Interview mit Siegfried Steiger

"In der Erste-Hilfe-Ausbildung ist Deutschland ein Entwicklungsland"

- Am 3. Mai 1969 fuhr Björn Steiger in Winnenden mit seinem Fahrrad vom Schwimmbad nach Hause, als ihn ein Auto erfasste und schwer verletzte. Erst eine Stunde später traf der Krankenwagen ein. Passanten wussten dem Jungen, der eine Woche später neun Jahre alt geworden wäre, nicht zu helfen. Er starb am Schock.

Seine Eltern Ute und Siegfried Steiger gründeten daraufhin die Björn-Steiger-Stiftung mit dem Ziel, den Aufbau der Notfallhilfe in Deutschland voranzutreiben. Heute, mehr als 40 Jahre später, arbeitet die Stiftung mit Sitz in Stuttgart weiter daran, die Rettungskette nach Unfällen kontinuierlich zu verbessern. So initiierten die Steigers 2006 beispielsweise die erste kostenlose Handy-Ortung im Notfall. Auch wird die Entwicklung von Baby-Notarztwagen unterstützt. Besonders wichtig ist es der Stiftung aber auch, die Bedeutung von Erster Hilfe als zentrale lebensrettende Maßnahme im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Lukas Reiche hat mit Vorstandsmitglied Siegfried Steiger gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Steiger, wenige Wochen nach dem Tod Ihres Sohns haben Sie mit Ihrer Frau die Björn-Steiger-Stiftung gegründet. Auf welchem Stand waren Rettungsdienst und Erste Hilfe damals?

Siegfried Steiger:

Es gab nichts, weder Rettungsdienst, noch Luftrettung oder Notärzte. Ebenso wenig konnte man überall mit Wählen der 110 oder 112 die Rettung zu Hilfe holen. Neben der Aufstellung von Notruftelefonen haben wir bundesweit die Notrufnummer 110/112 umgesetzt. Alle Parlamentarier sagten uns, das wäre nicht finanzierbar. Dann hab ich bei der Stuttgarter Postdirektion angerufen und gefragt, was die Einrichtung der Notrufnummer für den Regierungsbezirk Nordwürttemberg kostet. Das waren 387.000 Mark, viel Geld, aber finanzierbar.

Gab es schon Kurse zur Ersten Hilfe?

Kaum. Wenige Organisationen boten Kurse gegen Gebühren an, weil sie es selbst auch nicht finanzieren konnten. Auch die Einführung der Sofortmaßnahmen als Pflicht zum Führerscheinerwerb kam erst später. Aber diese Übungen vergessen die Leute nach zwei Jahren. Ich habe vor Kurzem gelesen, dass sich 95 Prozent der Deutschen in Erster Hilfe nicht ausgebildet fühlen. Dabei soll das Deutsche Rote Kreuz inzwischen Gelder für die Erste-Hilfe-Ausbildung im Sudan bekommen. Für Deutschland aber bekämen sie nur wenig Zuschüsse und müssten Kurse gegen Gebühren anbieten, weil es sonst nicht bezahlbar sei. Kurz: Die Erste-Hilfe-Ausbildung in Deutschland ist auf dem Stand eines Entwicklungslandes.

Technisch ist es inzwischen möglich, durch Rettungshubschrauber jeden Ort der Bundesrepublik innerhalb einer halben Stunde zu erreichen. Rettungswagen sind meist noch schneller. Aber die Bereitschaft von Passanten zu helfen ist gering. Haben wir Deutsche Angst zu helfen?

Ich glaube schon. Als wir 2001 mit der Aktion "Kampf dem Herztod" begannen, haben wir mit dem SWR einen Test gemacht. In der Wartehalle des Flughafens ließen wir einen Schauspieler einen Schwächeanfall simulieren, er fiel also auf den Boden. Viele Leute gingen einfach weiter oder beobachteten ihn nur aus der Ferne. Es halfen genau drei Leute, die haben auch alles richtig gemacht - es waren US-Amerikaner. Ich denke, daran hat sich leider wenig geändert.

Wieso ist die Vermittlung Erster Hilfe im Ausland besser?

In den USA zum Beispiel kann keiner der Ausbildung aus dem Weg gehen. Es gibt Kurse in der Schule, an der Universität und am Arbeitsplatz. Das braucht Deutschland auch, und es muss gesetzlich geregelt werden. So lange versuchen wir mit Initiativen wie "Retten macht Schule" und "Kampf dem Herztod", dieses Thema in das Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen. Denn helfen kann jeder - auch Berliner Siebtklässler haben seit 2009 im Projekt "Retten macht Schule" gezeigt, dass sie körperlich und geistig in der Lage sind, mit Herz-Lungen-Wiederbelebung beim plötzlichen Herztod Leben zu retten.

Sie haben dafür gesorgt, dass mehr als 7000 Notruftelefone an Deutschlands Straßen stehen. Inzwischen bauen Sie Ihre Notrufsäulen sukzessive ab, da durch die Mobilfunknutzung mehr Notrufe über Handys abgesetzt werden. Wie sieht die Zukunft des Notrufs aus?

Bei der Einführung der ersten Handys 1991 war uns klar: Das wird die Zukunft. 2005 gab es 65 Millionen Handys in Deutschland. Aber mit dem Handy verlängerten sich häufig die Hilfsfristen, da die Notrufenden selten ihren Standort benennen konnten. Deshalb haben wir 2006 die Handyortung bei Notruf entwickelt. Die Zukunft ist der europäische eCall. Notrufe bei Pkw- und Motorrad-Unfällen werden automatisch ausgelöst, was die Rettungskette erheblich verkürzt.

Für den Kauf des ersten Rettungshubschraubers haben Sie noch Ihr eigenes Wohnhaus verpfändet. Warum sind Sie diese Risiken eingegangen?

Häufig sind wir persönlich eingesprungen, um die Projekte der Stiftung umzusetzen. Zum Beginn der zivilen Luftrettung war es unser Haus, das wir belasteten, um den eigentlich von der Bundesregierung zugesagten Rettungshubschrauber für Frankfurt zu finanzieren. Wir haben damals aus den Erlösen einer Benefizschallplatte und durch die Verpfändung unseres Hauses den Rettungshubschrauber Christoph 2 gekauft und an das Bundesinnenministerium übergeben. Eigentlich wollten wir die Hälfte, damals 550.000 Mark, übernehmen, den anderen Teil wollte der Bundeskanzler Willy Brandt zahlen. Zu diesem Zeitpunkt stellte aber Rainer Barzel die Vertrauensfrage, und damit verlor Willy Brandt seinen Haushalt. So musste ich ein Darlehen für den gesamten Hubschrauber aufnehmen und gab unser Haus als Bürgschaft. Am Tag der Einführung des Hubschraubers sagte meine Frau Ute dann zu Udo Jürgens, der bei der Benefizplatte mitgewirkt hatte: "Schau, da oben fliegt unser Haus."