Interview mit Heidemarie Arnold

„Fördere ich mein Kind nicht eher, wenn es mal chillt?“

Zwischen Schule und Hausaufgaben, Sport, Musik und langen Wegen bleibt Kindern oft kaum noch eine Pause.

Über das Motto des Weltkindertags „Kinder brauchen Zeit“ sprach Anette von Nayhauß mit der Pädagogin Heidemarie Arnhold. Sie ist Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung, der in Berlin die Elternbriefe herausgibt.

Berliner Morgenpost:

Beim deutschen Weltkindertag geht es in diesem Jahr um mehr Zeit zum Spielen. Ist das nicht eigentlich ein Luxusproblem?

Heidemarie Arnhold:

Nein, das ist es nicht. Es gibt in Deutschland viele Kinder, deren Familien genug Geld haben, aber den Eltern fehlt die Zeit für die Kinder. Zugleich gibt es Familien, in denen die Kinder Geld dazuverdienen müssen, um sich die gleichen Dinge leisten zu können wie ihre Klassenkameraden. Diesen Kindern bleibt viel weniger Zeit für sich.

Warum ist Zeit zum Spielen so wichtig?

Spielen ist eine zentrale Grundlage für alle Entwicklungen, Spielen und Lernen kann man gar nicht voneinander trennen. Die Kinder lernen dabei weit mehr, als Eltern manchmal wahrnehmen. So trainiert ein Kind beim Radfahren nicht nur den Gleichgewichtssinn und die Fähigkeit, Entfernungen abzuschätzen. Sondern es versteht auch, welches Fahrrad zu seiner Größe passt und wo es sich im Vergleich mit anderen Rädern einordnet. Spielen ist ein Grundbedürfnis von Kindern, Kompetenzen zum Spielen können gefördert werden oder mit der Zeit verloren gehen.

Aber wenn Eltern wollen, dass Kinder Sport oder Musik machen, sind das doch auch berechtigte Interessen – oder nicht?

Eltern wollen ihre Kinder bestmöglich fördern. Deshalb bilden sie sich in diesem Bereich fort wie keine Generation vor ihnen, und sie setzen sich mit der Frage auseinander, was für ihr Kind am besten geeignet sein könnte. Diese individuelle Förderung ist eigentlich ein großer Fortschritt. Allerdings gerät dabei manchmal aus dem Blick, dass weniger mehr sein könnte. Was Kinder brauchen, aber in den bildungsorientierten Schichten so gut wie gar nicht mehr bekommen, ist Zeit ohne Kontrolle. In der Schule, im Hort, im Sportverein sind immer Erwachsene dabei. Bestimmte Dinge lernen Kinder aber nur unter Kindern – zum Beispiel ein Empfinden für Gerechtigkeit. Wenn bei jedem Streit ein Erwachsener eingreift, können Kinder kein Bewusstsein dafür entwickeln.

Wie viel Zeit zum Spielen braucht ein vier Jahre altes Kind, wie viel ein Zwölfjähriger?

Ein vierjähriges Kind braucht ganz viel Zeit zum Spielen, selbst das Lernen muss in dieser Zeit spielerisch stattfinden. Frühenglisch zum Beispiel, was ja zurzeit sehr gefragt ist, lernen Kinder nur mit Musik, mit Aktivitäten und Bewegung. Still sitzen lernen Kinder erst in der ersten Klasse. Je älter sie werden, desto stärker sind sie in einen Rhythmus eingebunden, in dem das Spielen nicht mehr erwünscht ist. Dennoch spielen auch ältere Kinder – nur eben anders: Wenn Mädchen sich kichernd zusammen schminken, probieren sie Rollen aus, wie sie es früher beim Puppenspiel getan haben. Und natürlich nimmt bei den Älteren die Zeit am PC zu.

Wer als Kind einen durchgetakteten Stundenplan hatte, wird ein effizienter, durchorganisierter Erwachsener. Oder etwa nicht?

Wenn Kinder früh an Leistung orientiert werden, weil alle in der Familie leistungsorientiert und organisiert leben, werden diese Kinder als Erwachsene sicher sehr organisiert und leistungsbereit. Das Kind fördern zu wollen, ist eine gute Grundeinstellung. Aber Eltern müssen immer prüfen, ob sie ihr Kind nicht überfordern, und sich die Frage stellen: Fördere ich mein Kind nicht eher, wenn es mal chillt?

Der ehemalige Salem-Schulleiter Bernhard Bueb warnt, dass wir unsere Kinder verziehen, andere Autoren wie die „Tiger Mom“ Amy Chua fordern mehr Leistungsbereitschaft von Kindern. Sind wir zu weich?

Schon der Name „Tiger Mom“ verrät doch, dass das Buch wenig mit unseren Erfahrungen zu tun hat: Bei uns leben keine Tiger. Im Ernst – man muss gucken: Was passt zu meinem Kind? Bücher über Erziehung sollte man nicht eins zu eins auf die eigene Familie übertragen, sondern mit Blick auf die Frage lesen: Wie kann ich einen Weg finden, der zu uns passt? Das Wichtigste, was Eltern brauchen, ist die Fähigkeit wahrzunehmen, was ihr Kind braucht, und mit ihm darüber zu reden. Dabei hilft es ihnen nicht, einfach ein Modell zu übernehmen wie ein Kochrezept.