Berliner Spaziergang

Ihr Leben ist keine Baustelle

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Sigrid Nikutta, BVG-Chefin

Wer mit Sigrid Nikutta im kühlen U-Bahn-Tunnel unter dem Brandenburger Tor steht und eine Fahrkarte kauft, muss damit rechnen, dass sie etwas streng "Entwerten!" ruft - auch wenn sie gleich etwas leiser hinterherschickt: "Das war jetzt freundlich gemeint." Wenn der Entwerter piept, ist schon wieder alles entspannt und es kann weitergehen.

Sigrid Nikutta hat in ihren zwei Jahren als BVG-Chefin unter anderem dafür gesorgt, dass die Kontrolleure wieder Dienstkleidung tragen und nicht mehr in Zivil auftreten. Die Idee dahinter war, dass die BVG-Mitarbeiter dann auch als Service-Kräfte erkannt werden - und bei Problemen angesprochen werden. Wäre Sigrid Nikutta an diesem Tag eine von ihnen, hätte man sie auch ohne Uniform erkannt. Die 43-Jährige ist im besten Kontrolleurs-Alter, 1,68 Meter groß, ernster Blick hinter siebeneckiger randloser Brille (Stärke Minus 2). Außerdem trägt sie eine kleine gelbe Anstecknadel am Revers ihres Blazers sowie eine große grell-gelbe BVG-Tasche um die Schulter.

Als wir uns zu Beginn des Spaziergangs auf dem Baustellen-Aussichtsturm in der Nähe des Roten Rathauses begegnen, erkennt sie niemand als die Chefin eines Unternehmens, das jeden Tag über zwei Millionen Menschen befördert. Die drei Männer neben ihr blicken auf die Baustelle und diskutieren. Hier soll in sieben Jahren eine U-Bahn zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor fahren. Die Männer drehen sich erst um, als sie merken, dass diese Frau mit der gelben Tasche Worte wie "Schlitzwandgriff" flüssig in ihre Sätze einbaut, während ihre Sophie-Rois-Volksbühnen-Stimme mühelos die Pressluftgeräte übertönt.

Sie schreit: "Sehen Sie, der Bagger muss dort mit dünnen Schaufeln in die Tiefe, um diesen Beton in die Spundwände einzulassen." Spundwände? Gemeint sind die Mauern, die eine Baugrube sichern sollen. "Die müssen ja eine Menge Grundwasserdruck abhalten, danach können wir mit dem Schildvortrieb beginnen." Schildvortrieb? Sie meint ein Bauverfahren im Tunnelvortrieb. Als sie dann erzählt, dass der Boden vereist werden muss, damit die Baugrube stabil bleibe, hat sie noch mehr männliche Zuhörer, bevor sie mit einem richtigen Bauarbeiter-Satz ihren Vortrag schließt: "Vor der Hacke ist dunkel, wie man so schön sagt."

Das soll heißen, dass man nie weiß, was noch alles unter der Erde liegt. Die Eröffnung der U-Bahnstrecke sei für 2019 geplant, aber der Berliner Baugrund gilt als tückisch. Sigrid Nikutta ist nun in ihrem Element und zeigt das gleich zu Beginn des Spaziergangs. Die studierte Psychologin eignete sich in fast 20 Jahren bei der Deutschen Bahn mehr Technikwissen an, als sie für ihren Beruf damals brauchte. Deshalb will sie nun die Strecke der zukünftigen U5 ablaufen - auch dort, wo die Baustelle gerade für viel Ärger sorgt: An der U6-Strecke müssen viele Fahrgäste bis Oktober 2013 von der Französischen zur Friedrichstraße zu Fuß laufen.

Den richtigen Ton treffen

Doch zunächst kommen wir von der Baustelle nicht fort. Einer der Männer stellt sich als Bauleiter vor und besteht darauf, uns alles zu zeigen. Sigrid Nikutta stakst mit Absatzschuhen über Matschund Geröll. Der Mann hat sein Hemd bis unters Brustbein geöffnet und spricht einen schweren südlichen Dialekt. Er zeigt die Spundwände, die Grubensohlen, den Ort für die Gleiswechselanlage und beendet seine Sätze mit "Verstehste?". Sigrid Nikutta ignoriert das "Du", stellt Fachfragen.

An dieser Stelle versteht man, warum Sigrid Nikutta sich gegen 177 Bewerber um den BVG-Vorstandsvorsitz durchgesetzt hat. Es war nicht nur ihre Technik-Affinität und das selbstbewusste Auftreten. Sie kann auch hier mitreden, den richtigen Ton treffen - obwohl der Bauleiter nicht einmal zu "ihren" 13.000 BVG-lern gehört. Sigrid Nikutta ist die erste Frau an der Spitze der BVG seit deren Bestehen, einem Unternehmen, das traditionell eher Männer auf dem "Kutscherbock" gewöhnt ist. Auch weil sie sich für mehr Busfahrerinnen einsetzt, wurde sie in diesem Jahr "Managerin des Jahres". Kein Wunder, dass der BVG-Aufsichtsrat ihren Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert hat.

