Wahlkampf

Swing in den Mini-USA

US-Wahl: Die Präsidentschaftswahl wird in zehn Schlüssel-Staaten entschieden. Der umkämpfteste dieser „Swing-States“ ist Ohio – Ein Besuch

Earl Ross (38) klopft Hühnchenfilets burgertauglich weich und erklärt dabei sein Wunder von Ohio. Als das Karosseriewerk von General Motors in Lordstown vor seiner Bar 2008 von drei Schichten auf eine herabstufte und im November schloss, musste er seine Leute entlassen. „Ross’ Eatery & Pub“, ein einfacher Bau im Bungalowstil, lag an der Route45, keine 300 Meter vom Werksausgang der General Motor Assembly, wie ein Stück Vene am Tropf, und das Geschäft lag im Sterben. Dann, im Februar 2009, erlöste Präsident Obamas „Bail-out“ (Rettungsschirm) für die US-Automobilindustrie nicht nur Millionen Arbeiter, sondern auch Earl Ross.

Die Infusion fließt und nährt alle. Der Chevy Cruze aus dem Lordstown-Werk ist der bestverkaufte US-Kompaktwagen. „Ross’“ ist dreimal am Tag und bis in die Nacht Heimat für die Schichtarbeiter. Sie erzählen Angie an der Bar von ihren Liebschaften, Träumen, Feindschaften und Krankheiten. „Es läuft gut“, sagt Earl Ross. Er hat heute 20 Angestellte, er hat geheiratet und ein Haus mit Pool; Kinder sollen kommen: Ross wagt sich zurück in den amerikanischen Traum. In fünf Jahren kann er schuldenfrei sein. „Wir sind alle dankbar für den Bail-out.“ Seine Klientel wählt aber auch die Republikaner. Der Boss von „Ross’“ duldet keine Wahlpropaganda im Geschäft. Barack Obama und Mitt Romney reißen sich um Earl Ross’ Stimme. Denn wie eine der ewigen Wahrheiten in der US-Politik weissagt: „Wie Ohio wählt, so wählt die Nation.“

Eingang zum Königreich

Kein Republikaner ist je Präsident geworden, ohne Ohio zu gewinnen. Der Staat ist eine Spiegelung der USA in Miniatur, demografisch (83 Prozent weiß, leicht über dem US-Durchschnitt), in der Bildung mit 51 Prozent Highschool-Absolventen ohne College, sie sind nach der Definition der Soziologen Amerikas Arbeiterklasse, euphemistisch befördernd „middle class“ genannt. Ohio ist der erste unter zehn Schlüsselstaaten, deren Wahlloyalität schwankt und die daher umso leidenschaftlicher umworben werden. Die Wähler ertrinken in der Wahlspotflut und hassen sie früher als irgendwo in den USA; Obama und Romney geben sich die Klinke in die Hand. Mehr als 15 Mal hat der Präsident in diesem Jahr Ohio besucht, Mitt Romney kommt auf mehr als 20 Mal. Dort steht knapp die Hälfte der weißen Arbeiter hinter ihm; 37 Prozent der Bürger glauben nicht, dass Obama in Amerika geboren ist. Der Unsinn hilft Romney, doch er braucht 60 Prozent, um die Schwarzen und Latinos, die überwiegend Obama zuneigen, auszugleichen. Dessen Vorsprung, vor seinem Debattendesaster zwischen fünf und zehn Punkten, ist auf kaum zwei Punkte gefallen. Im Wahlkampf 2004 entschied Ohio die Wahl gegen John Kerry für George W. Bush äußerst knapp. Der Staat ist mehr als ein Mikrokosmos, er ist ein Mythos: der Drachen, den der Held besiegen muss, um das Königreich zu gewinnen.

Nichts liegt ferner als Königsdramen in den Siedlungen schmucker, weiß getünchter Häuser unter herbstbunten Bäumen in Lordstown. Die Hamburger von „Ross’“ sind billig, die Biere vom Fass kalt; die jungen Leute von Lordstown (3700 Einwohner) sind gelangweilt und ziehen weg, sobald sie können. Aber wohin? In 82 von 88 Kreisen Ohios werden Autos oder Autoteile gefertigt, jeder achte Job im Staat ist von der Industrie abhängig: Es ist noch nicht leicht, der Branche zu entkommen, die unter den Jungen aller Industrieländer immer weniger zum Traum von Freiheit und Wohlstand zählt. Die Leute von Lordstown sagen, sie leben im „Valley“. Dem Mahoning-Tal, das sich vom Nordwesten Pennsylvanias bis zum Nordosten Ohios erstreckt. Das Wetter ist verlässlich lausig. Eine Studie der Columbia Business School kam in diesem Mai zu dem Ergebnis, dass GM Assembly Lordstown mit seinen 4500 Beschäftigten unter 64 US-Automobilstandorten mit elf Prozent Produktionsausfall wegen schlechter Witterung pro Jahr der ungünstigste von allen US-Standorten sei. Gott sei Dank lesen die Leute im Valley selten Studien. Das Leben ist dafür zu hart und zu kurz.

Das wissen die Gewerkschafter der United Automobile Workers Union (UAW) besser als andere. Im Valley haben sie, die über Jahrzehnte hilflos die Demontage ihrer Macht erlebten, noch eine Menge zu sagen. Der Präsident von Local 1714, Dave Green, empfängt in einem großzügigen Backsteinkomplex mit eigener Versammlungshalle, keine fünf Autominuten von „Ross’ Pub“ entfernt. Tags zuvor hat Green die letzten Wahlregistrierungen seiner 1500 Mitglieder eingesammelt; es war die letzte Chance, um sich anzumelden. Für seine Leute und für Barack Obama macht er viel: Er ist Seelsorger, Jobvermittler, Ehestreitschlichter und Seher wie einst Arzt oder Pfarrer im Dorf.

