Berliner Spaziergang

Eine Frau mit Balance und Geschichte

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Claudia Michelsen, Schauspielerin

Einen Moment lang, während sich der Himmel über dem Kurfürstendamm dunkeltürkis färbt in der letzten Dämmerung, während der Vollmond sich bescheiden hinter dem prunkvollen Mercedesstern auf dem Europacenter hervorschiebt, einen Moment lang sieht es so aus, als könnte der Spaziergang zu Ende sein, bevor er überhaupt beginnt.

Mehr Licht, mehr Großstadt geht nicht als hier, auf der Dachterrasse unterhalb des Café Kranzler, wo wir die Fotos von Claudia Michelsen machen wollen. Doch der Weg an die beste Foto-Position ist ein halsbrecherischer Parcours aus Kieselsteinen und unübersichtlichem Krams aus Draht und Metall. Und die Schauspielerin ist in haushohen High Heels gekommen, direkt vom roten Teppich der Astor Film Lounge gegenüber. Dort hat gerade die Premiere von "Der Turm" begonnen, der zweiteiligen Verfilmung von Uwe Tellkamps gleichnamigem Roman, in der Michelsen eine der Hauptrollen spielt. Der Film wird am Mittwoch und Donnerstag jeweils um 20.15 Uhr im Ersten laufen.

Diese Schuhe sind also das Erste, auf das alle gebannt schauen, als die Schauspielerin auf der Terrasse erscheint. Schwarz, Lack, hauchdünne Absätze. Dann, von weiter oben: ein fröhliches "Hallo" und ein Winken. Und dann läuft sie schon über all den Kies und den Krams, als hätte sie olle Turnschuhe an. Die Fotos sind dann die zweite Herausforderung. Der Fotograf dirigiert sie an die Brüstung. Hoch über dem Geraune und Gehupe des Kudamms, zu heulenden Sirenen, hupenden Autos, im Flimmern der Leuchtreklamen rundum entsteht steht das Bild einer Frau, die Balance halten kann.

"Nach Berlin wollten wir alle"

Später wird sie sagen: Ihr erster Eindruck des Kurfürstendamms, des Westens, sei damals genau dieses Licht gewesen. "Ich hatte noch nie eine so hell beleuchtete Straße gesehen, so viele Straßenlaternen." Das ist in etwa 25 Jahre her. Claudia Michelsen stammt aus Dresden, bei ihrem ersten West-Besuch stand die Mauer noch. Sie hatte ihre Schauspielausbildung gerade begonnen, an der berühmten Schauspielschule Ernst Busch im Ostteil der Stadt. Inzwischen kennt sie sich aus mit dem Licht. Sie weiß, wo sie es haben will. Und wo besser nicht.

Claudia Michelsen, 43 Jahre alt, ist heute eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands, auch wenn viele bei dem Namen erst einmal überlegen. Keine Skandale, keine Schlagzeilen im Boulevard. Aber: genau, das ist doch die: die Kommissarin aus "Flemming" (läuft momentan freitagabends im ZDF). Man kennt sie aus ungezählten "Tatorten" und Kriminalfilmen wie "Der Chinese" (2011) nach Henning Mankell. Sie spielte an der Seite von Devid Striesow in dem bewegenden Drama "12 heißt: Ich liebe dich", in dem es schon einmal um die DDR ging, um Stasi, Liebe und Moral. Wie auch in "Der Turm", über den wir gleich reden werden.

Der Film spielt in Dresden, in den 80er-Jahren, als auch Claudia Michelsen noch dort lebte. Heute wohnt sie in Berlin, seit einigen Jahren gleich hier um die Ecke. In Charlottenburg, mit ihren zwei Töchtern und ihrem Lebensgefährten, dem Schweizer Schauspieler Anatole Taubman.

Sie war gerade mal 16, als sie nach Ost-Berlin zog, gemeinsam mit ihrer Freundin Christine Hoppe, die auch Schauspielerin wurde. Ein Abenteuer. Vielleicht liegt es daran, dass sie sagt: Die DDR habe sie nicht als so traumatisch erlebt, wie sie in manchen Filmen heute geschildert werde. In Ost-Berlin zu wohnen, am Kollwitzplatz, habe damals für sie schon sehr viel Freiheit bedeutet. "Nach Berlin wollten wir alle, da waren Schauspieler wie Rolf Ludwig, Kurt Böwe, Dietrich Kramer, Christian Grashof, Ulrich Mühe, Gudrun Ritter - das war der Olymp", sagt sie.

Wir sind inzwischen vom Dach wieder herabgestiegen und laufen durch die Höfe des neuen Kranzler-Ecks, jene Hochhaustürme, die inzwischen schon wieder zehn Jahre hier stehen. Zehn Jahre, und wir verlaufen uns trotzdem. Zwischen Vogelvolieren lauschen wir dem Lärm hinterher: Da muss der Kudamm sein.