Der Bauleiter gibt auf dem Rundgang zu, dass er nicht wusste, wie sie aussieht. Aber er wusste, dass die Chefin heute kommen würde. "Bei der BVG bleibt so schnell nichts geheim", sagt sie. Beide lachen und der Bauleiter beschließt, ihr auch den "Partyplatz" der Baustelle zu zeigen. Der ist aus Holz, direkt an der Spree, gegenüber dem Schloßplatz. "Der Karnickelstall dort vorn ist für die Raucher?", fragt sie und zeigt auf einen Käfigbereich. "Nee, der ist zum Ausnüchtern nach den Festen", sagt er. Sie: "Warum haben Sie mich nie zu einer Feier eingeladen? Hier haben Sie meine Karte!" Der Bauleiter nickt, schaut sie an, die Karte, und als Sigrid Nikutta kurz darauf "Tschüsschen" sagt, weiß er wohl noch immer nicht, ob er die Vorstandsvorsitzende wirklich zum Bier auf die Holzbank bitten soll.

Wenn er mehr über sie erfahren möchte, muss er nur ihren Namen bei Google eingeben. Als Vorschlag für die Suche erscheint neben "BVG" das Wort "schwanger". Die Sache mit ihren Kindern ist in der Tat bei ihr speziell. Zwei Töchter hat sie, vier und zwei Jahre alt. Und zwei Söhne, acht und ein Jahr alt. Den Jüngsten bekam sie als BVG-Chefin, eine Woche nach der Geburt saß sie schon wieder in einer Vorstandssitzung und hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Manche warfen ihr vor, den Mutterschutz nicht ernst zu nehmen. Aber sie meint, dass sie sich dafür entschieden habe und ihr Mann, ein Computerfachmann, die Kinder betreue. Eines ihrer Kinder wurde kürzlich auf seine Mutter-Chefin angesprochen und sagte: "Aber zuhause ist Papa der Chef." Sie versuche, sagt sie, mindestens zwei Abende in der Woche bei ihrer Familie zu sein.

Als wir das touristische Zentrum Berlins betreten, erzählt sie, dass sie ihr Telefon-Sperrcode ständig ändern müsse ("sonst spielen meine Kinder mit meinem Handy"), was sie abends den Kindern vorliest ("Der kleine Drache Kokusnuss") und was die Kinder besser können als die Mutter ("das Hello-Kitty-Memory, für mich sehen die Bilder alle gleich aus."). Beim Marx-Engels-Denkmal klopft sie sich den Dreck von den Hosenbeinen und schaut versonnen auf die Straße. Sie sei hier schon 1988 gewesen, hatte während des Studiums einen Berliner Freund. Der habe zunächst in Kreuzberg und später in Charlottenburg gewohnt, was "auch feiermäßig" gut gewesen sei. Nach dem Mauerfall besuchte sie oft den Ostteil, das "Gastmahl des Meeres" bei der Marienkirche. "Wir haben damals in einer WG gewohnt, und gleich zu Beginn haben sie mir eine Liste mit U-Bahnhöfen gegeben, wo ich nicht aussteigen sollte, heute unglaublich, oder?"

Damit spricht sie ein Thema an, das seit Jahren den öffentlichen Verkehr in Berlin unattraktiv macht: Im vergangenen Jahr zählte man 378 Gewalttaten in Bussen und 928 Fälle in U-Bahnen. Im Sommer dieses Jahres hatte Sigrid Nikutta sich irritiert geäußert, dass von den versprochenen 200 Polizisten noch keinen auf ihren U-Bahnhöfen gesehen habe. Sie hat aber durchgesetzt, dass es inzwischen in allen 173 Haltestellen Überwachungskameras gibt. Wenn dort etwas passiert, wird auch die BVG-Chefin informiert, je nach Schwere der Tat per E-Mail, SMS oder Anruf. Als Torben P. am 23. April 2011 morgens um 3.30 Uhr im U-Bahnhof Friedrichstraße auf sein Opfer eintrat, kam ein Anruf. Das inzwischen berühmte Überwachungsvideo hat sie erst später gesehen. Das bekam zunächst die Polizei. Nikutta sagt: "Man muss schon bescheuert sein, um heute noch in der U-Bahn etwas anzustellen."

Für die Sicherheit der Busfahrer hat sie in die Fahrzeuge "Hinterohrscheiben" einbauen lassen. Die Busfahrer gehören, das merkt man ihr beim Spaziergang an, zu ihren Lieblingsthemen. So habe sie es sich angewöhnt, in jede Busfahrerscheibe zu sehen. So auch jetzt Unter den Linden. Wenn sie den Fahrer oder die Fahrerin erkennt, winkt sie - und manchmal winken sie zurück. Sie kneift die Augen zusammen, aber wegen der Spiegelung kann sie nicht auf den Fahrersitz blicken. "Ich bewundere ja die Busfahrer hier", sagt sie, "wie sie sich hinter Touristenfahrrädern durch eine enge Mehrzweckspur quälen müssen." Manchmal gehe das nur im Schritttempo. "Und dann noch die Fahrgäste, die sich völlig zu Recht aufregen."

Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit hat sie sich zudem für die Busfahrer stark gemacht. Innerhalb von zwei Jahren hatten sechs Busse gebrannt - und die noch neue BVG-Chefin geriet in die Defensive. Sie kündigte dem Buschef fristlos und ordnete eine konsequente Wartung der Fahrzeuge an. Gebrannt hat seitdem keiner mehr.

Im Vorbeigehen schaut sie auf den Boden: "Oh! Ein Glückspfennig!" Sie nimmt das Cent-Stück in die Hand, inspiziert es noch einmal genau und steckt es lächelnd ins Portemonnaie. Bei rund 314.000 Euro Jahresgehalt mehr eine Geste, aber eine, die zeigt, dass sie fast manisch auf Details in ihrer Umgebung achtet. In vielen Zeitungen stehen letztlich auch deshalb neben ihrem Bild oft: Powerfrau, Steuerfrau, Herrin der U-Bahn. Sie mag solche Überhöhungen weniger, am liebsten wäre ihr mehr Selbstverständlichkeit. Ja, eine Frau kann einen solchen Job machen. Punkt.

"Die große Meisterin!"

Familie und Arbeit zu vereinen, findet sie jedenfalls nicht schwierig und ist es auch leid, das ständig zu wiederholen. Früher habe sie erlebt, dass Sitzungen extra am Abend geplant wurden. "Das war wie ein Test", sagt sie. Wäre sie zu diesen Treffen aus privaten Gründen nicht erschienen, hätte es geheißen: "Vielen Dank, aber den nächsten Karriereschritt dann ohne die Dame." Das sei schon auch brutal gewesen, aber sie habe sich nichts anmerken lassen. Auch nicht, als ihr einmal im Kollegenkreis eine "erfrischend weibliche Note" attestiert wurde. "Ich weiß nicht, was eine weibliche Note sein soll", sagt sie, "aber ich finde, man muss auch über solchen Dingen stehen können."

Wir haben nun die Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße erreicht. Dort laufen sie, die Menschen, die eigentlich in der U6 sitzen sollten. 550 Meter müssen sie wegen der U5-Baustelle zwischen den Stationen Französische und Friedrichstraße zu Fuß zurücklegen, denn die neue Linie quert die alte Trasse. Es gibt einen Ersatzbus, Linie 147, aber die meisten BVG-Kunden laufen. Sigrid Nikutta schaut ihnen prüfend ins Gesicht. "Sie können mir ja eine selektive Wahrnehmung unterstellen", sagt sie, "aber ich finde, die schauen nicht gestresst." Nunja, es regnet nicht. Aber selbst wenn sie jetzt einer ansprechen würde, könnte sie auf einen Satz zurückgreifen, den sie schon beim Blick über die Baustelle am Anfang des Spaziergangs sagte: "Wir bauen hier schließlich für die nächsten Hundert Jahre." Wir steigen am Bahnhof Brandenburger Tor in den U-Bahn-Tunnel, sofort wird es kühler. Die künstliche Vereisung des Erdreiches beim Tunnelbau wirke noch Jahre nach.

Die Rolltreppe funktioniert nicht, Sigrid Nikutta missfällt das sichtlich. Sie schaut sich um, aber findet niemanden, den sie jetzt beauftragen könnte, sich sofort darum zu kümmern. "So war das aber nicht gedacht", moniert sie und nimmt die Treppe. Am Bahnsteig beim Ticketautomaten erzählt sie, dass ihr ältester Sohn einmal gesagt habe, er müsse nicht zahlen, da seine Mutter die Chefin sei. "Ich meinte zu ihm, dass er dann zur Bußgeldstelle müsse, wie jeder andere Fahrgast."

Nachdem das Ticket ("Entwerten!") entwertet ist, ruft der U-Bahnfahrer von weitem: "Ach! Die große Meisterin! Man erkennt eben seine Schweine schon am Gang!" Dann leiser: "Ist nicht persönlich gemeint." Sigrid Nikutta kann Berliner Jargon gekonnt weglächeln, immerhin klingt das "große Meisterin" noch freundlich nach. Solche Situationen zeigen, dass sie nach zwei Jahren dazugehört, auch auf die Baustellen und in die U-Bahnschächte. Ganz selbstverständlich lädt uns der Bahnfahrer mit in das Führerhaus.

Die BVG-Chefin steht nun neben ihm im Dunkeln, ist neben dem Fahrer kaum zu erkennen, als der Zug durch den eisigen Tunnel rattert, nur übertönt von ihrer energischen Sophie-Rois-Stimme. Die beiden fachsimpeln über Reparaturen ("Das Großprofil hat Nachholbedarf") und über die Zugarten ("Die A3L71 lösen wir jetzt ab"). Man bekommt das Gefühl, dass die beiden dieselbe Sprache sprechen. Beim Abschied unter dem Hauptbahnhof sagt sie zu dem Bahnfahrer nicht "Tschüsschen", aber in dem kurzen Dialog der beiden erscheint wirklich unwichtig, wer was gesagt hat: "Ich wünsch' dir was." - "Bis zum nächsten Mal."