser als trockene Sachbücher oder schwere Romane. Und die Lehrer-Episoden gehören dabei zu den absatztauglichsten.

Einer der ersten bloggenden Lehrer war Thomas Rau. Das ist sein echter Name. Seit 2004 schreibt er auf seiner Seite „Lehrerzimmer“ über den Alltag als Lehrer an einem bayerischen Gymnasium. Seither hat sich die Zahl solcher themenspezifischer Lehrer-Blogs multipliziert. Rund 50 bis 60 davon gibt es heute im Netz. Die Lehrer schreiben ihre öffentlichen Blogs aus unterschiedlichen Motiven: Viele wollen sich dadurch den alltäglichen Frust von der Seele schreiben, andere Tipps für den Lehrerberuf geben, wieder andere die Misere des deutschen Bildungssystems anprangern. Eine Überzahl der bloggenden und schreibenden Lehrer unterrichtet in großstädtischen Brennpunktschulen, also dort, wo das Chaos am größten ist.

Da der Unmut über die Zustände an den Berliner Schulen offenbar so groß ist, hat die Initiative „Bildet Berlin“ eine Internetseite eingerichtet. Auf der „Heißen Kiste“ können Lehrer oder Eltern Missstände an ihren Schulen melden und diskutieren. Die Chefin der Lehrergewerkschaft, Sigrid Baumgardt, hofft, damit auch einen Kanal für Lehrer geschaffen zu haben, die keinen Blog haben und sich trotzdem mit ihren Erfahrungen in den öffentlichen Diskurs einbringen wollen. Eine Alternative zum Brandbrief, sozusagen.