Extremismus

Wut auf Amerika

Proteste Ägypten, Libyen, Jemen: In den Ländern des „arabischen Frühlings“ droht der islamistische Terror die demokratischen Ansätze zu zerstören

Durch das noble Stadtviertel Garden City im Zentrum Kairos ziehen am Donnerstagmorgen Tränengasschwaden. Sicherheitskräfte und Demonstranten stehen sich hier seit Dienstag gegenüber. Die Demonstranten werfen Steine auf die Polizisten, die wiederum mit Tränengas versuchen, die meist jungen Männer Richtung Tahrir-Platz zu drängen. Dieser grenzt im Norden an das kleine Viertel Garden City, das vor allem wegen seiner alten Villen bei vermögenden Ägyptern und Ausländern beliebt ist.

Am östlichen Ausgang liegt das Parlament, weiter dahinter das Innenministerium und weitere Regierungsgebäude. Um Garden City verteilen sich die Hauptschauplätze der oft brutalen Auseinandersetzungen der vergangenen 21 Monate, Tränengas ist man hier also gewohnt. Neu ist, dass die amerikanische Botschaft, die in Garden City ihren Sitz hat, Ziel der Demonstranten ist. Um sie davon abzuhalten, das Gebäude zu stürmen, drängen die Sicherheitskräfte die Demonstranten in Seitenstraßen ab.

US-Flagge angezündet

Seit Dienstag demonstrieren Hunderte vor der Botschaft gegen einen Film, in dem der Prophet Mohammed unter anderem als Homosexueller dargestellt wird, der Verständnis für Sex mit Kindern äußert. Der Film „Innocence of Muslims“ (Die Unschuld der Muslime) soll zwar schon im Juli entstanden sein, aber erst jetzt ins Arabische übersetzt und im Internet gezielt verbreitet worden sein. Daraufhin riefen mehrere Salafisten-Gruppen in Ägypten und in zahlreichen anderen Ländern der arabischen Welt zu Protesten auf. In Tunesien demonstrierten so am Donnerstag Hunderte vor der amerikanischen Botschaft in Tunis. Auch in Gaza wurde die amerikanische Flagge von einer kleinen Gruppe Demonstranten verbrannt, um gegen den anstößigen Film zu protestieren. Im Iran, in Bangladesch und in Israel kam es ebenfalls zu Protesten. Im Jemen stürmten aufgebrachte Demonstranten das Gelände der US-Botschaft in Sanaa. Dort holten sie die US-Flagge ein und zündeten sie an. Bei nachfolgenden Auseinandersetzungen mit der Polizei starben zwei Demonstranten, mindestens zehn weitere Menschen wurden verletzt.

In Libyen hatten die Proteste ihren Anfang genommen, dort starben nach Angriffen auf das amerikanische Konsulat am Dienstagabend in Bengasi vier amerikanische Diplomaten, darunter auch der amerikanische Botschafter Christopher Stevens. Washington betrachtet die tödliche Attacke inzwischen zunehmend als geplanten Terrorakt zum „9/11“-Jahrestag. FBI-Ermittler reisten zusammen mit 50 Anti-Terror-Spezialisten in das nordafrikanische Land, um die libysche Regierung bei der dort offensichtlich ernsthaft betriebenen Jagd nach den Tätern zu unterstützen. Die Zerstörer „USS Laboon“ und „USS McFaul“, ausgestattet mit Tomahawk-Marschflugkörpern, nahmen Kurs auf die libysche Küste. Der Drohneneinsatz in der Region wurde ausgeweitet. Die toten Diplomaten, drei Verletzte und alle anderen Mitarbeiter der Botschaft wurden zum US-Stützpunkt Ramstein in Deutschland ausgeflogen.

Spekuliert wird, dass die 20 bis 80 Angreifer zur „Brigade des inhaftierten Omar Abdul Rahman“ gehören und damit Aiman al-Sawahiri folgen, dem Al-Qaida-Führer und Nachfolger des getöteten Osama Bin Laden. Andere Spuren weisen in Richtung der gewalttätigen Islamistentruppe Ansar al-Scharia. Die Ausschreitungen in den anderen Ländern scheinen hingegen eher spontan erfolgt zu sein als Reaktion auf den Mohammed-Film.