Als sie das erste Mal hier stand, sagt Claudia Michelsen, war sie noch über den Grenzübergang Friedrichstraße "eingereist". Sie kam zu einem Gastspiel an der damaligen Freien Volksbühne in West-Berlin: "Zum 8. März, dem Internationalen Frauentag, sollten wir Texte von Rosa Luxemburg und anderen lesen." Am Morgen aber, ganz früh, besuchten sie den Kurfürstendamm, wie sie die Straße respektvoll nennt. "Es war ein Sonntag, um sieben Uhr früh und noch dunkel", erinnert sie sich. Sie schauten in die Auslagen der legendären Heinrich-Heine-Buchhandlung am Zoo, "und dann fuhren wir über den Kurfürstendamm und waren beeindruckt von all dem Licht". Der Gedanke, einfach dazubleiben, sei ihr jedoch nie gekommen. "Ich hatte ja meine Familie auf der anderen Seite der Mauer - und eine wunderbare Ausbildung vor mir."

Wir laufen Richtung Westen, die Läden schließen gerade, aber die Straße wimmelt von Menschen. An der Fasanenstraße biegen wir ab in die Stille. "Eine der schönsten Straßen Berlins", sagt sie, deutet auf das Literaturhaus rechts im Halbdunkel. Im "Literaturcafé" sei sie gern, sagt sie, "die Ruhe dort, das Zeitungsrascheln - dort kann man einfach sitzen, lesen und Kaffee trinken, ohne Musikgedudel". Die Atmosphäre erinnere sie an Wiener Kaffeehäuser.

Etwas weiter steht das Käthe-Kollwitz-Museum, eine Stuckvilla, liebevoll saniert und ausgeleuchtet. "Sie habe seit langem vor, das Museum zu besuchen", sagt sie, nicht zuletzt wegen der Verbindung zum Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg, wo sie einst wohnte. Die Büste von Käthe Kollwitz, die lange vor deren einstigem Wohnhaus stand, musste in einem unfreiwillig symbolischen Akt vom Platz verschwinden, als dort neu gebaut wurde. Der Prenzlauer Berg, sagt Claudia Michelsen, sei heute eine Insel. "Meinen alten Kollwitzplatz finde ich dort heute nicht mehr." Berlin als Stadt aber liebe sie dennoch sehr. "Ich mag Mitte, die Hackeschen Höfe, die Atmosphäre aus Künstlern, Touristen, Menschen, die etwas erleben und entdecken wollen", sagt sie und fügt hinzu: "Und dann kehre ich auch gern nach Charlottenburg zurück, wo es gesetzter zugeht." Das Wort spießig will sie nicht verwenden. Vielleicht trifft es "bürgerlich"? "Im besten Sinne - hier leben ja Bürger aus allen Schichten, reiche, arme, junge, alte - eine intakte Mischung."

Das heutige Kollwitz-Museum, 1871 als erste Villa der Straße erbaut, konserviert das alte Bürgertum - so wie jene Villen im Bürgerviertel Weißer Hirsch in Dresden, in dem Uwe Tellkamps "Der Turm" spielt. Die Protagonisten sind gewissermaßen die letzten Vertreter des Bürgertums, für das in der DDR kein Platz mehr war. Michelsen spielt Anne, die zentrale Figur: Sie hält die Familie zusammen, äußeren Zwängen und moralischen Verwerfungen zum Trotz, bis es nicht mehr geht. Ihr Ehemann ist ein Arzt, gefangen in einem Geflecht aus Karriere, Familie und Stasi. Der ebenso strebsame Sohn gerät in der Schule zwischen die Fronten, als er sich zum Klassenstandpunkt erklären soll.

Anne sei eine Frau, deren Konflikt größtenteils auch in anderen politischen Umständen hätte stattfinden können, sagt Michelsen. "Sie versucht, auszuhalten, aber irgendwann beschließt sie zu handeln." Claudia Michelsen spielt häufiger solche Frauen. Nicht jene mit den großen Gesten und lauten Tönen, sondern die scheinbar beherrschten, deren Drama anders sichtbar wird. Je leiser sie spricht im Film, desto größer ist oft die Emotion.

Manche Kritiker beschreiben ihre gekräuselte Stirn, das Lupfen einer Augenbraue als typische Stilmittel. Doch es ist eigentlich nicht die Mimik allein, die sie beherrscht. Sondern das Schweigen als Ganzes. Das vielsagende, das beredte, das bedrückende und das gemeinsame, in dem alles gesagt ist. Schweigen ist, wenn man so will, auch eine Art Beherrschung der Balance.

Claudia Michelsen schlüpft als gesamter Mensch in ihre Rollen. Auch daran mag es liegen, dass man sie im wirklichen Leben nicht so schnell wiedererkennt. Während wir über den Kudamm laufen, schaut ihr wohl der eine oder andere nach, was an ihrer Bekanntheit liegen kann oder auch an der eleganten Erscheinung. Angesprochen wird sie nicht. Die Kritik hat sie oft gefeiert. Man könne sich nicht an ihr sattsehen oder: sie sei "ein Glück fürs deutsche Fernsehen". Verrisse sind selten. Sie reagiert eher verunsichert auf Superlative, auch jetzt, am Abend der Premiere von "Der Turm".