Green, Mitte 40, hat einen Magister in Politik und kann zu Gebildeten so überzeugend sprechen wie zu Hilfsarbeitern. Er erklärt, wie das Eingreifen des Präsidenten nicht nur General Motors, sondern auch die 137 Milliarden Dollar in Pensionsansprüchen rettete. Green begreift nicht, wie ein Mitglied der UAW Romney wählen kann: „Dies sind nicht die Republikaner unserer Väter.“ Die Partei werde heute auf die extreme Rechte getrieben von Ideologen der Tea Party, für die Gewerkschaften Teufelswerk seien. Green ist stolz auf den Chevy Cruze, auf seine 2300 Teile und 350 Zulieferer. Zahlen, die nach Macht klingen. Endlich sei GM der Konkurrenz wie Toyota einmal voraus.

Romneys Gratwanderung

„Wir werden gewinnen!“, sagt er ohne Zögern, die Wahlen wie den Wettbewerb in der Autoindustrie. Im August hat Vizepräsident Joe Biden in der Local-1714-Halle gesprochen. Das Plakat mit der Aufschrift „Thanks for saving our jobs – Obama/Biden“ hing seit 2009. Das Wunder von Ohio, das die Arbeitslosenquote im Staat auf 7,2 drückte (sie liegt einen halben Prozentpunkt unter dem Bundesdurchschnitt), hat Dave Green und seine Art zu leben gerettet.

Vom Gewerkschaftshaus der Local UAW 1714 zu den Wiesen des Lordstown Common samt ihrer Konzertlaube sind es keine zwei Meilen. Dort versammeln sich an einem zugig kalten Nachmittag republikanische Getreue, um Chris Christie zu hören. Der Gouverneur von New Jersey pflegt einen hemdsärmligen, volksnahen Stil, ähnlich den Populisten Amerikas in den 30er-Jahren. Christie hat sich verspätet, seine Anhänger, dem Anschein nach keiner unter 70, frieren und murmeln notgedrungen Rodney Adkins Countryrock-Hymne „It’s America“ vor sich hin.

Angela, die 34 Jahre bei GM gearbeitet hat und seit fünf Jahren in Betriebsrente ist, sagt, sie würde am liebsten Christie wählen, Romney sei elitär. Nicht ihr Typ. Egal, Obama, der Sozialist, müsse weg. Wie steht es mit Obamas Freikauf der Autoindustrie, die ihre Rente rettete? „War gut für mich. Wenn ich aber jemand anders außerhalb von GM wäre, würde ich das nicht gut finden. Ich verstehe, dass die Leute zornig darüber sind.“

Christie erwärmt das Publikum mit der Warnung, der Wahlkampf werde nach Obamas Debattenniederlage von den Demokraten noch hässlicher und verlogener geführt gegen kompromissbereite Republikaner. Die 100 Zuhörer glauben es gern. Die Wahrheit werde ans Licht kommen: „Wir sind es, die die Wahrheit sagen.“ Christie fordert die Leute auf, von Tür zu Tür zu gehen, um für Romney zu werben, Freunde anzurufen, nicht zu ruhen: „Politik ist kein Zuschauersport.“ Nach 15 Minuten schüttelt Christie Hände und posiert für Fotos. „Ich werde Mitt Romney heute Abend von euch erzählen; er wird dankbar sein.“ Oder wird er sagen, es seien verdammt wenig Leute da gewesen?

Eine komplizierte Botschaft nennt John Green, Professor und Leiter des politikwissenschaftlichen Bliss-Instituts an der Akron University, den Balanceakt Romneys in Ohio. Einerseits muss er Wählern, die schlechte Zeiten überlebt haben, erzählen, die Dinge liefen trotz der Fortschritte ruinös für sie unter Obama. Andererseits kann er ihre Leistung, wieder auf eigene Füße zu kommen, nicht schmälern. Die günstigeren Umfragen für Romney nach seiner starken TV-Debatte erklärt John Green mit schlichter Überraschung: Das Team Obama habe Romney so lange als rechtsextreme Karikatur gezeichnet, dass der gemäßigte Konservative, der Obama gegenübertrat, umso überzeugender gewirkt habe. Die Leute von Ohio, auch die Konservativen, seien pragmatisch, erklärt John Green. Eine Prognose wagt er allerdings nicht: „Es wird knapp werden.“

Eben das kann Sherry Gaunt nicht fassen. Sie ist 52, schwarz, alleinerziehende Mutter erwachsener Kinder, religiös, UAW-Funktionärin. Sie arbeitet als Materialfahrerin im GM-Werk in der Nachtschicht und ist eine starke Frau: „Der Staat kann den Bürgern nicht vorschreiben, wen sie lieben dürfen und wie sie mit ihrem Körper umzugehen haben.“ In ihrer Familie gebe es Schwule, Arme, „Romneys 47 Prozent Schmarotzer“, die Sozialhilfe beziehen. Sie wisse, wie schnell man bedürftig werde. Und es sei klar, dass nur Obama sich um diese Menschen kümmere. „Es gibt vieles, was ich an dieser Regierung nicht mag. Obama ist nicht mein Pastor und er ist nicht mein Vater. Aber ich stehe ganz hinter ihm.“