Tag der Deutschen Einheit

„Heimat – die Würde des Echten“

Heimat ist der konkrete Raum. Hier erfährt man die Originaleindrücke, zum ersten Mal also, was das ist: Fluss, Berg, Baum, Haus, Familie.

Im konkreten Raum wird der abstrakte Raum („Welt“, „Europa“, „Deutschland“) zur Wirklichkeit. Dort wird er zum Vertrauen und Vertrautsein, Kindheitsbegriffe, die zum Gebiet der Kindheit gehören – das Enttäuschen der Kindheitsbegriffe nennt man Erwachsenwerden ….

Heimat also. Der Fluss meiner Kindheit glitt nachts durch das Zimmer eines abenteuerhungrigen Jungen in einem Johannstädter Plattenbau. Die Elbe erzählte, trug mir die Märchen des Riesengebirges zu, Moldaugeflüster und die Sagen von Prag, das Waffengeklirr vergangener Schlachten und die Namen der Sachsenkönige. Wie viele Jungen zog mich das Wasser an, stundenlang trieb ich mich am Elbufer herum und beobachtete die Dampfer der Weißen Flotte, träumte vom Davonfahren und von der großen Stadt Hamburg, die ja auf für einen Dresdner schwer begreifliche Weise ebenfalls an der Elbe liegt, allerdings an einer meerdunklen, schon von den Gezeiten erreichten Elbe. …

Die Elementargewalten haben Sachsen durch die Jahrhunderte immer wieder mitgespielt. Keine so verheerend wie die von Menschen entfesselten. Die Elbe erzählte davon, ich wusste, dass der friedliche Wasserspiegel täuschte, die Toten unzähliger Kriege waren den Fluss hinabgetrieben. Die Geschichte war nicht fern. … Während meiner Armeezeit half ich als dritter Mann auf einem Schaufelradbagger im Tagebau Espenhain; in der Faschingsnacht 1989, der Baggerführer war betrunken und hatte mich gebeten, seine Arbeit zu übernehmen, grub ich ein Totenfeld an, einen der Wehrmachtsstahlhelme nutzte die Baggerbesatzung später als Fettfänger unter dem Rost, auf dem Steaks gebraten wurden.

Der 13. Februar 1945 ist bis heute kaum vergangen. Und dass bis 1994 der größte militärische Rückzug der bekannten Geschichte, der Abzug der in Ostdeutschland stationierten Teile der Sowjetarmee, stattfand, erinnert mich an jene Zeit, in der es in Dresden Klein-Moskau gab, die Albertstadt als nahezu geschlossenes sowjetisches Viertel, und russische Uniformen zum Stadtbild gehörten. Wie verwundert war ich als Junge, dass beim Friseur Harand auf einem Bord die Rasierschalen und -pinsel der Honoratioren des Viertels standen, neben den Schalen mit den Aufschriften „Manfred von Ardenne" und „Theo Adam“ eine, die nicht mehr im Gebrauch, aber aus welchen Gründen auch immer auf ihrem Platz belassen war: Paulus, sagte das Namensschild. Der Generalfeldmarschall, Befehlshaber der 6. Armee, der Stalingrad-Armee, hatte bis zu seinem Tod 1957 wenige Straßen entfernt gewohnt und sich bei Harand rasieren lassen. Markus Wolf, Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, hatte unterhalb der Schwebebahn ein Anwesen, in das Günter Guillaume und Frau zum Ausruhen und Akklimatisieren verbracht wurden, nachdem ihre Spionagetätigkeit aufgeflogen war, die Willy Brandt die Kanzlerschaft kostete. …

Wir flogen, vor dem Mauerfall, nicht ans Mittelmeer, wir fuhren (wenn es hochkam, mit dem eigenen Auto, sonst per Rad, Zug und Bus) nach Bautzen und Meißen, auf Novalis’ Spuren in die Bergstadt Freiberg, bewunderten die Goldene Pforte am Dom und die Tulpenkanzel des Meisters H.W. Die Reisen blieben im Nahen. Kirchen und Museen wurden besichtigt, was den Sinn dafür entwickelte, dass es vor einer Gegenwart, die von der Vergangenheit nicht viel wissen wollte, auch schon etwas gegeben hatte, dass Bach und Luther, Silbermann und Adam Ries, Caspar David Friedrich und Carl Maria von Weber, Nietzsche und Wagner nicht auf einem anderen Planeten gelebt und gewirkt hatten, sondern in mitteldeutscher Landschaft, in Sachsen. Mein Vater zeigte mir alte Wirtschaftskarten, wies auf die hiesige Industriestruktur hin. …

