Jugend

Drei Stunden Schule, fünf Stunden Spielen

Weltkindertag: Die UN fordern mehr Zeit für die Kleinsten. Berliner Kinder erzählen, wie viel Zeit sie haben – und wie viel sie gern hätten

Wenn sein Vater morgens ins Büro fährt, sitzt Justus schon im Klassenraum – für ihn hat der Arbeitstag da schon begonnen. Sechs, manchmal sieben Stunden Unterricht hat der Sechstklässler am Tag, dazu kommt noch an einem Tag in der Woche eine Arbeitsgemeinschaft, ein optionales Unterrichtsangebot der Schule. Und natürlich muss der Elfjährige am Nachmittag auch noch seine Hausaufgaben erledigen. Justus hat Glück oder er ist gut organisiert – er schafft sie meist in einer halben Stunde. Aber viele seiner Klassenkameraden brauchen deutlich länger.

Im Schnitt 38,5 Stunden in der Woche sind Kinder in Deutschland mit Schule und Hausaufgaben beschäftigt – so viel wie Erwachsene mit einem Vollzeitjob. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Deutsche Kinderhilfswerk und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) Deutschland zum Weltkindertag am heutigen Donnerstag veröffentlicht haben. In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto „Kinder brauchen Zeit“. Um herauszufinden, wie Kinder in Deutschland ihren Tag verbringen, haben die beiden Organisationen eine Online-Umfrage gestartet, an der sich rund 2000 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren beteiligt haben. Die Schule steht in dem Zeitranking bei allen Befragten an erster Stelle. Während sie bei Grundschülern mit 35,3 Stunden zu Buche schlägt, sind es bei Jugendlichen der neunten bis 13. Klasse sogar 45,2 Stunden.

Schule und Hausaufgaben seien wichtig, sagt Unicef-Pate und Kika-Moderator Ben angesichts des Umfrageergebnisses: „Aber Kinder brauchen auch Freiraum für sich selbst. Lehrer und Eltern müssen ihnen genug Zeit zum Spielen lassen, denn Kinder haben ein Recht darauf.“ Und der Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks, Schauspieler Axel Pape, fügt an: „Ich halte die Tendenz für falsch, dass die Schulzeit immer früher absolviert werden soll, dabei geht zu viel verloren, was für die Entwicklung nötig ist.“

Rechte der Kleinsten

Der Weltkindertag wurde 1954 von den Vereinten Nationen (UN) ins Leben gerufen. Der Tag, in Deutschland der 20. September, soll auf die Rechte der Kleinsten in der ganzen Welt aufmerksam machen. Der Deutsche Kinderschutzbund hat am Mittwoch eine Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz gefordert. Kinder und Jugendliche bräuchten Schutz und Förderung, seien jedoch nicht wahlberechtigt und könnten damit keinen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, erklärte der Verband. Das Recht auf gesundes Aufwachsen, Schutz, Förderung, Bildung und Beteiligung müsse in die Verfassung aufgenommen werden.

Das Deutsche Kinderhilfswerk feiert den Weltkindertag mit einem großen Familienfest, das am Sonntag zwischen elf und 18 Uhr auf dem Potsdamer Platz stattfindet. Es ist inzwischen das größte nicht kommerzielle Kinder- und Familienfest Deutschlands, im vergangenen Jahr kamen rund 100.000 Besucher. Um das diesjährige Motto zu unterstreichen, haben Schüler bereits am Mittwoch auf dem Alexanderplatz vor der Weltzeituhr eine überdimensionale Grafik aus Pappschachteln errichtet, die das Umfrageergebnis verdeutlichen soll. Den Veranstaltern geht es darum, dass Kinder bei gestiegenen Bildungsanforderungen und einem durchorganisierten Tagesablauf immer weniger Zeit für kreative Pausen bleibe. Gleichzeitig haben auch die Eltern weniger Zeit für ihre Kinder. Unicef und Kinderhilfswerk warnen deshalb davor, dass den Kindern „soziale Erfahrungen“ verloren gingen, die sie in ihrer freien Zeit machen.

Auch die Online-Umfrage belegt, dass den meisten Kindern für ihr Freizeitprogramm nur wenig Zeit bleibt. Auf Platz zwei des Zeitrankings stehen mit 18 Stunden pro Woche gemeinsame Aktivitäten mit der Familie, auf Platz drei das „Chillen“ mit 15 Stunden, gefolgt von Computerspielen und Fernsehen (14 Stunden). Hier sind vor allem die Jungen aktiv. Während sie im Schnitt 17 Stunden vor den Bildschirmen verbringen, sind es bei den Mädchen nur zehn Stunden. Dabei zeigt sich, dass die gemeinsame Zeit in der Familie mit zunehmendem Alter sinkt, während die Beschäftigung mit Computerspielen zunimmt. Erst- bis Viertklässler geben in der Umfrage an, dass sie 25,2 Stunden mit den Eltern und Geschwistern verbringen, bei den Neuntklässlern und älteren Schülern sind es im Durchschnitt nur noch 11,2 Stunden in der Woche.

Dass Kinder ihre Zeit selbst anders einteilen würden, zeigen auch die drei Berliner Beispiele. Bei Justus, Lina und Gianluca unterscheiden sich Wunsch und Wirklichkeit ihrer Tagesabläufe an mehreren Stellen. Weniger Schule beziehungsweise Kita fänden sie aber alle gut.