Porträt

Mit Chuzpe und Charisma

Aus der „ersten und zweiten Reihe“ der Bundespolitik verabschiede er sich, sagte Peer Steinbrück. Nun sei „der Zeitpunkt gekommen, wo ich Platz für Jüngere mache und aus der ersten Reihe der Politik ausscheiden möchte“.

Es dürfe kein Weiter-so geben, daher habe er „gerade für meine Person eine Konsequenz daraus gezogen“. Drei Jahre ist es her, dass Peer Steinbrück so sprach.

Jetzt ist er wieder mittendrin. Kanzlerkandidat der SPD. Nach und nach hat er sich mit dem Gedanken angefreundet, Werbung für sich gemacht, sich zeitweilig wieder zurückgenommen, zuletzt aber seinen Ehrgeiz kaum noch verborgen. Zuweilen wirkte es so, als dränge Steinbrück auf eine baldige Entscheidung. Erst vor einer Woche hatte das Magazin „Cicero“ gemeldet, Steinbrück werde Kandidat. Ausgerechnet auf Einladung von „Cicero“ wurde dann bekannt, er trete am 2.Dezember im Berliner Ensemble auf. Am ersten Advent also. Sollte er da womöglich schon inthronisiert sein?

Krisenmanagementpotenzial

Am Dienstag stellte Steinbrück in der SPD-Bundestagsfraktion sein Konzept zur Regulierung der Finanzmärkte vor. Es sei der Auftritt des „gefühlten Kanzlerkandidaten“ gewesen, hieß es nachher unter Abgeordneten. Sein unbändiger Wille zur Kandidatur drang ihm so aus jedem Knopfloch und jeder Pore, dass es schwerfiel, da noch an einen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier zu denken.

Auf den letzten Metern wurde der Zeitplan nun kräftig durchgeschüttelt. Mit seiner Ausrufung am 28.September um 15.15 Uhr hatte der Kandidat gewiss nicht gerechnet. So ist das meistens in dieser Partei, wenn es um Personalia geht. Ausgelöst wurden die im Nu bestätigten Nachrichten der Kandidatur Steinbrücks, indem bekannt wurde, Fraktionschef Steinmeier werde nicht ins Rennen gehen. Damit hatte der eine der zwei vermittelbaren Männer aus der sogenannten Troika die Segel gestrichen. Steinbrück ist also zum Kandidaten geworden, weil Steinmeier nicht wollte und Sigmar Gabriel, der Dritte im Bunde, nicht konnte. Nicht Gabriel, der Parteichef, rief also den Kandidaten Steinbrück aus, sondern Steinmeier. Das hat auch mit seiner Kampfkraft und seinem Krisenmanagementpotenzial zu tun. Sie machen den 65-jährigen Steinbrück zum Kandidaten, übrigens zum ältesten für das Bundeskanzleramt, den je eine Opposition nominiert hat.

Deutschland wird mit ihm einen spannenden Wahlkampf erleben. Er wird sich erheblich unterscheiden vom letzten, als Langeweile und „asymmetrische Demobilisierung“ Stil, Temperatur und schließlich das Ergebnis bestimmten. Peer Steinbrück besitzt Chuzpe und Charisma. Er ist intelligenter, sprachmächtiger, ironischer und skrupelloser als andere Spitzenpolitiker. Steinbrück ist ein „Typ“, er ist kenntlich und alles andere als glatt geschliffen. Steinbrück wird die Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) kräftig attackieren; er hat längst damit begonnen.

Seinen Satz, er werde „nie wieder“ in ein Kabinett Merkel eintreten, wird man von ihm wohl noch manches Mal hören. Es geht ihm darum, eine SPD-geführte Bundesregierung zu bilden. Offiziell mit den Grünen. Aber wieso nicht auch noch mit einer Sechs-Prozent-FDP? Zumal, wenn dort sein Kumpel und Kieler Kommilitone Wolfgang Kubicki den Ton künftig stärker angibt?

Mit dem Konzept zur Bankenregulierung hat Steinbrück seinen inhaltlichen Aufschlag für den Wahlkampf präsentiert. Gleich 30 Mal findet sich in seinem Papier das Wort Regulierung. Im SPD-Grundsatzprogramm aus dem Jahre 2007 kommt es zweimal vor. Mancher in der Partei erinnert sich, wie einst der Bundesfinanzminister – und stellvertretende SPD-Chef – Steinbrück den Begriff Regulierung scheute wie der Teufel das Weihwasser. Regulierung, dieses Wort, das damals noch nach Oskar Lafontaine klang, mochte Steinbrück gar nicht. Er wollte sich nur auf das Wort Transparenz einlassen. Gerade einmal fünf Jahre ist das jetzt her.

Peer Steinbrück wirkt wie ein alter knorriger Baum, der sich nicht verbiegt. Doch dieses Bild trügt. Steinbrück ist beweglicher und pragmatischer, als er vorgibt zu sein. In diesen Tagen trägt er es schulterzuckend mit, dass die SPD nun die Rente mit 67 verwässert. Anders als Steinmeier plagen ihn deshalb keine politischen Bauchschmerzen. „Im Himmel ist kein Jahrmarkt“, ruft Steinbrück zuweilen, wenn seine Parteifreunde mal wieder überbordende Sozialausgaben planen. Doch als die große Koalition von den rot-grünen Arbeitsmarktreformen abrückte, ärgerte sich Steinbrück – aber er schwieg.

Manchmal legt Steinbrück eine Kompromisslosigkeit an den Tag, die befremdet. Einst in Regierungszentralen politisch sozialisiert, von einer Dominanz der SPD geprägt, denkt Steinbrück hierarchisch und durchaus autoritär. Mit den Grünen kann Steinbrück wenig anfangen. Sie sind ihm kulturell fremd. Als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident hat er eigentlich nur verbrannte Erde hinterlassen. „Wir haben nicht eine Koalitionskrise“, retteten sich die Grünen in Düsseldorf damals in Sarkasmus, „wir sind eine Koalitionskrise.“

Schwieriges Verhältnis

Oft wird das schwierige Verhältnis zwischen Steinbrück und den Genossen beschrieben, die er schon mal als „Heulsusen“ beschimpfte. Dabei sollte das Wort ein Appell an die eigenen Leute sein, selbstbewusster aufzutreten. Eine Herausforderung wird es auch sein, ein belastbares persönliches und politisches Verhältnis zu den Grünen herzustellen. Das fehlt bislang. Ein Gespann vermag man in Steinbrück und Claudia Roth – oder Jürgen Trittin, je nachdem – noch nicht erkennen.