Meine Vorfahren stammen aus Hamburg, und mit dem Pragmatismus der Hansestadt, die nicht nur der Elbe wegen die Partnerstadt Dresdens ist, hat der sächsische Sinn einiges gemein. Vielleicht sind wir etwas mehr monarchistisch gesinnt als die Hamburger, wenngleich unser Bürgerbewusstsein ebenfalls ausgeprägt ist, wie sich bei jeder Diskussion um eine Waldschlößchenbrücke zeigt. …

Es geht also doch nicht ganz ohne Pathos ab, und das macht uns anfälliger gegenüber Verführungen, guten wie bösen, als es die hanseatischen und englischen Verwandten sind, anfälliger für den Rausch der Sehnsucht, der den Wiederaufbau der Frauenkirche, eine in der Demokratie nahezu einzigartige Leistung, ebenso möglich machte wie vorher die Verbrechen des Dritten Reichs und den 13. Februar 1945. Nicht nur was das betrifft, neigen so manche Sachsen zu so manchen Verklärungen. Auch das hat, natürlich, mit Geschichte zu tun; sie hat es nur selten gut gemeint mit Sachsen, das ja, wie man sagt, das Talent hatte, immer wieder auf der falschen Seite zu stehen. Aber es hatte auch das Talent, sich aus den Niederlagen immer wieder aufzurichten.

Heute, am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit ebenso wie der Wiedergründung des Freistaats Sachsen, sollten wir uns daran erinnern. Erinnern sollten wir uns daran im zehnten Jahr nach der Flut, die ganz Sachsen erfasste und seine scheinbar gemütlichen Flüsse von einer anderen Seite zeigte. Die Zerstörung war mit einem Kriegsgeschehen vergleichbar. Die Aufbauleistung, getragen von einer nicht für möglich gehaltenen Solidarität, sollte die Gesellschaftspessimisten nachdenklich stimmen. Denn es gibt nicht nur das Scheitern, es gibt auch das Gelingen. Nicht nur Zerstörung, sondern auch Aufbau. Nicht nur Gefangenschaft im Unentrinnbaren, sondern auch, wie kurz auch immer, Momente der Freiheit. Zu meiner sächsisch geprägten Lebenserfahrung gehört nicht nur, dass im Grunde eine Katastrophe der anderen folgt, dass wir, betrachten wir’s genau, eigentlich immer Krise haben, sondern auch, dass es sich lohnt zu kämpfen, dass die Mutlosigkeit die Pförtnerin zu den Katastrophen ist. Wer hätte gedacht, dass es möglich sein würde, das von Waffen starrende, einschüchternde, staatssicherheitsdurchsetzte System der DDR zu bezwingen, nur mit der Courage Einzelner, die widerständig waren und es wagten, für ihre Überzeugungen auf die Straße zu gehen? Die 89er-Revolution, die wir heute mitfeiern, ging von sächsischen Städten aus, von Plauen, Leipzig, Dresden. Denn auch das gehört zum sächsischen Charakter: sich nicht unterkriegen zu lassen. Das kann uns Mut machen für unsere Zeit, in der die Euphorie der 89er-Revolution längst verflogen ist.

Verlust und Utopie

Viele Menschen haben das Gefühl, dass etwas ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt. Dass wir darüber nachdenken müssen, ob die derzeitige Gesellschaftsordnung noch in der Lage ist, die Probleme zu meistern. Leben wir tatsächlich in einer Demokratie? Oder zeigen sich nicht vielmehr feudale Züge in unserer sozialen Verfasstheit? Man könnte sie eine Tele- oder Talkshowkratie nennen. Die Aufbruchshoffnungen von 1989 sind der Düsternis unserer krisengezeichneten Gegenwart gewichen. Es herrscht eine seltsame Stimmung, viele Menschen flüchten sich in Nischen, Angst, Verzagtheit, Opportunismus herrschen, Depression. Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf blühende Landschaften erscheint als Illusion. In vielem erinnert mich diese dunkle Windstille an die Stimmung der späten DDR.

