Interview

„Früher war die Facebook-Seite noch Praktikantenaufgabe“

Jörg Eisfeld-Reschke ist Mitbegründer des Berliner Social-Media-Beratungsunternehmens Ikosom, das mehr als 300 Unternehmen und Einzelpersonen berät, und Mitorganisator der Social Media Week.

Jan Schapira hat mit dem 28-Jährigen über die Bedeutung von Social Media für die Wirtschaft, den Umgang mit dem Tod im Internet sowie über die beliebter werdende Finanzierungsmethode Crowdfunding gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Social Media gewinnt für die Wirtschaft zunehmend an Bedeutung. Welche Entwicklungen lassen sich dabei beobachten?

Jörg Eisfeld-Reschke:

Für immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen ist Social Media fester Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit. War es früher noch die Aufgabe des Praktikanten, eine Facebook-Seite zu erstellen, wird heute oft festes Personal zur Pflege der Sozialen Medien eingestellt. Es findet eine Professionalisierung im Bereich Soziale Medien statt.

Welche Möglichkeiten bietet Social Media kleinen und mittelständischen Unternehmen heute?

Sie können sich über Social Media zum Beispiel Rückmeldungen von den Kunden holen. Über Marktforschung lässt sich schon lange die Zufriedenheit von Käufern für ein Produkt abfragen. Das ist aber recht umständlich. Social Media kann hier ein Kanal sein, um zeitnah und kostengünstig die Akzeptanz einer Ware zu ermitteln. Ebenso kann die Meinung von Kunden dazu dienen, ein Produkt weiterzuentwickeln.

Social Media kann auch eine Möglichkeit für die Wirtschaft sein, um Mitarbeiter zu rekrutieren.

Das Internet wird noch viel zu selten genutzt, um qualifizierte Mitarbeiter aufzuspüren. Dabei gibt es auf Blogs und auf Twitter unzählige Menschen, die regelmäßig zu einem spezifischen Thema schreiben und über Fachwissen verfügen. Ebenso haben Personen, die Erklär-Videos auf YouTube einstellen, offensichtlich zu diesem Thema Expertise.

Sie werden auf der Social Media Week einen Vortrag über Soziale Medien und Tod halten. Inwiefern verändert das Internet unseren Umgang mit dem Sterben?

Sehr kranke Menschen, die ihren Tod absehen können, nutzen inzwischen häufig YouTube-Videos und Blogs, um sich von Freunden und Angehörigen zu verabschieden. So stellte ein an Leukämie erkrankter Junge regelmäßig Videos auf YouTube, in denen er von seinem Leben, seinen Krankenhausbesuchen und seinem baldigen Tod erzählte. Das Video wurde millionenfach geklickt.

Nicht immer ist aber der Tod voraussehbar. Spielt das Internet auch bei plötzlichen Todesfällen eine Rolle?

Oft wird dann an den gleichen Orten im Internet weiterkommuniziert, die die Verstorbenen zu Lebzeiten aufsuchten. So wird die Kommentar-Funktion auf Facebook-Seiten genutzt, um sich weiter über den Toten auszutauschen und ihn gemeinsam zu erinnern. Social Media schafft einen Platz des Gedenkens im Internet, den ich auch selbst nutze. Einer meiner besten Freund ist letztes Jahr unvorhergesehen gestorben. An seinem Grab in Flensburg war ich dreimal, seine Facebook-Seite habe ich dagegen Dutzende Male besucht.

Ein anderes wichtiges Thema der Social Media Week ist Crowdfunding, also das Sammeln von Geld vieler Internetnutzer für ein Projekt. Wie entwickelt sich dieses Prinzip in Deutschland?

Crowdfunding hat seinen Ausgangspunkt im kulturellen Bereich genommen, bei Musik und Film. Es kann besonders für Künstler interessant sein, die von Förderprogrammen und der Kulturförderung nicht berücksichtigt werden. Ikosom hat 2011 eine Studie zu Crowdfunding angefertigt, es ist ein wachsender Markt. Im Geschäftsjahr 2010/11 wurden erst 280.000 Euro über Crowdfunding bewegt. Dieses Jahr werden es bei bereits eine Million Euro sein, und im nächsten Jahr ist mit einer Summe zwischen 2 bis 2,5 Millionen Euro zu rechnen.