Kulturszene

Das Ende der bunten Mitte

Tacheles: Heute soll das weltbekannte Kunsthaus endgültig geräumt werden. Viele lässt das mittlerweile kalt - doch für Berlin ist es Wendepunkt

- Früher, da roch es in vielen Treppenhäusern Berlins so. Leicht modrig, feuchter Putz, Urin, Ausscheidungen von Ratten und anderen Kleintieren, Bier und Schweiß. Diese Mischung verlieh gammeligen Fabrikgebäuden mit ihren unendlichen Etagen in beiden Teilen der Nach-Mauerstadt ihre olfaktorische Note. Heute ist dieser Duft fast ausgestorben. In Alt-Mitte riecht man ihn eigentlich nur noch an einem Ort: Im Kunsthaus Tacheles.

Damit ist es jetzt wohl endgültig vorbei. Am Dienstag um acht Uhr hat sich der Gerichtsvollzieher mit dem rechtskräftigen Räumungsbescheid angekündigt in der Oranienburger Straße. Es gilt, das Gemäuer für die geplante Zwangsversteigerung an neue Investoren frei zu machen.

Widerstand werde es nicht geben, sagt Martin Reiter, der Sprecher der Tacheles-Künstler. Man wolle die Berliner Polizisten nicht zum Prügelknaben machen für Versäumnisse der Politik und der Juristen. Sie wollen stattdessen die Papiere mit den mehr als 200.000 Unterschriften für den Erhalt des Tacheles vor den Eingang legen. Dann müssten Anwälte, Banker und Investorenvertreter beim Reingehen "die Unterstützer mit Füßen treten", sagt Reiter. "Dann übergeben wir den Schlüssel und gehen nach Hause." Und Berlin habe dann eben das Tacheles verloren. "Das ist peinlich für die Stadt, nicht peinlich für uns", glaubt der Österreicher.

Besetzt im wilden Wende-Jahr

Im Frühjahr des wilden Wende-Jahres 1990 waren Künstler und Musiker, darunter eine Band namens Tacheles, in die Ruine des früheren Kaufhauses eingestiegen und hatten sie wie so viele andere leere Gebäude in Berlins durch Krieg und Teilung geschundener Mitte mit buntem, lässigem Leben erfüllt. Anderswo wurden im Laufe der Jahre Besetzer legalisiert und Verträge geschlossen. Oder die Nutzer zerstreuten sich mehr oder weniger freiwillig in (noch) ruhigere und billigere Zonen der Stadt. Allein das Tacheles mit seinen renitenten Künstlern blieb "ein bunt schillernder Artefakt in einer verbürgerlichten Wohngegend", wie es der Stadtsoziologe Andrej Holm formuliert.

Zwar gab es mal einen Mietvertrag, 50 Cent den Quadratmeter. Dennoch liefen sechsstellige Mietschulden auf, es kam zur Klage. Seitdem herrscht Krieg zwischen Künstlern auf der einen sowie Anwälten, Investoren und Banken auf der anderen Seite. Reiter und seine Mitstreiter wollten keinen Kompromiss. "Alle Projekte, die sich auf so etwas eingelassen haben, sind doch verschwunden", sagt der Mann mit der grauen Mähne.

Tatsächlich scheint nach dem jahrelangen Tauziehen das Verschwinden des weltbekannten Kunsthauses in Berlin mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen zu werden. Kein linker Aktivist sprüht "Tacheles bleibt" auf eine Mauer, wie das in Verteidigung aller möglichen Projekthäuser zum Ritual gehört. Denn als Linke, die eine politische Ideologie verteidigen, sehen sich Reiter und seine Mitstreiter nicht. Sie hätten sich nie mit anderen linken oder subkulturellen Projekten vernetzt, sondern sich auf ihr "Berlin prägendes Image" verlassen, analysiert der Stadtsoziologie Andrej Holm von der Humboldt Universität. Darauf setzen die Tacheles-Leute noch im Scheitern: "Das wird schöne Bilder geben, wenn um die Welt geht, wie in Berlin Künstler aus Mitte vertrieben werden", sagt Reiter.

Die Räumung hat der Insolvenzverwalter im Auftrag der HSH Nordbank durchgesetzt, die Hauptgläubiger des früheren Eigentümers Fundus des Immobilieninvestors Anno-August Jagdfeld ist. Die maßgeblich den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein gehörende Bank ist selber in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hofft auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag für die 25.000 Quadratmeter in bester Citylage, inklusive der denkmalgeschützten Ruine.

Die Politik in Land und Bezirk kommt über ein paar Worte des Bedauerns nicht hinaus. Kulturstaatssekretär André Schmitz sagte, das Tacheles sei nicht mehr zu retten: "Wir müssen akzeptieren, dass es sich um Rechtsstreitigkeiten zwischen Privaten handelt", so Schmitz. Dabei findet sogar die Bezirks-CDU in Mitte das Aus für das Tacheles "schade", wie Fraktionschef Thorsten Reschke sagt. Er stelle immer wieder fest, dass gerade jüngere Berlin-Besucher das Tacheles gerne sehen würden, sagt der Kommunalpolitiker, der sich auch für die Rettung des Kulturzentrums Schokoladen in der Ackerstraße kümmert. "Das ist vielleicht nicht CDU-Linie, aber es sind eben bestimmte Adressen, die wir in Berlin haben und die uns in Europa auszeichnen", sagt Reschke. Auch Bezirksbürgermeister Christian Hanke bedauert, dass es nicht gelungen sei, eine "gemeinwohlorientierte, selbst verwaltete Lösung" etwa über eine Stiftung zu erreichen. "Wir brauchen gentrifizierungsfeste Inseln und Möglichkeitsräume, in denen nicht alles so durchgestylt ist", sagt der Sozialdemokrat.

