US-Wahlkampf

Bis einer heult

Zweites TV-Duell: Nach Obamas lustlosem Auftritt im ersten Streitgespräch attackiert er nun seinen Gegner Romney, der diesmal patzt

– Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney haben in einem hitzigen, zeitweise die Grenze zur Unhöflichkeit verletzenden TV-Duell ihre Anhänger begeistert, ohne einen klaren Sieger ermitteln zu können. Es wird Tage dauern, um in Umfragen die bei der Wahl am 6. November entscheidende Wirkung auf noch beeinflussbare Wähler zu ermitteln. Das Gallup-Institut hatte 82 dieser Wähler aus dem Staat New York in die Hofstra University auf Long Island eingeladen, um die Kandidaten zu befragen. Schnellumfragen von CNN und CBS ermittelten nach der Debatte Obama als Sieger mit 37 zu 30 Prozent (CBS) und 46 zu 39 Prozent (CNN). Prominente konservative Kommentatoren wie George Will und Charles Krauthammer sprachen dem Präsidenten einen Sieg nach Punkten zu. Das dritte und letzte TV-Duell von Obama und Romney wird am 22. Oktober in Florida im Zeichen der Außenpolitik stehen.

Präsident Barack Obama war von der der ersten Minute an nicht als der Mann wiederzuerkennen, der beim ersten Streitgespräch am 3. Oktober kampflos aufgegeben hatte. Laut Umfragen kostete ihn dieser rätselhaft lustlose Auftritt seinen Vorsprung in der Wählergunst; er liegt heute gleichauf mit Mitt Romney. Obama musste punkten. Und er tat es mit dem einzigen Treffer, der einem Niederschlag gleichkam: Als der Präsident den Republikaner im Zusammenhang mit dem Anschlag in Bengasi der Unwahrheit überführte: Romney hatte behauptet, der Präsident habe am Tag danach nicht von einem Terrorakt gesprochen. Obama wehrte sich, und ein Verweis der Moderatorin auf das Transkript gab ihm recht: „Keine Terrorakte werden die Entschlossenheit dieses Landes je erschüttern“, hatte Obama im Rosengarten gesagt.

Applaus für den Präsidenten

Die Glaubwürdigkeit Mitt Romneys bei den folgenden Antworten war für die nächsten Minuten erheblich beschädigt. Er hatte seine Chance verspielt, die in der Tat dubiosen, häufig wechselnden Erklärungen der Regierung zu der mangelhaften Sicherheit im Konsulat von Bengasi anzugreifen. Das Publikum im Saal brach sein Schweigegelübde und applaudierte spontan dem Präsidenten.

In den meisten Wortwechseln über neunzig Minuten standen sich jedoch dreiste Behauptungen und verzerrte Tatsachen gegenüber. Körpersprache und Ton waren aufschlussreicher; bisweilen hatte man das Gefühl, nur die Kameras hielten die beiden Männer davon ab, handgreiflich oder mindestens grob beleidigend zu werden. Die Antipathie zwischen Romney und Obama wurde nicht nur in gereizten Wortwechseln, sondern in Gesten offenkundig. Zumal Mitt Romney den Präsidenten auf der Bühne verfolgte, ihm zu Leibe rückte, ihm ins Wort fiel und mehrfach herrisch mit derselben wiederholten Frage Satisfaktion verlangte: „Haben Sie sich einmal Ihre Rente angesehen … na, haben Sie? … Haben Sie?“ „Nein, habe ich nicht“, beschied der zornige Obama dem Multimillionär, „sie ist nicht so hoch wie Ihre.“

Kurz darauf unterlief Romney erneut einer seiner berüchtigten Fehler: Bei dem Thema Chancengleichheit erzählte er, wie er als Gouverneur des Bundesstaats Massachusetts Frauen in sein Kabinett aufnehmen wollte. Dabei habe er zahlreiche Dossiers über Kandidatinnen erhalten. Für die Auswahl seien bei ihm „binders full of women“ („ganze Ordner voller Frauen“) gelandet, sagte der fünffache Familienvater Romney.