„Innocence of Muslims“ zeigt Mohammed als Homosexuellen, der aber auch Cunnilingus mit einer Frau praktiziert und Verständnis für Pädophile hat. Produziert wurde das amateurhaft wirkende Machwerk mutmaßlich von einem bei Los Angeles lebenden koptischen Ägypter namens Nakoula Basseley Nakoula. Im YouTube-Abspann wird hingegen ein „Sam Bacile“ als Autor, Regisseur und Produzent genannt. Unter diesem Namen hatte sich ein Mann in Telefoninterviews als US-amerikanisch-israelischer Immobilienmakler jüdischen Glaubens ausgegeben. Doch offenkundig handelt es sich um ein Pseudonym. Im Internet finden sich keine Spuren von „Sam Bacile“. Israel erklärte, es gebe keinen Staatsbürger dieses Namens. Die Nachrichtenagentur AP stieß über die Telefonnummer von „Sam Bacile“ auf Nakoula Basseley Nakoula. Der 55-Jährige wurde wegen Bankenbetrugs im Juni 2010 von einem Bundesgericht zu einer Zahlung von 794.700,57 Dollar und Gefängnis verurteilt. Laut den Gerichtsunterlagen benutzte Nakoula die Aliasnamen Mark Basseley Youssef, Yousseff M. Basseley und Nicola Bacily. Das klingt „Bacile“ erstaunlich ähnlich.

Die Vorgänge überschatten den US-Wahlkampf. Präsident Barack Obama war von seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney scharf kritisiert worden, weil die US-Botschaft in Kairo am Dienstag in einer Presseerklärung den antiislamischen Film kritisiert hatte. Romney sagte, damit habe „die Obama-Administration in ihrer ersten Reaktion nicht die Ausschreitungen verurteilt, sondern Mitgefühl mit denen ausgedrückt, die diese Angriffe unternahmen“.

Obama vor Wahl unter Druck

Doch die Botschaft veröffentlichte diese mit Washington nicht abgestimmte Erklärung vor dem Beginn der Gewalttaten. Obama konterte, Romney habe „die Tendenz, erst zu schießen und danach zu zielen“. US-Außenministerin Hillary Clinton verurteilt den islamfeindlichen Film am Donnerstag, dieser sei „abscheulich und verwerflich“. Zugleich stellte sie klar, dass die US-Regierung „absolut nichts mit diesem Video zu tun hat“. Gleichwohl bringen die Vorgänge den Präsidenten in den verbleibenden acht Wochen bis zum 6. November unter Druck. Obama muss Erfolge vorweisen bei der Jagd nach den Tätern, nachdem er erklärt hatte: „Der Gerechtigkeit wird Genüge getan.“ Die Regierung wird sich auch der Frage stellen müssen, ob die Sicherheitsvorkehrungen für ihre Diplomaten in einem unruhigen Land wie Libyen ausreichten.

Deutschland verstärkte wegen der gewaltsamen Proteste gegen einen Mohammed-Film in der islamischen Welt den Schutz seiner Botschaften. Einige Vertretungen erhielten zusätzliche Sicherheitsbeamte, erklärte Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Donnerstag.

In Ägypten geht es für viele Demonstranten doch schon gar nicht mehr nur um den Film, sondern um offene Rechnungen mit den Sicherheitskräften. Mittlerweile sind es vornehmlich junge Fußball-Hooligans, die sich am südlichen Ausgang des Tahrir-Platzes, der zur amerikanischen Botschaft führt, mit der Polizei auseinandersetzen. „Ich bin hier, um meinen Propheten zu verteidigen und gegen die Sicherheitskräfte zu demonstrieren, die auch Muslime sind und mich davon abhalten, meine Stimme zu erheben. Nichts hat sich geändert unter Präsident Mohammed Mursi. Die Revolution wird siegen“, sagt der 27-jährige Abdallah al-Masri, der zu den Demonstranten gehört.

Die Muslimbruderschaft hat nun zu Massenprotesten nach dem Freitagsgebet vor allen großen Moscheen des Landes aufgerufen. Mahmoud Hussein, Generalsekretär der Muslimbrüder, rief Ägypter aller politischen Lager dazu auf, teilzunehmen. Auch die Salafisten und andere Parteien wollen mitmachen.