Wir leben ja gar nicht in utopiefernen Zeiten. Wenn Utopie bedeutet, die Gegenwart auf ein Luftschloss hin zu orientieren, haben wir sehr wohl eine Utopie zu bieten, die der Gestalt gewordenen namens real existierender Sozialismus in mancher Hinsicht entspricht. Es gehört zu den Eigenarten unserer Zeit, alles ins Abstrakte, Virtuelle zu verlagern. Geld ist nicht mehr konkretes, wertrückgebundenes Zahlungsmittel, sondern mutiert mehr und mehr zu einer Zifferngalaxie in Hochgeschwindigkeitscomputern, wo in Sekundenbruchteilen mit Aktienwertverschiebungen Gewinne gemacht werden, die mit realer Wirtschaft, wo jedes Wachstum Zeit und Mühe braucht, nichts mehr zu tun haben. Reale Unternehmen werden irreal bewertet, aber ganz real beeinflusst, unter Umständen vernichtet. Zweite Wirklichkeit frisst sich in die erste, überlagert die erste bereits. …

Der Begriff Heimat ist hierzulande ein belasteter, gleichwohl bezeichnet er etwas, ohne das niemand auskommt: Rückbindung an das Konkrete, an Herkunft, ohne die es keine Zukunft gibt, an eine bestimmte Art und Weise, sich zum Leben und zueinander zu verhalten. Die Kraft für Veränderungen kommt aus dem Konkreten, aus der Heimat – und wahrscheinlich nur von dort. Zum einen, weil man die Bedrohungen zuerst und am sinnfälligsten vor Ort wahrnimmt, zum anderen, weil diese Kraft nur in einem Bürger- und Gemeinsinn entstehen kann, der die tiefere Dimension des Vorstellungsraums Heimat berührt: die geistige Gemeinschaft, wie sie beispielsweise in vielen Kirchengemeinden für die Friedliche Revolution sinnfällig geworden ist. Das aber heißt Nähe und ist etwas zum Anfassen, wenngleich es geistige Gemeinschaft natürlich auch im Internet gibt.

Aber die kleine Einheit, die handelnd verändert, ist vor Ort tätig und nicht im Irgendwo. Meine Heimat ist Sachsen. Heimat hat ihre Tücken. Nicht immer ist sie Heilmittel, manchmal ist sie Ursache der Probleme. Manchmal ist sie dort, wo die Intrigen mich betreffen. Dennoch ist sie unverzichtbar – wie der Hafen für das Schiff. Heimat im guten Sinn vermittelt Maßstäbe, Sinn für Tradition, ohne die wir im Haltlosen schweben. Unter Heimat verstehe ich nicht Tümelei und Volksmusik à la Oberhofer Bauernmarkt oder Blasmusi’ mit Zither auf Bayern-TV. Das ist die Heimatlüge. Zur Heimatwahrheit gehören die Würde des Echten, der Nähe und der Begrenzung. Die Vorzüge der Ferne werden erst dort sinnfällig, wo es Nähe gibt. Die angenehmen Seiten der Nähe lernt man oft erst in der Ferne zu schätzen. Es geht also um Balance. Globalisierung ist wichtig und wahrscheinlich richtig. In diesem Prozess aber drohen menschliches Maß und Werte wie Rücksicht und Vernunft vergessen zu werden. Heute müssen wir die Langsamkeit, die natürlichen Zyklen von Reifung gegen ein Höher, Schneller, Weiter verteidigen, das sich verselbstständigt, ein faustisches Prinzip Wachstum, das eines offenbar nicht mehr weiß: wofür. Es ist Zeit für eine Besinnung.

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp hat den preisgekrönten Roman „Der Turm“ über das Leben einer Bildungsbürgerfamilie in Dresden zu DDR-Zeiten geschrieben. Die hier abgedruckte gekürzte Rede hielt der 43-Jährige zum Tag der Deutschen Einheit im Sächsischen Landtag.