Die missratene Formulierung wurde zu einem sofortigen Hit im Internet. Manche Nutzer sprachen von Macho-Gehabe. Innerhalb weniger Stunden waren die „Ordner“ das am dritthäufigsten gesuchte Thema auf Google. Postwendend fanden erste Parodien eines Frauen in Aktenordner steckenden Romney ihren Weg in die sozialen Netzwerke von Facebook und Twitter.

Unterdessen gingen die beiden Herren fast schon körperlich gegeneinander vor: Sie streckten ihre Zeigefinger in des anderen Gesicht und funkelten einander zornig an. Einmal musste Mitt Romney, der dem Präsidenten zu nahe auf den Leib rückte, von der CNN-Moderatorin Candy Crowley aufgefordert werden, zu seinem Hocker zurückzukehren. Die zwischen den beiden Teams vor Wochen detailliert ausgehandelten Regeln hatten direkte Fragen aneinander verboten. Mitt Romney, der in der ersten Debatte den schwachen Moderator Jim Lehrer sofort entmachtet und die „Gesprächsleitung“ gegen den lustlosen Obama nicht mehr abgegeben hatte, fand diesmal Widerstand von Obama und Crowley.

Obama wie Romney sind erfahren genug, routiniert die Politikersünde zu begehen, direkte Fragen der Wähler nicht zu beantworten. Beide korrigierten einander ständig noch einmal, als die nächste Frage schon ein neues Thema vorgab. Beide beklagten sich, nicht so viel Zeit zu bekommen wie ihr Gegner. (Am Ende hatte der Präsident vier Minuten länger gesprochen.) Man kennt diese Mätzchen. Was begehrten die Wähler von Obama und Romney zu wissen? Ein Student fragte nach seinen Berufschancen auf einem schwierigen Arbeitsmarkt; eine Latina wollte wissen, wie beide zu den zwölf Millionen (illegalen) Einwandern im Land stehen; ein Mann wollte wissen, was der nächste Präsident gegen den zu hohen Benzinpreis zu tun gedenke; eine Frau beklagte ungleichen Lohn für dieselbe Arbeit wie Männer; eine andere fragte, wie die Herren es mit dem Recht, Waffen zu tragen, hielten.

Barack Obama hatte Gesetze und seine Prioritäten zu verteidigen oder von Republikanern im Kongress verhinderte Initiativen zu kritisieren. Mitt Romney nutzte geschickt fast jede der zehn Fragen, um seine Hauptbotschaft – er senkt Steuern für alle und schafft Arbeitsplätze – abermals loszuwerden. Niemand kann mit dem Zustand der US-Wirtschaft und der schwachen Erholung auf dem Arbeitsmarkt zufrieden sein. Barack Obama weiß das. Der Präsident hatte deshalb seine besten Momente, als er sein Engagement für die Rechte der Frauen, im Berufs- wie Privatleben, und für die jungen Einwanderer („Dream Act“) hervorhob.

Romney klagt über Angriffe

In seinem Schlusswort beschwerte sich Romney etwas säuerlich, dass er seit Monaten persönliche Angriffe Barack Obamas erdulden müsse. Obama nutzte seine letzten zwei Minuten, an die berüchtigte „47 Prozent“-Rede Mitt Romneys vor steinreichen Spendern zu erinnern. All die von Romney damals als Sozialschmarotzer denunzierten Veteranen, Rentner, Studenten, Soldaten hätten einen Präsidenten verdient, der für sie kämpfe. Es blieb Barack Obamas letztes, unwidersprochenes Wort an diesem Abend. Er hatte bei seinem Bewerbungsgespräch gepunktet; eine zwingende Vision für die nächsten vier Jahre bot er nicht.