300.000 Besucher sind jedes Jahr die bunt bemalten Treppenhäuser hinaufgestiegen, haben in Ateliers und Galerien geschaut, haben in den Bars und Cafés Drinks genommen oder auf der sandigen Brache hinter der Ruine neben dem eingebuddelten Flugzeugrumpf gechillt. Der Reiseführer Lonely Planet nennt das Tacheles "die sixtinische Kapelle der Graffiti". Die Leser der Traveller-Bibel setzten das "coole street Art Hang-out" auf Platz vier aller Orte, wo man in Berlin gewesen sein sollte, direkt hinter den Imbiss "Burgermeister" am Schlesischen Tor und vor dem Brandenburger Tor.

Nur für die aktuelle Kunst, da war das Tacheles schon lange kein wirklich relevanter Ort mehr. Der erste Vereinsvorsitzende und künstlerische Leiter Jochen Sandig verließ das Haus schon 1994, ehe der ganz große Ärger begann, um mit seiner Frau Sasha Waltz deren internationale Tanzcompagnie zu gründen. Inzwischen betreibt er mit ihr gemeinsam das Radialsystem am Spreeufer. Andere ließen sich viel später von einem Anwalt im Auftrage eines unbekannten Investors herauskaufen und sind bestrebt, die Idee des Kunsthauses an anderer Stelle weiterleben zu lassen. Das versucht der Metallkünstler Kemal Cantürk, der mit seinen rostigen Skulpturen das Image des rohen Hauses mitprägte, jetzt in seinem Kunstzentrum Treptopolis in der Nähe des bürgerlichen Baumschulenwegs in Treptow. Der Gastronom Ludwig Eben, der im Erdgeschoss das Café "Zapata" mit lauten Konzerten bespielte, verließ das Haus im Streit mit Martin Reiter und legte seine Abfindung in einem neuen Galerie-Lokal in Prenzlauer Berg an. Auch andere gingen. Denn nicht jeder hatte Lust, sich im permanenten Kleinkrieg mit Banken, Anwälten und Investoren aufzureiben. Viele hatten nur einfach genug davon, als Touristenattraktion angestaunt zu werden.

Linda Cerna, die zweite Sprecherin der Tacheles-Künstler, sagt, die Auszüge hätten der eigentlichen Funktion als Kunsthaus gutgetan. Es werde wieder konzentriert Kunst produziert im Tacheles. Tatsächlich sind immer noch etwa 40 Künstler mehr oder weniger regelmäßig dort, junge Japaner ebenso wie ältere Deutsche. Aber der einzige wirklich international etablierte Tacheles-Künstler ist der Weißrusse Alexander Rodin. Er musste leiden, als im März dieses Jahres im Auftrag des Zwangsverwalters private Sicherheitsleute das Tacheles besetzten und versuchten, die Künstler auszusperren. Sie vernichteten dabei einige seiner Bilder. Ein Gericht stellte im Nachhinein fest, dass die ganze Aktion illegal war. Auch wegen solcher Erfahrungen wollen die Tacheles-Leute keinen Widerstand leisten, wenn Polizisten die Räumung unterstützen.

Selbst bei den Grünen, die sonst vielerorts in der Stadt für den Erhalt von "Freiräumen" eintreten, hält sich die Solidarität im Rahmen. "Misslich" sei es, dass sich der Senat nicht gekümmert habe und sich kein Mitspracherecht zur Zukunft des Hauses gesichert habe, sagt Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Man hätte eine vernünftige Lösung finden können, mit Wohnungen und Ateliers, ist sie überzeugt. Aber jetzt seien die Messen gelesen. Kulturpolitisch lasse sich der Verlust verschmerzen. "Im Tacheles wurde die Kunst schon lange zum Kommerz auf touristischer Ebene", sagt Bangert.

Kulturelle Nutzung festgeschrieben

Für den Soziologen Holm, der seit Jahren Verdrängung und Aufwertung in Berliner Kiezen erforscht, ist es schon ein Wendepunkt, dass nun auch die Tacheles-Ruine verkauft und wohl bald saniert wird. Gerade weil sich das Tacheles eben schnell kommerzialisiert habe, zeige sich, dass in Berlin selbst "erfolgreiche Projekte von Kultur und Subkultur keine Chance" mehr hätten. Gegen immobilienwirtschaftliche Fakten könnten sie nichts ausrichten. "Die Zeit der Spiel-, Entfaltungs- und Freiräume ist tatsächlich vorbei", sagt Holm. Vor allem in Mitte.

Das zeige auch das Schicksal der renommierten und viel besuchten Foto-Galerie C/O, die das wenige Meter vom Tacheles entfernte Postfuhramt demnächst räumen muss. Proteste dagegen fallen in Mitte auch deshalb sehr gering aus, weil es in der Spandauer Vorstadt kaum noch Mieter gäbe, die ihrerseits Angst vor Verdrängung hätten und sich aus Angst, die Nächsten zu sein, mit einem benachbarten Kulturprojekt solidarisierten.

Was aus dem Tacheles-Grundstück werden wird, ist offen. In der Immobilienszene und unter den Tacheles-Künstlern wird davon ausgegangen, der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer wolle sich das Objekt sichern, was dieser jedoch bestreitet. Vermutlich dürfte ein neuer Erwerber mehr Wohnungen und weniger Hotelnutzung einplanen, als das Jagdfeld bei seinem gescheiterten Projekt für ein neues Quartier zwischen Oranienburger- und Friedrichstraße getan hatte. Eines gilt aber für alle Erwerber: Für die Noch-Ruine ist im Bebauungsplan eine kulturelle Nutzung festgeschrieben.