Wir stehen inzwischen an der Uhlandstraße am Cinema Paris, und sie atmet einen Moment tief ein, wie überrascht von den Erinnerungen, die das Kino bei ihr wachruft. "Ich habe früher davon geträumt, nach Paris zu gehen, deshalb war ich damals oft hier", sie lacht. Französisch konnte sie schon gut, sie lacht, doch dann kam es anders. Sie ging nach Los Angeles, zu ihrem damaligen Mann, dem Regisseur Josef Rusnak, "und ich sprach kein Wort Englisch". Mit der Karriere als Schauspielerin sei es mit dem Umzug vorbei, habe sie damals geglaubt. Ein Irrtum, glücklicherweise. Immer wieder flog sie nach Deutschland zu Dreharbeiten, bis sie 2001 ganz zurückkehrte. Mit ihrer ersten Tochter, jedoch ohne den Mann. Auch im wirklichen Leben machen Frauen eben Wandlungen durch.

Entdeckt von Jean-Luc Godard

Für den Film entdeckt wurde Claudia Michelsen von keinem Geringeren als Jean-Luc Godard. "Noch so ein wichtiger Ort hier am Kurfürstendamm." Sie lacht. "Ich traf Godard im ,Kempinski', er wollte mich gerne kennenlernen." Ganze drei Minuten dauerte das Gespräch, erzählt sie, "dann sagte er, er wolle mit mir arbeiten". Wie wichtig dieses Dreiminutengespräch für sie war, sagt sie, habe sie erst viel später begriffen. "Und auch, was für eine Größe, was für ein Kopf Godard eigentlich war."

Wir kehren zurück in die Gegenwart, laufen zurück Richtung Premierenkino, wo die Schauspielerin am Abend für einen zweiten Auftritt erwartet wird - und wo ihre ältere Tochter momentan mit in der Vorführung sitzt. Sie ist 15. Interessiert man sich in diesem Alter für einen Dreistundenfilm über die DDR?

Ja, meint Claudia Michelsen. Ihre Töchter - die jüngere ist neun - fragten schon ab und an nach der Vergangenheit. Sie sagt, sie finde es schwer, die DDR Kindern theoretisch zu erklären. "Der Turm" erzählt die DDR aus der Sicht von Menschen, auch sehr jungen. Ihr "Film-Sohn" ist nicht viel älter als ihre Tochter. "Ich habe keine Ahnung, ob meiner Tochter der Film gefällt, aber bin gespannt, was sie sagen wird", meint Claudia Michelsen.

Lohnt es sich, DDR-Geschichte heute noch als Film zu erzählen? Als wir ins Premierenkino zurückkehren, lassen uns die Bodyguards über den roten Teppich passieren. Drinnen läuft wie als Antwort auf die Frage gerade jene Szene des "Turms", in der die Stasi den Film-Ehemann Richard mit seiner Geliebten und seinem unehelichen Kind erpresst. Bis auf den Dialog aus dem Fernseher ist es still.

Als sie zum Casting für den "Turm" eingeladen wurde, sagt Claudia Michelsen, sei sie zunächst kritisch gewesen. "Die DDR wird mittlerweile oft mit einem Druck erzählt, den ich so nie empfunden habe", sagt sie. "Es gab 17 Millionen DDR-Bürger - jeder hat die DDR anders empfunden." Warum entschied sie sich dann doch für den "Turm"? Regisseur Christian Schwochow, sagt sie, habe eben nicht diese belehrende Art, anderen zu zeigen, wie die DDR war. "Sein Film gibt jedem die Möglichkeit, teilzunehmen und sich ein Bild zu machen - oder es auch zu lassen." Aus dem Vorführraum dringt die Klaviermelodie, das Hauptmotiv des Films, ansonsten herrscht andächtige Stille. Auch das ist eine Antwort auf die Frage, ob DDR-Geschichten heute noch erzählt werden können: offenbar ja. Die Frage ist eher, wie.

Während "Der Turm" zum Tag der Wiedervereinigung den Blick noch einmal auf die DDR lenkt, reist Claudia Michelsen Richtung Westen - und Gegenwart, für den nächsten Film. Im hessischen Kleinstädtchen Biedenkopf wird der Erfolgsroman "Grenzgang" von Stephan Thome verfilmt. Wieder geht es um komplizierte Familien und Gefühle. Wieder spielt Michelsen eine Hauptrolle. Wieder ist es eine Herausforderung, aber offenbar mag sie die ja. Sie lacht wieder so vergnügt wie zu Beginn unserer Begegnung auf der "Kranzler"-Terrasse und sagt: "Diese Arbeit macht unglaublichen Spaß."